Havelberg l Sie ist ein Havelberger Kind. Hier fühlt sie sich zu Hause, hier atmet sie Heimatluft. Alles rund um die Stadtkirche ist ihr Lieblingsplatz. Jenny Kirchhoff ist eine der drei Kandidaten für die Bürgermeisterwahl am 26. April in Havelberg. "Seit 1944 sind alle meine Familienmitglieder in Havelberg geboren. Väterlicherseits ist es die Familie Kirchhoff, mütterlicherseits sind es Brüßhabers. Oma und Opa Brüßhaber wohnten an der Stadtkirche. Dort, wo jetzt die Volksbank steht, war unser Garten. Der Zaun fiel allen auf, mein Opa hatte ihn mit bunten Blumen bemalt", erzählt die 41-Jährige.

Ihre frühe Kindheit hat sie in Havelberg verbracht, ging in den Kindergarten in der Krugtorstraße. Als sie in Berlin die Schule besuchte, kam sie in den Ferien oft zurück. "Ich habe hier meine schönsten Kinder- und Jugendjahre erlebt. Hier hatte ich meine erste Liebe, bekam meinen ersten Kuss, war im ,Schmokenberg` zur Disko. Mit meinen Freunden aus Havelberg und Berlin erlebten wir hier alles, was Teenager so erleben und was für eine starke Natur wichtig ist."

Nach dem Abitur in Berlin ging sie nach Bayern, um Jura und BWL zu studieren. "Ich wollte Wirtschaftsjuristin werden und habe deshalb anschließend in Berlin noch ein Aufbaustudium zur Rechtsökonomin absolviert, um dann kleine und mittelständische Unternehmen juristisch und wirtschaftlich begleiten zu können." Opa Otto Brüßhaber hatte sie dazu inspiriert. Nachdem er 1953 den Ratskeller abgegeben hatte, machte er sich als Feinmechaniker selbstständig. "Live zu erleben, was alles zu solch einem Geschäft gehört, brachte mich zu der Entscheidung, um breit aufgestellt zu sein und damit auch gesellschaftlich gestalten zu können."

Zunächst hat sie im Stiftungsbereich gearbeitet. Ausschlaggebend dafür war das Thema ihrer Abschlussarbeit: die Reform des Steuerrechts für Stiftungen. Im Bundesverband Deutscher Stiftungen hat sie ab 2001 das Handwerkzeug rund um das deutsche Stiftungswesen gelernt und eine eigene Planstelle geschaffen zur Erstberatung von Stiftungen. Später machte sie sich als Stiftungsberaterin selbstständig, gründete Stiftungen, leitete die Katja-Ebstein-Stiftung, rief vor acht Jahren den StiftungsSalon Berlin-Brandenburg ins Leben.

"Ich habe mich schon so viel getraut in meinem Leben."

In der Firma ihres Mannes für Altbausanierung und Immobilien übernahm sie viele Aufgaben. Um sich fachlich weiterzubilden, büffelte sie nebenberuflich Innenarchitektur und Raumgestaltung. Historische Baustile, Stilepochen, Geschichten von Gebäuden und ihren Bewohnern oder Erbauern begeistern sie. Sie kann reden, überzeugen, begeistern, sieht sich als Expertin für bürgerschaftliches Engagement, insbesondere für Stiftungen. Gute Voraussetzungen neben der fachlichen Ausbildung, um Bürgermeisterin zu werden, sagt sie. Für den Wirtschaftsraum ländlicher Bereich sieht sie Möglichkeiten, Partnerschaften und Projekte zu initiieren, die für Havelberg und die Dörfer interessante Perspektiven darstellen und die trotz klammer Haushaltslage realisierbar sind und damit die regionale Wirtschaft beflügeln.

Gerade in der Phase der Trennung von ihrem Mann und den Überlegungen, wo sie sich einbringen kann, erhielt sie im vorigen Jahr Anrufe aus Havelberg mit der Frage, ob sie sich vorstellen könnte, Bürgermeisterin zu werden. Schon vor vier, fünf Jahren hatte sie sich mit dem Gedanken getragen, hierher zu ziehen. Doch konnte sie ihren Mann nicht davon überzeugen. Jetzt ist ihr Weg frei nach Havelberg. "Ich habe mich schon so viel getraut in meinem Leben und habe gute Grundlagen für die Arbeit in der Kommunalpolitik. Nach kurzer Bedenkzeit entschloss ich mich für die Kandidatur. Ich möchte Lebensräume und Lebensqualität gestalten und bin mit der großen Sehnsucht ausgestattet, mich mehr auf das wahre Leben zu konzentrieren, mich zu erden. Ich bin bodenständig und verbindlich. In Berlin ist viel chicki micki und man geht oberflächlicher miteinander um."

In Havelberg ist viel Gutes geschehen, würdigt sie die Leistungen der Stadt und des Bürgermeisters. "Wir wären vermutlich sogar ein gutes Team und könnten wie in einem Unternehmen überlappend die Übergabe des Staffelstabes organisieren", sagt sie. Sie sieht jetzt ihre Zeit gekommen, Havelberg mitzugestalten. Dafür hat sie Visionen und eine klare Fokussierung auf fünf Punkte wie zum Beispiel ein Marketingkonzept für die Stadtinsel, Ausbildungsplätze für junge Leute vor Ort und überregionale Vermarktung von Havelberg als touristisches Ziel.

Sie sucht nach einer Immobilie, um sich hier niederzulassen. Auch für den Fall, dass sie die Wahl nicht gewinnt. Sie hängt nicht an einem Amt, aber sie ist sich sicher, an erster Stelle das meiste für Havelberg bewegen zu können, erklärt sie selbstbewusst. Den Kontakt nach Havelberg hat sie nie verloren, ihre Tante Evelin Köhnke, Oma Lotte sowie weitere Verwandte sind hier zu Hause. Vermutlich kommt daher auch ihre Liebe zum Wasser. Sie hat einen Motorbootführerschein, ist gern auf dem Wasser unterwegs. "Außerdem habe ich ein Faible für Dekoration und Gestaltung von Räumen. Und wenn ich Ruhe finde, bin ich mit dem Fahrrad unterwegs, ich brauche die Natur und die Landschaft."