Auf dem Hof von Familie Heinrich in der Schönhauser Breitscheidstraße stehen zwei Häuser - eins, in dem sich die Familie bis zum 10. Juni 2013 wohl fühlte, und eins, das sie nach der Flut neu bauen mussten. Vor wenigen Tagen konnten sie umziehen.

Schönhausen l Weit mussten die wenigen Umzugskartons nicht geschleppt werden, nur drei Schritte und die Treppe hoch. Gleich neben ihrem alten Zuhause bauten Maria und Manfred Heinrich sich ein neues Heim, zur Sicherheit einen Meter höher hinaus. Im stilvoll eingerichten Wohnzimmer mit offener Küche fallen inmitten der neuen Möbel die alten Schränke und Anrichten auf. "Die hatte meine Großmutter 1923 zur Hochzeit geschenkt bekommen", erzählt Manfred Heinrich. "Um sie wäre es wirklich schade gewesen. Aber wir hatten sie zum Glück hochgestellt, als sich die Lage an der Elbe zuspitzte." Bis Sonntagmittag hatte Manfred Heinrich zusammen mit vielen anderen Freiwilligen auf dem Fischbecker Deich gestanden. "Der Riss sah schon bedrohlich aus. Aber als die Bundeswehr anrückte, dachte ich, dass die Soldaten das schon schaffen werden." Gummistiefel und Taschenlampe auf den Flur griffbereit abgelegt, gingen Heinrichs abends zu Bett und fielen in einen unruhigen Schlaf. Bis Nachbar Markus Weißgärber um 0.30 Uhr Sturm klingelte. "Er beschäftigte sich mit Topografie und sagte, dass das Wasser morgen hier 80 Zentimeter hoch steht." Völlig kopflos, fuhren Heinrichs erstmal zu Eichelmanns, ihren Freunden auf dem Kirchberg. "Als die Bergepanzer aus Richtung Fischbeck kamen und nach Havelberg durchratterten, war klar, dass die Bundeswehr ihre Technik in Sicherheit bringt. Also sind wir auch wieder nach Hause, packten ein paar Sachen zusammen, stellten Gas und Strom ab und sogar das Kellerfenster hab ich noch auf gemacht. Genützt hat das nicht viel, ein Stück einer Außenwand ist durch die Kraft des Wassers doch eingedrückt worden."

Flucht über die Elbe

Gerade noch so schaffen Heinrichs es über die Elbbrücke. Wohin? Erst einmal ins Büro des Gesundkostwerkes DE-VAU-GE, besser bekannt als Milksnack, wo Manfred Heinrich arbeitet. "Wir haben einfach nur dagesessen und gewartet, bis es hell wird. Dann hat mein Arbeitgeber mich für eine Woche bezahlt freigestellt und wir sind zu unserem Sohn Stephan nach Wolfsburg gefahren." So weit weg von Schönhausen haben Heinrichs es aber nicht lange ausgehalten. Nach drei Tagen waren sie zurück in Tangermünde und bezogen ein Zimmer im Hotel Sturm. Doch in der gleichen Nacht brannte es hier - wieviele Katastrophen denn noch? Zum Glück nahm Metallbauer Thomas Hoffmann das Ehepaar für eine Nacht auf. Dann fuhr Maria Heinrich zurück zum Sohn und Manfred Heinrich konnte auf Firmenkosten in der Alten Brauerei schlafen. "Ich hab dann auch wieder gearbeitet, das war die beste Ablenkung. Was anderes konnte man ja nicht machen als abwarten, bis das Wasser weg ist."

Die Bilder von dem Tag, als sie zurück nach Hause kamen, werden Heinrich nie vergessen.

Neubau oder Sanierung

Das Wasser hatte kniehoch im Haus gestanden, das wenige nicht Hochgeräumte durchein­ander gewirbelt, Türen ausgehängt und die geklebte Auslegware in Falten gelegt. Aus dem Karton mit den Kinderbildern der beiden Söhne waren nur noch zwei Bilder zu retten. Und dann der Gestank! Das Haus stammt mindestens aus dem Jahr 1882, als der Ururgroßvater von Manfred Heinrich es gekauft hatte. Holzbalken und Lehmwände haben das Stehen im Wasser nicht vertragen.

"Wir dachten anfangs noch, dass wir das schon wieder hinkriegen. Schließlich hatten wir das Haus 1993 komplett saniert, der Kredit dafür war Anfang 2013 gerade abbezahlt." Doch Bauunternehmer Friedhelm Matzke machte Heinrichs wenig Hoffnung. Und als dann der Statiker aus Sicherheitsgründen auch noch Eigenleistungen verbat, fiel die Entscheidung, neu zu bauen. "Das wird nicht viel teurer als die Sanierung. Und zum Glück hatten wir eine gute Versicherung." Kurz überlegt die Familie, in Tangermünde neu anzufangen. Doch Schönhausen ist ihr Zuhause und soll es auch bleiben. Im Obergeschoss des Fluthauses richtet sich das Ehepaar ein. Die Wände im Untergeschoss sind bis heute nicht trocken und es muffelt modrig, der Keller ist immer noch nass.

Schon Weihnachten 2013 liegt die Baugenehmigung vor, am 15. April erfolgt der erste Spatenstich. Die Hoffnung, zu Weihnachten in der neuen Stube zu feiern, erfüllt sich. Vor wenigen Tagen war Umzug. Nur draußen ist noch eine Menge zu tun und im Frühling wird das alte Haus dann auch abgerissen.

Wenn Heinrichs heute zurückblicken auf den Juni 2013, dann hängen sie den Erinnerungen an das alte Haus zwar nach, aber sie freuen sich auch. Und sie sind dankbar: den Söhnen Stephan aus Wolfburg und Andreas aus Duisburg, für die es im neuen Haus natürlich auch zwei Gästezimmer gibt, weil sie gern nach Hause kommen; den Freunden und Arbeitskollegen, die beim Aus- und Aufräumen halfen; und allen am Hausbau Beteiligten.

Eine Bildersammlung an der Wand im Flur erinnert an den Juni 2013. Und draußen am Haus soll noch ein Fisch den Wasserstand anzeigen. Wenn er zur Arbeit nach Tangermünde fährt, beobachtet Manfred Heinrich, wie der neue Deich bei Fischbeck von Tag zu Tag wächst.

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