Nachdem sie Post von ihrem Energieversorger erhalten hatten mit der Ankündigung, dass am 19. Januar der Strom abgeschaltet wird, wandten sich Jeanette und Klaus Pusch aus Kamern hilfesuchend an die Volksstimme. Das Ergebnis: Die Stromversorgung wird nicht gekappt.

Kamern l Anderthalb Meter hoch stand das Wasser, das sich nach dem Deichbruch im Juni 2013 den Weg über Kamern Richtung Norden gebahnt hatte, im Keller von Familie Pusch. Das Ehepaar war mit seinem heute 20-jährigen Jungen der Evakuierungsaufforderung gefolgt und hatte bei Klaus Puschs Mutter in Havelberg eine Bleibe gefunden. Als es sein Haus in der Chausseestraße in Kamern wieder betreten konnten, wurde das Ausmaß, das die Flut angerichtet hatte, deutlich. Jeanette Pusch zeigt Fotos von den Kellerräumen, in denen sich Schlafzimmer, Bad, Küche, Gefriertruhen, Waschkeller, Heizungsanlage und Elektroverteiler befanden.

Gut anderthalb Jahre nach der Hochwasserkatastrophe steht in einem Raum noch immer ein Trockner, die Außenwand ist noch feucht. In Fußböden und Wänden des Kellers sind neue Leitungen für Heizung und Elektroanlage verlegt. Etliches ist entkernt, die Treppe, die hoch zum Erdgeschoss führte und abgesackt war, abgetragen. Im Wohnzimmer brennt Holz im Kaminofen. Fast die einzige Wärmequelle im Haus. Warmwasser wird über ein Provisorium bereitet. Auf der überdachten Terrasse stehen Kühltruhen, Schränke und anderer Hausrat, der seinen Platz im Keller haben sollte. Die Scheune nebenan zeigt breite Risse. Sie ist einsturzgefährdet, Puschs sollen sie nicht betreten.

Mit 88000 Euro hatte der Gutachter nach der Flut den Schaden allein am Wohnhaus beziffert. Gut 30000 Euro hat die Familie bisher von der Investitionsbank (IB) erhalten. Eine Versicherung hatten sie nicht für Hochwasserschäden. Teile für die neue Heizung wurden gekauft, Leitungen verlegt, neue Kellerfenster eingebaut. Auch Türen und andere Materialien haben sie schon gekauft, erzählt Klaus Pusch. Doch irgendwie ging es nicht wirklich vorwärts. "Immer wieder werden Unterlagen gefordert, wir kommen hier nicht weiter, eins greift doch ins andere."

Und dann die Nachricht in dieser Woche: Der Energieversorger will am 19. Januar den Strom abschalten. Puschs riefen in der Volksstimme-Redaktion an, baten um Hilfe. Knapp 4000 Euro sind laut Abrechnung für Strom zu bezahlen, der zum Betreiben der Trockner erforderlich war. Aus eigener Tasche können Puschs das nicht. Sie stellten im Dezember einen Antrag an die IB, berichteten sie, hätten aber noch keine Antwort. "Wir waren noch nie in Zahlungsschwierigkeiten, konnten unseren Strom immer bezahlen. Und jetzt so etwas", sagt Klaus Pusch. Seine Frau ergänzt. "Wir haben immer alles ins Haus gesteckt, sind nie in den Urlaub gefahren."

Die Volksstimme sprach mit der Investitionsbank. "Der Fall ist nicht einfach, aber wir sind dabei, eine Lösung zu finden. Wir haben noch mal Kontakt aufgenommen und wollen Hilfe vor Ort vermitteln", sagt Michaela Möllhof. Da Judith Liban als Fluthilfeberaterin im Elbe-Havel-Land bis März nicht zur Verfügung steht, will die IB jemand anders von der Caritas oder den Maltesern vermitteln, damit dieser Familie Pusch bei der Antrags- und Abrechnungsbewältigung zur Seite steht. Diese Leute sind gut ausgebildet, werden von IB-Mitarbeitern beraten.

Weil auch bei Familie Pusch die Frage noch mal aufkam, bestätigte Michaela Möllhof: "Spendengelder können für den Eigenanteil an der Schadensbeseitigung in Höhe von 20 Prozent verwendet werden." Puschs hatten vom Landkreis und von der Volksstimme Spenden erhalten, dachten aber, dass dieses Geld mit der Flutschadensbeseitigung durch die IB verrechnet wird.

Eon Energie hat gestern den Sperrauftrag zum Stromanschluss storniert, nachdem die Volksstimme mit Pressesprecherin Verena Huber über den Fall gesprochen hatte. Dort war die Problematik nicht genau bekannt. Es gab nur einmal eine Mitteilung von Familie Pusch aus Oktober 2014 mit der Bitte um Abrechnung des Verbrauches der Trockner, mit Hand war Hochwasser darauf geschrieben, berichtet die Pressesprecherin. "Wir kommen unseren Kunden entgegen, möchten auch helfen. Nur müssen sie sich bei uns melden." Das Mahnverfahren kann gestoppt werden, es sind auch langfristige Ratenzahlungen möglich, erklärte Verena Huber. Sie hofft, dass der Stopp des Sperrauftrages trotz des Wochenendes den Auftragnehmer erreicht. Sollte dieser am Montag dennoch bei Familie Pusch klingeln, sollen sie ihn nichts ins Haus lassen, riet sie. "Die Kosten dafür tragen wir."