In diesen Tagen gehen bei vielen Menschen die Gedanken 25 Jahre zurück. Auch bei Manfred Hartleben, der damals das Volkspolizeikreisamt leitete. Er reagiert auf Erinnerungen des damaligen Pfarrers Ulrich N. Wolff.

Havelberg l Die Beschreibung des Erlebten am Abend des 10. November 1989 während des Demonstrationszuges durch Havelberg im Rückblick von Pfarrer Wolff auf die Zeit der Wende (Volksstimme vom 25. Oktober) wirft bei Manfred Hartleben Fragen auf. Der Nitzower leitete damals das Volkspolizeikreisamt (VPKA) in Havelberg und war verantwortlich für die Sicherheit der Demonstrierenden. "Wieso kommt Pfarrer Wolff zu solcher Aussage, obwohl er im Vorfeld die Demonstration ordnungsgemäß angemeldet hatte und mit mir die Absicherung abgesprochen hatte?"

Wie berichtet, liegen für den damaligen Pfarrer der Stadtkirche, der als Vorreiter der Wende in Havelberg gilt, die Geschehnisse jenes Abends im Dunkeln. Als der Demonstrationszug die Robert-Koch-Straße erreichte, seien die Polizisten auf ihren Motorrädern plötzlich weg gewesen. Als der Zug auf die Pritzwalker Straße einbog, seien Lkw der NVA mit aufgesessenen bewaffneten Soldaten vom Camps über die Kreuzung Lindenstraße in Richtung Kaserne abgefahren.

Visa-Erteilung kostete Kraft

"Pfarrer Wolff hat damals bei mir die Demonstration ordnungsgemäß angemeldet. Wir haben die Route abgesprochen und das, was wir tun können. Unsere Aufgabe war es, den Weg der Demo im öffentlichen Verkehrsraum abzusichern. Das bedeutete, dass wir an neuralgischen Punkten für den Schutz der Demonstrierenden sorgten, wie zum Beispiel an Kreuzungen, damit kein Fahrzeug in den Zug hineinfährt. Dafür waren die mobilen Kräfte da und nicht zur ständigen Begleitung. Diese operativen Maßnahmen sollte sie nach ihrem Ermessen erfüllen. Das war Herrn Wolff bekannt und ich habe ihm gesagt, dass er, wenn er weitere Dinge hat, sich an mich oder den Leiter der Verkehrspolizei wenden soll", berichtet Manfred Hartleben.

Weshalb die Polizisten an dem Abend weitergefahren sind, könne er heute nicht mehr sagen. Von Armeefahrzeugen, die vom Camps über die Lindenstraße in Richtung Kaserne gefahren sind, sei ihm allerdings nichts bekannt. "Es kam zu keinen Vorkommnissen." Auch Diskussionen darüber seien ihm nicht bekannt. "Ich stand mit Herrn Wolff auch später im Kontakt, bis hin zum Runden Tisch und der Auflösung der Stasi-Dienststelle. Dieser Abend des 10. November spielte nie eine Rolle. Das war im Übrigen der Tag nach der Schabowsky-Aussage zur Ausreise. Da hatten wir ganz andere Sorgen. Wir waren wegen der Abwicklung der Visa-Erteilung täglich einem gewissen Druck ausgesetzt. Wir mussten Kräfte umdisponieren, um jeden Bürger zufriedenstellen zu können.

Zum Markt Kräfte gefordert

Die Leute standen Schlange im Speisesaal des VPKA, der zur Visa-Erteilungsstelle umfunktioniert worden war. In der weiteren Folge haben wir auf der Stadtinsel, dort wo heute der Grieche ist, auch Visa erteilt, außerdem in den Außenstellen Schollene und Schönhausen. Bis hin zu meiner Sekretärin waren alle im Einsatz. Abends hatten sie wunde Finger", berichtet der heute 66-Jährige, der 2008 aus dem Polizeidienst in den Ruhestand ausgeschieden ist, aus den Wendewochen im Herbst 1989.

Hätte die Armee zum Einsatz kommen sollen, wäre dafür ein Antrag auf Unterstützung bei der Kommandostelle in Magdeburg nötig gewesen, erklärt Manfred Hartleben. Doch sei das zu keiner Zeit der Fall gewesen. Anders habe das Anfang September zum Pferdemarkt ausgesehen, als sich zahlreiche fremde und gewaltbereite Marktbesucher, "die negativ gegen den Staat eingestellt waren", einen Kampf mit der Polizei geliefert hatten. "Da gab es massive Ausschreitungen. Für diese Notfallsituation haben wir zusätzliche Kräfte von der NVA angefordert." Im Gasthaus Mühlenholz war eine Einsatztruppe der Polizei eingeschlossen durch die Fremden. Sie griffen die Polizisten unter anderem mit abgeschlagenen Flaschen an. "Hier brauchten wir so schnell wie möglich zusätzliche Kräfte."

Bei den Demonstrationen habe es dafür keinerlei Veranlassung gegeben. "Die Sicherheit der friedlich Demonstrierenden war zu jeder Zeit gewährleistet." Hatte er damals Sorge, dass die Situation umschlagen könnte? "Nein, zu keiner Zeit. Hier war ein relativ geringer Teil der Bevölkerung bereit, in der Öffentlichkeit zu demonstrieren. Und es begann der verstärkte Drang, in den Westen zu reisen. Es war nicht erkennbar, dass sich da was zusammenrottete. Ich konnte immer sagen, Havelberg bleibt eine Provinz - was ja nicht negativ sein muss."