Die Bauarbeiten am Havelberger KMG-Klinikum gehen dem Ende entgegen. Das Vorhaben umfasst die Sanierung und Erweiterung des Hauptbettenhauses sowie die Integration eines Gesundheitszentrums in den alten Komplex. Vergangenheit gerät in Vergessenheit. Die Volksstimme blickt auf die 1960er Jahre zurück.

Havelberg l Jede Geschichte geht einmal zu Ende. Mit dem Abschluss der Lehrzeit der vier Freundinnen Hannelore Rutz (heute Meier-Stettin), Karla Gothan (Köpke), Helga Schatz (Masur) und Ursula Berger (Müller) endet auch die Volksstimme-Serie. Ursula Müller, kurz Uschi genannt, erzählt den interessanten Schluss:

Nach den ersten vier Wochen Praxiseinsatz während unserer Lehrzeit folgten zwei Wochen der schulischen Ausbildung in Tangermünde. Die ehemalige "Zuckermeier-Villa" war zur Fachschule mit Internat umgewandelt worden und wurde nun regelmäßig alle vier Wochen zu unserem zweiten Zuhause.

Wir Vier bewohnten zunächst ein Zimmer mit zwei Doppelstockbetten, später zogen noch zwei Mädchen aus unserer Klasse mit ein - wir verstanden uns alle gut.

Fräulein Goethe knipste um 22 Uhr das Licht aus

Streng überwacht auf Disziplin und Ordnung wurden wir durch die Internatsleiterin Fräulein Goethe. Sie machte jeden Abend ihren Rundgang und knipste um 22 Uhr das Licht aus. Morgens vor Unterrichtsbeginn war Zimmerkontrolle - wir waren immer vorbildlich, bei vielen anderen war das nicht so. Wir waren vielleicht ein bisschen zu brav in den Augen der Mitschüler und das ließen sie uns auch spüren. Ordnungsgemäß hatten wir unsere Plätze in der ersten Reihe und waren stets bemüht, dem Unterrichtsgeschehen aufmerksam zu folgen.

Helga und Hanne, die zwei Profi-Handballerinnen von "Traktor Wust", machten unserer medizinischen Schule alle Ehre, sie "schossen" sie auf den 1. Platz in der Bezirksliga Magdeburg und wurden dafür zu einem echt großen Sportlerball eingeladen. Den Stolz genossen wir alle Vier.

Im zweiten Lehrjahr wurden wir wegen Platzmangel aus der "Zuckermeier-Villa" ausquartiert und wohnten fortan bei Frau Bierstedt in der Jordanstraße in einem Zimmer mit wunderschönen alten Möbeln. Beim Stöbern in einem Kleiderschrank entdeckten wir alte Kleidungsstücke und überraschten unsere lieben Mitschülerinnen beim Schulfasching mit einer vollkommenen Kostümierung. Hinzu kamen noch die gefärbten Haare, so dass sie Mühe hatten, uns zu erkennen.

Bei Frau Bierstedt hatten wir Familienanschluss, so manche Sendung im Fernsehen verfolgten wir in ihrem Wohnzimmer auf der Couch.

Während unserer Ausbildung waren wir auch noch in der Kinderabteilung des Krankenhauses auf der Burg in Tangermünde, in Uchtspringe, Rathenow, im Havelberger Altenheim der Inneren Mission, in der Chirurgie des Havelberger Krankenhauses und im OP eingesetzt.

Zu jedem Schuljahresbeginn mussten wir erst einen Ernteeinsatz auf dem Kartoffelacker über uns ergehen lassen. Mit einem Lkw der LPG wurden wir auf die Felder gebracht und in der Pause gab es mitten auf dem Acker Stullen mit Leberwurst und Rotwurst. Im benachbarten Dorf wurde dann Mittagessen gereicht. Nach Feierabend pflegten wir unsere müden Glieder und die roten Knie. Unterricht gefiel uns schließlich doch besser!

Das dritte und damit letzte Lehrjahr verbrachten wir hauptsächlich in Havelberg. Wie jedes Jahr begann es mit dem Großen Markt, den wir nur ungern versäumten. Uns war nichts zu umständlich, um dabei zu sein. Wir freuten uns auf das Karussellfahren, die Haifischbar, vielleicht irgendetwas Besonderes zu ergattern oder einfach nur ein paar alte Freunde zu treffen.

Nach dem Markttrubel hatte uns die Ausbildung im Krankenhaus schnell wieder eingeholt.

Büffeln für die letzten Prüfungen

Wir beobachteten, dass sich der sehnlichste Wunsch des Chefarztes Dr. Werner Krätzig schrittweise erfüllte. Nachdem im Winter 1967 die Dachdecker der damaligen "PGH Frohes Schaffen" die alte Turnhalle abgerissen hatten, war im Sommer darauf die Baugrube ausgehoben und der Rohbau des neuen Krankenhauses begann.

Nachdem jeder von uns, noch im Altbau, jeden Arbeitsbereich durchlaufen hatte, bekamen wir unseren späteren Einsatzort zugewiesen. Unsere Zukunft lag klar vor uns, wir mussten uns keine Sorgen um einen Arbeitsplatz machen, nur alle Prüfungen galt es zu bestehen. Obwohl es daran keinen Zweifel gab, setzte auch bei uns plötzlich so etwas wie Prüfungsangst ein und wir strengten uns noch mehr an.

So vergingen die letzten Monate und Wochen wie im Fluge. Wir arbeiteten unermüdlich an unserer schriftlichen Hausarbeit, wälzten Akten, schrieben uns die Finger wund, lernten stundenlang und verspürten selbst die Symptome sämtlicher Krankheiten. Aber wir legten schließlich ein tadelloses Staatsexamen ab!

Endlich waren wir richtige Krankenschwestern, bekamen die ersehnten Sieben-Falten-Hauben und trugen sie mit Stolz. Leider hieß es damit aber auch, Abschied zu nehmen vom Platz des Friedens 5, unserem inzwischen so vertraut gewordenen Domizil mit vielen unvergesslichen Erinnerungen.

Trampen an die Ostsee und Urlaub überm Stall

Es folgte ein letzter schöner gemeinsamer Sommer. Hanne und Karla trampten an die Ostsee und verlebten dort tolle Tage. Helga und ich reisten nach Thüringen in eine FDBG-Ferienwohnung, die über einem Ziegenstall gelegen war und wo es jeden Morgen nach Ziegenbock roch. Aber wir fühlten uns dennoch sehr wohl.

Wir waren glücklich, zufrieden, freuten uns über unseren beruflichen Erfolg und gingen mit Zuversicht und Stolz unseren neuen Aufgaben entgegen.

Wir bezogen einzeln oder zu zweit Privatzimmer in Havelberg und waren nun auf uns allein gestellt. Das hieß unter anderem auch, selbst für Heizmaterial zu sorgen. Zu einer Zeit, in der Kohlen knapp waren, nicht gerade leicht, aber wir waren jung und schafften alles irgendwie.

Dem Umstand zufolge, dass wir bald alle vier mit der Familiengründung beschäftigt waren, verloren wir uns für einige Zeit zwar nicht aus den Augen, aber unsere freundschaftliche Beziehung stand erstmal nicht im Vordergrund. Aber in regelmäßigen Abständen frischten wir die Freundschaft wieder auf und je älter wir werden, je mehr denken wir an die wunderschöne, sorglose gemeinsame Zeit zurück...

Zur Freude von Dr. Krätzig ist die Poliklinik 1970 fertig

Im August 1970 erfolgte die Fertigstellung des neuen Kreiskrankenhauses. Die Kreispoliklinik mit Arztpraxen, Unterwassermassage, Pathologie, zwei OP-Räumen, Kinderabteilung, Röntgenabteilung und einem Labor wurde in Betrieb genommen. Im Februar 1971 erfolgte die Übergabe der zweiten chirurgischen Station im Krankenhaus und anschließend wurde der Überbau zum Altbau fertiggestellt. Der Altbau wurde umgebaut und der marode Ostflügel abgerissen und neu aufgebaut.

Nach dem Abriss der alten Entbindungsstation im Jahr 1973 wurden ein Jahr darauf alle Bauarbeiten abgeschlossen. Der Wunschtraum von Dr. Werner Krätzig hatte sich damit erfüllt. Im August 1974 schied er als 65-Jähriger aus dem Dienst aus und übergab die Leitung des neu geschaffenen Krankenhauses an seinen Nachfolger Dr. med. Dieter Schulzke.

Das kleine Haus der Familie Krätzig, in dem auch die vier Freundinnen gewohnt hatten, wurde 2013 abgerissen und machte Platz für eine weitere Modernisierung des Klinikums. Und das ist ganz bestimmt im Sinne des im Dezember 1989 verstorbenen Dr. Werner Krätzig.

   

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