Für den Bürgermeister der Verbandsgemeinde Elbe-Havel-Land, Bernd Witt, war es ein einschneidendes Jahr 2014, das ihn an seine Belastungsgrenze brachte und ihn ausbremste. Anke Schleusner-Reinfeldt sprach mit ihm über das erste arbeitsreiche Halbjahr, die Zeit nach seiner Erkrankung und seine Pläne.

Volksstimme: Wie geht es Ihnen?

Bernd Witt: Es war schon eine richtige "Kanone", mit der man auf mich geschossen hat. Mir geht es gut. Ich kann wieder essen, schreiben und auch laufen. Es wird täglich leicht spürbar besser. Jetzt kann ich auch wieder Auto fahren. Die vielen Genesungswünsche, die ich im letzten halben Jahr erhalten habe, tuen richtig gut!

Gibt es schon eine Prognose, wann Sie an Ihren Schreibtisch im Bürgerzentrum zurückkehren können?

Lieber heute als morgen. Aber ich muss einfach auf die Ärzte hören. Es nützt ja nichts, wenn ich nicht 100-prozentig fit bin. Denn die Arbeit im Amt ist ja nicht weniger geworden - im Gegenteil: 2015 gibt es mit der doppischen Haushaltsführung und den Wiederaufbaumaßnahmen nach der Flut mehr als genug zu tun. Und die eigentlichen Arbeiten in den Gemeinden und in der Verbandsgemeinde müssen auch bewältigt werden. Ich erinnere nur an die Baustellen der Kita in Schollene und Schönhausen, die Umsetzung der Feuerwehranalyse mit den vielen Investitionen, das Altmärkische Heimatfest und an den 200. Geburtstag Otto von Bismarcks in Schönhausen, die Buga, deren Zufahrtstraßen durch unsere Verbandsgemeinde führen...

Können Sie jetzt zu Hause abschalten?

Nein, nicht wirklich. Wenn meine Kollegen mich auch gut vertreten, so habe ich doch ständig ein Ohr an der Basis. Ich halte Kontakt zu Ulf Wabbel und jetzt auch zu Hans-Dieter Sturm sowie zu einzelnen Kollegen. An dieser Stelle möchte ich mich ganz besonders herzlich bei meinem Stellvertreter Ulf Wabbel bedanken, aber auch bei allen anderen Kolleginnen und Kollegen. Denn die Arbeit ist entschieden mehr geworden und die Personaldecke dünner.

Wie bleiben Sie auf dem Laufenden?

Ich informiere mich fast täglich über den aktuellen Stand in der Verwaltung oder den Gemeinden. Dazu gibt es ja auch noch die Volksstimme. Bei meinen Spaziergängen nutze ich natürlich den Kontakt mit den Bürgern. Es gibt auch regelmäßige Krankenbesuche von Kollegen, Abgeordneten oder Bürgern. Ich nehme auch schon wieder an verschiedenen Sitzungen wie gerade erst dem Wirtschaftsförderausschuss bei Thermoplast teil. Und dabei merke ich deutlich, wie sehr mir die Arbeit Spaß macht.

Mit den zahlreichen Abrissarbeiten und auch mit ersten Einweihungen von sanierten Gebäuden und Straßen ist die Flut allgegenwärtig. Sind Sie zufrieden mit dem Stand des Wiederaufbaus?

Nein, dafür war die Katastrophe mit der Schadenshöhe von über 120 Millionen Euro im kommunalen und privaten Bereich im Gebiet der Verbandsgemeinde zu groß. Und die Voraussetzungen zum Wiederaufbau sind zu unterschiedlich. Uns Betroffenen wurde ein großartiges Wiederaufbauprogramm durch Bund und Land zur Verfügung gestellt. Dass die Maßnahmen gründlich geprüft werden, versteht sich von selbst. Aber das dauert eben auch seine Zeit. Der Wiederaufbau wird noch einige Jahre in Anspruch nehmen. Vieles muss nacheinander aufgebaut werden, wie zum Beispiel erst die Brücken und dann die dazugehörigen Straßen. Um das Pensum zu bewältigen, fehlt Fachpersonal in den Ämtern zur fachgerechten Vorbereitung und Begleitung der baulichen Maßnahmen. Ich appelliere an dieser Stelle an die Gemeinden, dass wir zuerst die durch die Flut entstandenen Schäden beheben und die eigentlichen geplanten Investitionen etwas nach hinten schieben. Reparaturen müssen natürlich durchgeführt werden.

"Schön zu lesen, dass das Zusammenwachsen der Schulen gut klappt."

Welchen Eindruck haben Sie von der Situation im privaten Bereich?

Hier ist noch viel zu tun. Hinter den Gardinen verbirgt sich noch so manche Baustelle. Das beweisen auch die Gespräche mit den Hilfsorganisationen oder auch mit der Investitionsbank. Aber es hat sich auch sehr viel getan. Es sind immer noch nicht alle Anträge bearbeitet und bewilligt. Immer wieder höre ich von Betroffenen, dass neue große Schäden auftreten, die vor ein paar Wochen noch nicht ersichtlich waren. Ich bin froh, dass die Antragsfrist bis zum 30. Juni verlängert wurde.

Zu den Dingen, die auch Sie sicher nervlich belastet haben, zählt gewiss die Schließung der Schollener Schule. Wie sehen Sie die Angelegenheit heute?

So eine Schulschließung innerhalb der Verbandsgemeinde belastet natürlich. Denn mit jeder Institution, die verloren geht, geht auch ein Stück Lebensqualität verloren. Und das leider für immer. Das trifft nicht nur für Schollene zu - auch um die Wuster Kinder, die bald zur Schule nach Schönhausen müssen, tut es mir leid. Ein kleiner Trost ist es, wenn ich die Zeitungsberichte verfolge und lese, dass das Zusammenwachsen sehr gut klappt. Das freut mich sehr. Die aufnehmenden Klietzer und Schönhauser Grundschulen können sich mit ihren zahlreichen Aktivitäten auch wirklich sehen lassen. Glückwunsch zum gerade verliehenen Jugend-Kultur-Preis für Klietz oder dem sehr guten Platz der Schönhauser beim "Adi"-Wettbewerb in Seehausen! Nun müssen die Voraussetzungen für eine ordentliche Kinderbetreuung in der Kita in Schollene und in Schönhausen zeitnaher umgesetzt werden. Für Schollene ist ja alles geklärt, aber nicht in Schönhausen. Hier ist das Land gefragt. Für den Neubau des "Spatzennestes" ist unbedingt eine Förderung notwendig. Das Land hat ein neues Stark-III-Programm ab 2014 zugesagt. Aber wo bleibt es?

Haben Sie sich die Deichbaustelle in Fischbeck schon angesehen?

Ja. Immer wenn ich über die Elbe fahre, schaue ich mir den Baufortschritt an. Zusätzlich lasse ich mir auch über den Bauablauf auf den anderen Abschnitten berichten. Ganz besonders freut es mich, dass nun endlich in Sandau begonnen wurde und das Land zusieht, seine Zusagen einzuhalten. Das war in der Vergangenheit bei der Deichsanierung nicht immer der Fall. Es ist ganz wichtig, dass wir die Deichsanierungen und auch die weiteren Hochwassermaßnahmen nicht aus den Augen verlieren. Ich denke da unter anderem an weitere Rückverlegungen im Bereich Neuermark-Lübars bis Schönfeld, an die Entschädigungen für die Landwirte oder den vorbeugenden Katastrophenschutz.

Für ein neues Jahr setzt man sich ja immer Ziele. Was nehmen Sie sich vor?

Erst einmal richtig gesund zu werden und es zu bleiben, um dann wieder bei der Umsetzung der vielen Aufgaben mitwirken zu können. Denn Aufgaben gibt es genug. Ich muss schauen, in welchen Bereichen ich kürzer treten kann. Ich höre ja immer wieder den Ratschlag, besser nicht mehr nach Norwegen zum Angeln zu fahren, da hatte ich ja im letzten Jahr den Schlaganfall. Aber der Urlaub ist bereits gebucht - ich freue mich darauf.