Als vor 25 Jahren die Mauer in der DDR gefallen ist und aus zwei deutschen Staaten einer wurde, war das für Lothar Krater eine bewegte und intensive Zeit. Mit dem Wunsch nach Veränderungen entwickelte sich sein politisches Interesse. 23 Jahre gehörte er dem Stadtrat an.

Havelberg/Nitzow l "Ich habe mich zunächst engagiert mit dem Wunsch, die DDR verändern zu wollen", blickt Lothar Krater auf den Herbst 1989 zurück. Der Staat DDR bröckelte, am 9. November fiel die Mauer zur BRD. Im Oktober war die Sozialdemokratische Partei der DDR, SDP, gegründet worden. Einen Monat später wurde der Stadtverband Magdeburg ins Leben gerufen. Lothar Krater fuhr nach Magdeburg zu einem Treffen mit dem späteren sachsen-anhaltischen Ministerpräsidenten Reinhard Höppner. Er interessierte sich für das Parteiprogramm und warb in seiner Heimatstadt für die politischen Ideen der sozialdemokratischen Partei, die schon bald darauf den Namen der westdeutschen SPD annahm und sich im September 1990 mit ihr vereinigte. Er war Mitbegründer des Orts- und Kreisverbandes der SPD.

"Das waren goldene Jahre, auch von der Stimmung her."

"Als wir angetreten sind, hat doch keiner damit gerechnet, dass es so schnell gehen würde mit der Wiedervereinigung. Doch nachdem die Grenzen offen waren, hatte der Materialismus gewonnen und es waren nur noch ein paar Monate bis zum Ende der DDR", sagt Lothar Krater. Sein politisches Engagement in Havelberg auch am Runden Tisch und in der Initiativgruppe Havelberg führte zu der logischen Konsequenz, sich ins politische Gremium der Stadt einzubringen. Seit dem 3. Januar 1991 gehörte er dem Stadtrat an. 23 Jahre lang. Zur Kommunalwahl im Mai dieses Jahres kandidierte er nicht wieder. Die Hansestadt ehrte ihn mit dem Eintrag in das Goldene Buch für sein langjähriges Engagement.

Länder und Kommunen wurden in den Anfangsjahren des wiedervereinigten Deutschlands stark unterstützt. Die Wiedervereinigung sollte eine Erfolgsgeschichte werden. "Es war eine schöne Zeit. Wir waren zwar noch relativ unerfahren, doch Geld für Veränderungen war da." Bis 1994 war Havelberg noch Kreisstadt. Mit dem freiwilligen Verzicht auf diesen Status - "wir waren bei Reformen immer mit der Nase vorweg" - gab es fünf Jahre lang noch eine Million D-Mark pro Jahr. Viel Geld zum Gestalten. Verschuldete Westkommunen? "So was passiert uns doch nicht, haben wir damals gedacht. Doch die Wirtschaftskraft ist zu schwach hier und wir wurden später eines Besseren belehrt." Aber zunächst gab es die goldenen Jahre, wie Lothar Krater die Neunziger bezeichnet. Nicht nur vom Geld, "auch von der Stimmung her".

Lothar Krater legte sein Hauptaugenmerk auf die Bautätigkeiten in der Stadt, obwohl er im Bau völlig unerfahren war. Stadtsanierung war das große Thema. Millionen Mark flossen. Zwei Namen sind dabei wichtig: Jürgen Heyer, der als SPD-Bauminister in Havelberg seinen Wahlkreis hatte und sich stark machte für Fördergelder, und Bodo Kelm, der als Bauamtsleiter mit großer Beharrlichkeit und Ausdauer in den Ministerien Förderprogramme für Havelberg erschloss. "Von Bodo habe ich gelernt, dass es sich lohnt, für eine Idee alles einzusetzen." Das Arbeitspensum war enorm. Vier Sitzungen in einer Woche, wenn man die Arbeit in Aufsichtsräten dazu zählt, keine Seltenheit. Der Bauausschuss, den Lothar Krater von Ende der Neunziger bis 2009 leitete, setzte sich stets einen Jahresplan und ein großes Ziel für die Wahlperiode. Lothar Krater spricht in dem Zusammenhang auch von Bürgermeister Bernd Poloski. "Bodo, der Bürgermeister und ich - wir kannten uns schon seit Ewigkeiten und waren freundschaftlich verbunden."

In Erinnerung an die langjährige Arbeit im Stadtrat darf auch der Name Gerhard Mewes nicht fehlen, der für die Linkspartei im Stadtrat arbeitete und, ebenso wie Lothar Krater, viele Jahre Fraktionsvorsitzender war. Auf seine Kenntnisse als gelernter Kämmerer wurde fraktionsübergreifend zurückgegriffen. "Er war unheimlich zuverlässig und zeigte, wo gespart werden kann. Oft genug haben wir beide was über den Gartenzaun abgesprochen und wir haben uns daran gehalten."

Die goldenen Jahre gingen jedoch irgendwann zu Ende. Die bitterste Ratssitzung war die Ende der 1990er Jahre, auf der die Schließung der Stadtbibliothek und anderer kommunaler Einrichtungen beschlossen wurde, weil sich die Stadt die Kosten nicht mehr leisten konnte. "Die Mitarbeiter am Ratstisch sitzen zu sehen und sie in die Arbeitslosigkeit schicken zu müssen, erforderte Mut. Das hat weh getan. Diese Bilder habe ich immer noch vor mir. Jedoch habe ich festgestellt, dass, wenn man ehrlich bleibt, die Leute auch Entscheidungen akzeptieren."

Zum Rückblick auf Lothar Krater und seine Zeit im Stadtrat gehört zudem die Geschichte des roten und schwarzen Bruders: Gerd Imig von der CDU. Als Westdeutscher war er nach Havelberg gezogen und leitete das Arbeitsamt. Beide kannten sich beruflich und freundeten sich an. "Er war ein Kritiker der Ratsarbeit, ich sagte ihm, dass er was ändern kann, wenn er mitmacht im Rat. Er hat sich aufstellen lassen und wurde gewählt. Er leitete ebenfalls die Fraktion. Über die Jahre haben wir gemeinsam gestritten und viel geschafft." Seine Fraktion betrachtete diese Zusammenarbeit oftmals mit Argusaugen, sagt Lothar Krater. Doch hat er sich nie beirren lassen und vor allem seine Devise, Toleranz für andere Menschen zu zeigen, einmal mehr bewiesen. Grundlage dafür ist für ihn das Zitat von Friedrich, dem Großen, jeder solle nach seiner Fasson selig werden.

"Bei Entscheidungen nicht auf Wählerstimmen schauen."

Tolerant zu sein, auch mal verlieren zu können und Dinge mit den Augen anderer zu betrachten - das alles hat ihm seine politische Arbeit gegeben. Auch die Bedeutung, auf andere zuzugehen. "Dabei ist es dennoch wichtig, seine eigene Meinung beizubehalten, auch in der Parteipolitik."

Bei all den vielen Sanierungen, die Havelberg in den letzten gut 20 Jahren erfahren hat, ist Lothar Krater besonders stolz auf die Sanierung der Dombrücke und der Domtreppe. Für letztere lag der Bewilligungsbescheid für Fördergelder vor, die Brücke aber war für den Verkehr gesperrt. "Ich sprach mit Jürgen Heyer vor Ort, ging mit ihm zur Domtreppe und fragte ihn, was uns die Treppe nutzt, wenn niemand über die Brücke kommt. Tatsächlich haben wir Gelder auch für die Brücke erhalten." Als Erfolgsgeschichte wertet er auch die Sanierung des Schwimmbades, die durch die Übertragung der Einrichtung an die Stadtwerke möglich wurde. "Die Stadt hatte dafür kein Geld, da war in mir diese Idee gereift. Der Aufsichtsrat wehrte sich zunächst dagegen, doch dann gab es die Zustimmung."

"Niederlagen in politischer Sicht sollte man nicht persönlich nehmen, man streitet doch immer für eine Sache", gibt Lothar Krater seine Erfahrungen gern weiter. Bei allem Streit sollte zudem eine anständige politische Kultur bewahrt bleiben, auch in Zusammenarbeit mit der Verwaltung. "Wir sind nur auf Zeit gewählt und müssen uns die Gunst der Wähler immer wieder neu verdienen. Dennoch sollte man bei Entscheidungen nicht auf Wählerstimmen schauen."

Der Entschluss, nicht wieder für den Stadtrat zu kandidieren, ist in Lothar Krater seit längerem gereift. Als Fallmanager im Jobcenter in Kyritz seit vielen Jahren tätig, musste er zum anspruchsvollen Dienst auch lange Fahrten in Kauf nehmen. Seit er vor acht Jahren nach Nitzow gezogen ist, war es noch schwieriger, die Entwicklung in Havelberg zu verfolgen. "Man verliert tatsächlich den Bezug zu den Einheimischen, wenn man außerhalb arbeitet." Sich spätabends dann noch mit den Unterlagen für den Stadtrat zu beschäftigen, fiel immer schwerer. "Es ist nicht meine Sache, Dinge nur oberflächlich zu bearbeiten und ich hatte das Gefühl, der Fraktion und dem Stadtrat nicht mehr die Impulse geben zu können, wie es einmal war", begründet er seine Entscheidung. Seit er diese öffentlich gemacht hatte, fühlte er sich im Kopf freier, Druck wurde von ihm genommen. Er entdeckte für sich, "dass es gut tut, auch mal nichts zu tun".

Ein großes Dankeschön schickt der 59-Jährige an seine Frau und seine drei inzwischen erwachsenen Kinder, "die immer zurückgesteckt und meine politische Arbeit toleriert haben. Vergessen werde ich auch nie die vielen Bürger, die mich gewählt haben." Jetzt freut er sich auf mehr Freizeit, auf Arbeit auf dem idyllisch bebauten und bewachsenen Grundstück und die Waldspaziergänge mit Hund Janosch.