Am Mittag des 13. April 1945 - vor 70 Jahren - begann der Beschuss der Elbestadt Sandau. Das Martyrium dauerte elf Tage - danach war die Stadt ein Trümmerfeld. Am morgigen Sonntag gedenken die Sandauer dieses Ereignisses.

Sandau l "Wie liegt die Stadt so wüst" - eine Trauermotette, welche der Kreuzkantor Rudolf Mauersberger 1945 unter dem Eindruck des zerbombten Dresdens komponierte - wird morgen bei der um 14 Uhr beginnenden Gedenkfeier in der Sandauer Kirche erklingen. "Unter Leitung des Domkantors Johannes Schymalla aus Stendal treten Sänger aus der gesamten Altmark auf", informierte Pfarrer Hartwig Janus. Beteiligt sind zudem die Posaunenchöre Schönhausen und Glöwen-Havelberg.

Es geht bei der Feier nicht nur um Gedenken und Trauer, sondern auch um Versöhnung. Denn vieles hat sich in den 70 Jahren verändert - am sichtbarsten zu erkennen am Kirchturm. Gestern kehrte auch seine frisch sanierte große Glocke nach Sandau zurück - um sie aber wieder in Betrieb nehmen zu können, müssen noch fleißig Spenden gesammelt werden.

Im Turm gibt es zudem zwei neue Ausstellungstafeln mit großen Aufnahmen der alten und der zerstörten Stadt als Dauerausstellung. Auch der Sandauer Kriegsopfer wird in der Ausstellungsebene gedacht, zudem gibt es hier Exponate wie Reste von Granaten aus dem Kirchturm zu sehen. Weiterhin wird es eine Grundsteinlegung geben - und zwar für die Lego-Kirche, die von Tilmann Schröder errichtet wird.

Vorm Gottesdienst ist um 12.30 Uhr ein Empfang im Pfarrhaus geplant sowie um 13.30 Uhr eine Kranzniederlegung am Polnischen Ehrenmal, wozu auch Vertreter der polnischen Botschaft eingeladen wurden. Zuletzt werden als Symbole des Friedens Tauben vor der Kirche aufsteigen.

Ein Zeitzeuge von damals ist Ernst Busse, er berichtete auf der Versammlung des Fördervereins der Kirche über das schreckliche Geschehen. Mit seinem Bruder Richard war er am 12. April 1945 auf dem Rückweg von Havelberg - hier hatten beide Geigenunterricht bei einem im Schmokenberg-Lazarett liegenden Soldaten genommen -, als ihnen Radler mit Karabinern entgegenkamen. "Beeilt euch, die machen in Sandau alle Straßensperren zu!" kam die Warnung.

Zuerst wurden Windmühle und Rathaus beschossen

Ernst Busse war überrascht, war er doch der Annahme, dass der Feind erst bei Gardelegen stehe - das Hören von Feindsendern wie BBC war bei Todesstrafe verboten. Anderntags brachte er Essen zu den auf dem Deich lagernden Wehrmachtssoldaten, als auf der anderen Elbseite plötzlich Panzer auftauchten. "Sieh an, die Deutschen haben doch noch schwere Waffen", dachte er - doch dann gingen die deutschen Soldaten in Deckung.

Die ersten Panzergranaten trafen den Fährdamm auf der anderen Seite. Fährmann Wilhelm Mangelsdorf flüchtete ans Sandauer Ufer und setzte das Gefährt aufs Land.

Geschossen wurde zuerst auf die Windmühle und das Rathaus, erst mit der nachrückenden Artillerie wurde der Kirchturm unter Beschuss genommen - überall an diesen Punkten wurden Beobachter vermutet. An einem Montag nach drei relativ ruhigen Tagen begann der massive Beschuss durch die Artillerie - viele Sandauer flüchteten in die Feldmark oder zu Verwandten in umliegende Orte. Nach dem Beschuss setzten die Amis ihre Jeeps mit kleinen Fähren über, später ersetzte eine Pontonbrücke die zerschossene Fähre.

Der Senior glaubt übrigens nicht, dass ein angeblich erschossener Parlamentär der Amerikaner Auslöser des Beschusses war. Vielmehr denkt er, dass die Stadt beschossen wurde, weil sie trotz Aufforderung nicht kapituliert hatte.

Am 1. Juli 1945 rückte die Rote Armee in Sandau ein, die Amerikaner zogen sich zurück. Um über die Elbe zu gelangen, brauchten die Sandauer Passierscheine, welche die Deichkommandantur in dringenden Fällen ausstellte. Mit Hilfe von Schwester Franzilla konnte Ernst Busse sich so bei Verwandten in Germerslage erstmals wieder richtig satt essen.

   

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