Auf den Tag genau vor einem Jahr ist im Landkreis Stendal das Bündnis für Familie gegründet worden. Anlass für Schirmherren und Koordinatoren, Bilanz zu ziehen. Als Ort wurde dafür die Buga-Stadt Havelberg ausgewählt. Hier wächst nun auch ein Bündnisbaum.

Havelberg l Als er kürzlich drei Stunden in einem vollbesetzten ICE fuhr, saßen eine Mutti und ihr vier- bis fünfjähriger Sohn mit in dem Abteil. Es war ein sehr aufgeweckter Junge, an schlafen war nicht zu denken, begann Arbeitsagentur-Chef Markus Nitsch am Dienstag als einer der Schirmherren seine Einschätzung zum "Bündnis für Familie im Landkreis Stendal". Als der Zug dann anhielt und alle aufstanden, erhob eine alte Frau laut die Stimme und beschimpfte die Frau ob ihrer Art der Erziehung und des Jungen, der alle gestört habe.

"Unternehmen sehen Lösungen zu finden als Aufgabe und nicht mehr als Problem an."

Markus Nitsch, Chef Agentur für Arbeit

Die Mitreisenden schauten verdutzt. "Und ich habe mich hinterher geschämt, dass ich nicht geistesgegenwärtig reagiert und der Frau gesagt habe, dass dieses Kind sich so verhalten hat wie es Kinder in dem Alter tun, und wegen solcher Ansichten wie dieser Frau sich junge Frauen vielleicht gegen ein Kind entscheiden, weil sie das Gefühl haben, nicht willkommen zu sein."

Dieses Beispiel stehe symbolisch für manch andere, die jungen Leuten suggerieren, dass Kinder nicht gewünscht sind. Firmen brauchen Mitarbeiter, die rund um die Uhr und auch an Wochenenden in Schichtarbeit Maschinen bedienen. Einkaufszentren brauchen Verkäuferinnen, die bis in den späten Abend hinein verkaufen. Kindergärten stehen dafür kaum zur Verfügung, ging Markus Nitsch auf einen Schwerpunkt ein, mit dem sich das Bündnis befasst. Die Einstellung der Arbeitgeber habe sich mit Blick auf junge Mütter mit Kindern verändert, "sie sehen Lösungen zu finden als Aufgabe und nicht mehr als Problem an". In den verschiedenen Arbeitskreisen des Netzwerkes spielt das Thema eine Rolle, Unternehmen werden beraten.

Weitere Schirmherren des Bündnisses sind Landrat Carsten Wulfänger, Marion Emmer, Geschäftsführerin des Jobcenters, und Stendals Oberbürgermeister Klaus Schmotz. Sie berichteten am Dienstag über die Erfahrungen im zurückliegenden Jahr auf den Feldern Familienfreundliche Unternehmenspolitik, Alleinerziehende, Kinderbetreuung, Arbeit und Pflege sowie Familien mit Migrationshintergrund. Jedes Feld für sich gibt es schon länger, durch das Bündnis ist das Netzwerk stärker geworden.

Der Landrat ging unter anderem auf die Kinderbetreuung ein. Im Landkreis gibt es bei Kommunen und freien Trägern 103 Kindereinrichtungen, die 6863 Plätze vorhalten: rund 1400 im Krippenbereich, 3400 in Kindergärten und 2000 im Hort. Zehn Kindergärten sind integrativ und bieten 101 Plätze. "Gesamt betrachtet, ist das ausreichend", sagte Carsten Wulfänger. Regional betrachtet, fehlen im Moment Plätze in Tangermünde, Stendal und Osterburg. Mangel gibt es auch an Plätzen für behinderte Kinder im Hort. Der Landkreis ist mit Kommunen und Trägern im Gespräch, um Lösungen zu finden. In Stendal geht es auch um die Unterbringung von Kindern Asylsuchender, damit sie einen guten Start im Landkreis bekommen. Die Erweiterung von Kitas durch Containermodule ist angedacht.

Ein anderes Feld ist das Programm "Familien stärken - Perspektiven öffnen", das mit Förderung des Landes fortgesetzt wird. Es richtet sich an junge Familien ohne Arbeit. Durch eine elfmonatige berufliche Erprobung testen Unternehmer und Arbeitslose, ob sie zueinander passen. 108 Unternehmen haben bisher Arbeitsplätze geboten, 96 Interessierte haben die berufliche Erprobung angenommen, 37 fanden einen Platz auf dem ersten Arbeitsmarkt. 32 wurden ohne Erprobung und fünf in Ausbildung vermittelt. Mit Blick auf die Landkreismitarbeiter informierte der Landrat zum Beispiel, dass 72 der 700 Beschäftigten schwerbehinderte oder gleichgestellte sind.

"An Lösungen für die Kinderbetreuung in den Randzeiten wird intensiv gearbeitet."

Katrin Schmalenberger-Laukert, Jobcenter Stendal

Marion Emmer berichtete von der Integration Alleinerziehender. Es gibt Info-Veranstaltungen und Beratungen im Kreisgebiet, um Frauen Mut zu machen, wieder eine Arbeit aufzunehmen. Auch an Familien in Elternzeit ist gedacht, die bereits in dieser Zeit Unterstützung erhalten, ebenso Familien mit Migrationshintergrund und Familien mit Kindern.

Klaus Schmotz gab zu bedenken, dass Kinderbetreuung in Randzeiten auch für Familien wichtig ist, in denen der Vater die Woche über auf Montage ist. Er ermunterte dazu, auch mal unkonventionelle Entscheidungen im Sinne der Menschen zu treffen. Als konkrete Ergebnisse des ersten Jahres Bündnis nannte er die Benennung einer Kinder- und Jugendbeauftragten und die Zertifizierung der Hansestadt als kinder- und familienfreundliche Kommune.

An Lösungen für Kinderbetreuung außerhalb der normalen Öffnungszeiten wird intensiv gearbeitet, berichtete Koordinatorin Katrin Schmalenberger-Laukert vom Jobcenter Stendal. Dabei geht es auch um Fragen der Unterstützung von Tagesmüttern und der Einrichtung eines kreisweiten Netzwerkes zur Betreuung von Kindern in den Randzeiten.

Mehr Informationen zum Bündnis gibt es im Internet unter www.lokale-buendnisse-fuer-familie.de