Havelberg l "Der Platz hier zeigt Havelbergs Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft", sagt Herbert Dierkes. Er steht am Eingang zum Paradiessaal an der Mauer. Hinter sich hat er den Dom, der von Reichtum und Bedeutung Havelbergs in der Geschichte kündet. Der Blick hinunter auf die Stadtinsel zeigt, was schon alles gemacht wurde, aber auch noch zu tun ist. Die Kiebitzberg-Werft am Havelufer steht für das, wie sich ein kleines spezialisiertes Unternehmen entwickeln kann und zukunftsfähig in die nächsten Jahrzehnte geht. "Genau hier zeigt sich, was für Möglichkeiten in dieser Stadt stecken, aber auch, wo noch langer Atem und viel Energie nötig sind, um die Ziele zu erreichen", sagt der Kuhlhausener als einer der drei Kandidaten für die Bürgermeisterwahl über seinen Lieblingsplatz in Havelberg.

"Wenn ich schon viel kritisiere, sollen die Leute auch mit mir streiten können."

Vor 57 Jahren als erstes Kind auf einem kleinen Bauernhof im Emsland geboren, lernte Herbert Dierkes, was es heißt, in der Landwirtschaft groß zu werden und viel zu arbeiten. Die Wochenenden begannen erst spät, oder gar nicht. "Solch komische Sachen wie Ferien gab es für uns nicht." Knapp 400 Einwohner zählte sein Dorf. Als sich aus einer kleinen Firma die Krone Landmaschinen und Fahrzeugfabrik entwickelte, wuchs das Dorf an und zählt heute 9000 Einwohner. Die kleine elterliche Landwirtschaft hatte keine Chance zu überleben. "Bei Krone hatte ich meinen ersten Ferienjob, dort habe ich mir als 14-Jähriger mein Taschengeld verdient."

Nachdem er 1977 sein Abitur in der Tasche hatte, ging Herbert Dierkes zum Studium der Erziehungswissenschaften nach Berlin, das er 1987 als Diplom-Pädagoge abschloss. Zivildienst und eine längere Tour durch Amerika waren Zwischenstationen. Mit etwas Geld in der Tasche hatte er im Januar 1980 auf dem Londoner Flugplatz nach einem Flug in warme Gefilde Ausschau gehalten und landete in Florida. Bei seiner Tour durch die Südstaaten lernte er Land und Leute kennen. Zu erfahren, wie andere denken und leben, um Wissen zu entdecken und Ideen zu finden, ist ihm wichtig.

Als wissenschaftlicher Mitarbeiter arbeitete er bis 1993 an der Freien Universität Berlin. Dazwischen kam die politische Wende in der damaligen DDR, die von den Westberlinern mit besonderem Interesse verfolgt wurde. Am 9. November lag zunächst eine angespannte Ruhe über der Stadt, erinnert sich Herbert Dierkes. Als sich die Mauer spätabends tatsächlich öffnete, fuhr er mit Freunden zum Checkpoint Charlie. Zwei Erlebnisse haben sich eingeprägt: das schreckliche, als Westdeutsche Sektflaschen über einen Trabi ausgossen, und das schöne - "die Freude und Erleichterung bei ganz vielen Menschen zu spüren". Junge Leute aus der DDR wollten unbedingt zum Kudamm, die Westberliner brachten sie dorthin. Herbert Dierkes lernte Friedemann Henschel kennen. So entstand seine Verbindung zu Havelberg. Im Sommer 1990 besuchte er mit seiner Frau die Stadt zum ersten Mal und war entsetzt über das Aussehen von Straßen, Plätzen und Häusern. "Aber die Landschaft war schön. Die Vorstelllung, hier zu wohnen, lag jedoch jenseits unserer Vorstellungskraft."

Das sollte sich ändern. Der Zeitvertrag an der Uni endete. "Ich musste mich neu orientieren und übernahm einen Textilgroßhandel als Geschäftsführer. Sogar relativ erfolgreich, aber gegenüber den Großen mit zu wenig Geld ausgestattet. 1996 haben wir den Betrieb aufgegeben. Meine Frau und ich fragten uns, was wir sonst können, und gingen zurück in den sozialen Bereich." Eine Anzeige in einer Zeitung kündete von einer Rundtour zu alten, nicht mehr genutzten Pfarrhäusern. "So haben wir unser Haus in Kuhlhausen gefunden." Nach Umbauarbeiten gründete das Ehepaar eine soziale Einrichtung, in der es Kindern eine Familie bietet. Als sich eine Zeitlang Neonazis im Dorf breit machten und es an Unterstützung im Kampf dagegen fehlte, ging es 2006 zunächst zurück nach Berlin. Die Ferien und fast jedes Wochenende haben sie dennoch in Kuhlhausen verbracht. Seit 2014 sind Dierkes wieder in Kuhlhausen.

Politisch engagiert war Herbert Dierkes schon immer. Als es um den Erhalt des Havelberger Gymnasiums ging, brachte er sich mit ein. Er kandidierte 2002 als Parteiloser über die Liste der Grünen für den sachsen-anhaltischen Landtag. Seit der Kommunalwahl im vergangenen Jahr ist er im Ortschaftsrat Kuhlhausen vertreten, er hatte das zweitbeste Ergebnis. In Zusammenarbeit mit dem Orts- und Kulturverein organisiert er Veranstaltungen und Projekte. Im "Weidendom" will Herbert Dierkes auch in diesem Jahr wieder zu einem politischen Gespräch einladen.

Den Gedanken, als Bürgermeister zu kandidieren, hegt der 57-Jährige, der gern liest, joggt, Fahrrad fährt oder sich einen guten Film anschaut, seit drei, vier Jahren. "Wenn ich schon vieles kritisiere, dann sollen die Leute auch die Möglichkeit haben, mit mir zu diskutieren, zu streiten, abzustimmen. Man muss auch Verantwortung übernehmen." Ist jemand nicht von seiner Idee überzeugt, will er wissen, warum. "Politik ist auch immer viel zu fragen." Stadtentwicklung, Demografie, Bürgerhaushalt sind Stichworte für das, um das er sich kümmern will. Auch Sparen ließe sich kreativ gestalten.