Sandau l Herausgeber Wolfgang Haacker begrüßte die Gäste und stellte die fünf Autoren der Beiträge über Sandau vor, von denen vier anwesend waren. - Christa Nehring war erkrankt und konnte nicht teilnehmen.

Neun Beiträge informieren in dem Buch über die Geschichte der Stadt und ihrer Bewohner. Der gebürtige Sandauer Wilhelm Velten ist mit drei Beiträgen vertreten: dem Sandau-Lied, dem Bunkertagebuch seines Vaters, des Arztes Gerhard Velten, sowie den Briefen seines Großvaters, der ebenfalls Arzt in Sandau gewesen war. Christa Nehring berichtet über die Einrichtungen, die es einst in der Stadt gab, sowie über deren Geschichte.

Rosemarie Leineweber aus Salzwedel informierte über die Geschichte der einstigen Apotheken, die sich bis zum Beschuss in der Marktstraße und danach in der Steinstraße befunden hatte. Maria-Magdalena Zohm berichtete über die wechselvolle Vergangenheit des Marien-Heimes. Über die Zerstörung der Stadt in den letzten Kriegstagen 1945 sowie den Wiederaufbau des Turmes hatte Pfarrer Hartwig Janus geschrieben.

Als erste war Maria Zohm an der Reihe. Ihren Ausführungen war zu entnehmen, dass die Marktgräfin Agnes 1322 ein Schloss sowie die Stadtmauer mit drei Toren erbauen ließ. Im Süden war keine Mauer, dort schützte sumpfiges Gelände. Um Einnahmen zu erzielen, wurde das Amt Sandau gebildet, erster Hauptmann war Fritz von Bandow. Die Quitzows machten aus dem Schloss im 15. Jahrhundert eine Räuberburg.

Ein gewaltiger Eisstau beschädigte 1496 das Amt, es wurde danach dreistöckig umgebaut. Beim Stadtbrand wurde 1695 auch das Vorwerk beschädigt, im Schloss kamen die Obdachlosen unter. 1803 hatte das Gebäude weniger Glück, es brannte bis auf die Kellergewölbe nieder und wurde zweistöckig neu errichtet. Infanteristen wurden 1831 einquartiert - sie sperrten das Ufer ab, damit die Cholera nicht eingeschleppt wurde.

Beim Beschuss suchten Sandauer Unterschlupf

Eine neue Zeit brach 1944 für das Amt an: Kriegswaisen mit drei katholischen Ordensschwestern wurden einquartiert. Beim Beschuss suchten wieder viele Sandauer im Heim Unterschlupf. Durch einen Volltreffer geriet das Heim in Brand, Schwester Franzilla löschte ihn. Sie versuchte auch zu vermitteln und sollte von der SS erschossen werden - plötzlich einsetzender Panzerbeschuss rettete sie. Nach dem Krieg wurde das Amt Kindererholungsheim, was die DDR dann verbat. So wurde daraus ein Pflegeheim.

Öfters zu lachen hatten die Zuhörer, als Wilhelm Velten aus den teils humorvollen Briefen seines Großvaters, des Landarztes Dr. Friedrich Velten, an dessen Frau las. Denn der Schreiber nahm dabei kein Blatt vor den Mund. So wettert er im Januar 1888 gegen seinen Kollegen aus Arneburg: "Eben hat mich der Arneburger aus Schönfeld wieder verdrängt. Ich wollte einen alten Mann amputieren, schlug es der Familie vor, die rufen heimlich den Arneburger, der redet natürlich der Familie vor, was sie haben will. Jetzt behandelt er meinen Patienten, dem es augenblicklich dank meiner Maßnahmen besser geht, bis er tot ist, und so lange jauchzt das ganze Dorf ihm natürlich zu. Wenn er hernach tot ist, denkt kein Mensch mehr darüber nach, dass ich Recht gehabt hatte. Mit einem Einkommen rechnen, das können wir gar nicht. Ich brauche nur mal einen tot zu chloroformieren, dann kann ich einpacken und habe nichts."

Unterwegs war der Arzt, ein ausgebildeter Kriegs-Chirurg, damals zumeist mit dem Fahrrad, bis hin nach Klietz und dem Havelwinkel - oft sogar nachts. Mitte März 1888 berichtet er: "Die Warnauer stapfen bis an den Bauch durch den Schnee bis hierher, um Medizin für ein krankes Kind zu holen. Sie getrauen sich gar nicht, mich zu bitten, herauszukommen. Die Elbe steht von Deich zu Deich, ein Riesenwasser, ... kein Brief kommt herüber, der Arneburger auch nicht. Morgen fahr ich nach Klietz."

Wie viele Gewerke und Geschäfft es einst in der Stadt gab, davon berichtet Christa Nehring in dem Buch: Vorm Krieg lebten hier um die 2000 Sandauer, es gab zwei Ärzte, einen Zahnarzt, eine Apotheke, eine Tanksäule und eine Sparkasse, eine Hebamme, einen Anwalt und drei Fischer. Ferner immerhin neun Gaststätten, davon vier mit Tanzsaal, der beim Beschuss abgebrannte "Lindenhof" besaß zudem sogar eine Kegelbahn und einen Eiskeller. Acht Läden verkauften Lebensmittel, es gab vier Fleischer, fünf Bäcker, vier Schuhläden, drei Schneider, zwei Schmieden, drei Gärtnereien, zwei Kohlenhändler, einen Brunnenbauer und drei Baubetriebe mit Sägewerken.

Ernst Busse: "Am Horizont war alles blutrot"

Bei seinem Bericht über die Zerstörung der Stadt im April 1945 hatte sich der Pfarrer auf Berichte von zwei Zeitzeugen gestützt: Ernst Busse und Rosel Warnstedt mussten den fast völligen Untergang der Stadt miterleben. "Am Montag, 16. April, begann dann der Artilleriebeschuss ohne Pause, aber richtig", erinnert sich der Senior. Die Familie hatte sich im Garten einen Bunker aus Weidepfählen und Erde gebaut, er bot zwar Schutz gegen Granatsplitter - bei einem Volltreffer wären alle tot gewesen.

Als der ganze Ort brannte, mussten auch Busses flüchten - doch Panzersperren verhinderten die Durchfahrt des Fuhrwerks. Ein Ausweg fand sich schließlich am Schloss, doch auch hier blockierten umgestürzte Lichtmasten und Bäume die Wege. Durch den Jederitzer Wald führte die nächtliche Flucht bis nach Kuhlhausen. Von dort schaute Ernst Busse in Richtung Sandau: "Am Horizont war alles blutrot!"

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