Zu einem fünftägigen Aufenthalt auf den Truppenübungsplatz Altengrabow ist am Sonntag vor einer Woche das in Havelberg stationierte Führungsunterstützungsbataillon 382 ausgerückt. An die 300 Soldatinnen und Soldaten stellten sich hier einer Ausbildung in Vorbereitung auf den im Sommer dieses Jahres beginnenden Auslandseinsatz.

Havelberg/Altengrabow. Ein Bundeswehr-Lkw möchte ins Truppenlager einfahren. Bevor ihm das gestattet wird, nehmen Wachsoldaten das Fahrzeug gründlich unter die Lupe. Die Besatzung muss sich ausweisen; mit Spiegeln schauen die Wachen sogar rundherum unter den Laster. Da ihnen alles in Ordnung scheint, lassen sie den Lkw passieren. Dann geschieht das schier Unfassbare. Im Lager springen plötzlich zwei Männer in Zivil von der überplanten Ladefläche und schießen mit Maschinenpistolen wild um sich.

Verletzt wird niemand, denn zum Glück ist die Szenerie gestellt. Im Einsatzland allerdings kann sie tödliche Folgen haben. Aus diesem Grund wird die Ausbildung umgehend unterbrochen. Alle am Checkpoint eingesetzten Soldaten müssen antreten, damit das schwere Vorkommnis umgehend ausgewertet werden kann. Denn bei der Kontrolle des Lkw übersah das Wachpersonal, dass dessen Plane an der Ladefläche nicht korrekt geschlossen, sondern zum Teil geöffnet worden war. Obwohl es sich um ein Fahrzeug der eigenen Streitkräfte handelte, hätte bei einer solchen Feststellung eine Kontrolle der Ladefläche erfolgen müssen. Ein Fehler mit großer Wirkung.

"Aber Fehler sind dazu da, dass man aus ihnen lernt", erklärt Oberstleutnant Thomas Zimmermann, Kommandeur des Führungsunterstützungsbataillons 382. Die realistisch simulierten Szenarien seien vor allem dafür gedacht, Fehler zu erkennen und im Einsatz zu vermeiden. "Die Soldaten erfahren am eigenen Leibe, wie wichtig es ist, selbst auf das kleinste, unscheinbarste Detail acht zu geben", so Thomas Zimmermann. Sowohl er als auch eine Reihe anderer Zeit- und Berufssoldaten aus dem Bataillon können dabei bereits aus einem eigenen Erfahrungsschatz aus Auslandseinsätzen schöpfen und ihn an die unerfahrenen Soldaten weitergeben.

"Den Hintergrund für die kompakte einsatzvorbereitende Ausbildung bildet die Tatsache, dass die 5. Führungsunterstützungskompanie im Juli mit rund 60 Soldaten nach Masai Sharif in Afghanistan verlegt", berichtet der Oberstleutnant. Vier Monate lang werde sie im Krisengebiet verbleiben. Aber auch allen anderen Soldaten des Bataillons könne es nichts schaden, erstmals eine solche Ausbildung zu erleben. Denn früher oder später könnte es auch ihnen passieren, dass sie zum Auslandseinsatz abkommandiert würden.

Viele Wochen, ja Monate nahm die Vorbereitung der Ausbildung auf dem Truppenübungsplatz Altengrabow in Anspruch. Vor allem die Rollenspieler, die die Darstellung von unterschiedlichen Charakteren im Einsatzland übernahmen - ebenfalls ausschließlich Soldatinnen und Soldaten aus dem Bataillon - mussten ausgewählt und geschult werden und ihre schauspielerischen Fähigkeiten trainieren, um exakt die Bilder und Situationen nachzustellen, wie sie in Afghanistan im Zusammentreffen mit der Zivilbevölkerung tatsächlich auftreten können.

Zudem entstand unter der Federführung des Chefs für Ausbildung im Bataillon, Major Nick Rakowski, ein zeitlich streng gegliederter Plan für den Stationsbetrieb in Altengrabow. "Mit vier Ausbildungsstationen und vier Ausbildungszügen. Jeden Tag wechselte ein Zug zu einer anderen Station", erläutert der Bataillonskommandeur. "Die Soldaten, die nach Afghanistan gehen, haben wir in einem Zug zusammengefasst, um sie als Team zu fördern und schon jetzt zu gewährleisten, dass jeder seinen Nebenmann kennt und weiß, dass er sich hundertprozentig auf ihn verlassen kann."

Gründlich trainiert wurde in Altengrabow unter anderem das Betreiben eines Checkpoints mit Fahrzeug- und Personenkontrolle sowie der Transport von Fernmeldegerät durch das Land im Rahmen eines Fahrzeugkonvois. Letzteren mussten die Auszubildenden gleich dreimal am Tag absolvieren, wobei sich die unangenehmen Überraschungen von Fahrt zu Fahrt häuften und auch den Einsatz von Waffen zur eigenen Verteidigung erforderlich machten. Bei der abschließenden dritten geriet der Konvoi zum Beispiel in einem scheinbar menschenverlassenen Dorf in einen Hinterhalt; ein Lkw wurde dabei schwer getroffen und die Insassen schwer verletzt. Oberstleutnant Thomas Zimmermann, der dieses Szenario am Donnerstag beobachtete, fiel dabei auf, dass die anderen Kameraden im Konvoi sich nach diesem Angriff zu viel Zeit ließen, um sich um die Verletzten zu kümmern und über Funk Hilfe für ihren schnellen Abtransport und für die Bergung des kaputten Lkw anzufordern. Im Ernstfall dürfe so etwas nicht passieren, müsse ein eingespieltes Team genau wissen, welche schnellen Handlungen in bestimmten Situationen erforderlich seien.

An einer weiteren Station lernten die Führungsunterstützer, wie sie sich als Fußpatrouille beim Zusammentreffen mit der Zivilbevölkerung zu verhalten haben und welchen Stellenwert dabei die Beobachtung sämtlicher Personen einnimmt, die sich in der Nähe der Gruppe aufhalten.

Auf die Sprechfunkausbildung, in besonderem Maße auch in englischer Sprache, legten die Ausbilder ebenfalls großen Wert. Ebenso auf die Nachtkampffähigkeit mit Hilfe der Nachtsichtbrille. Die Bergung von Kraftfahrzeugen wurde geübt und das Verhalten im Straßenverkehr in Afghanistan. Und natürlich das Aufspüren von möglichen Sprengfallen, die sich nicht nur an und auf Straßen, sondern überall in begeh- und befahrbarem Gelände befinden können. Nicht zuletzt nahm auch die Sanitätsausbildung einen großen Raum in Altengrabow ein, wobei das Bataillon Unterstützung von Kräften des Sanitätszentrums Havelberg erhielt. Und zum krönenden Abschluss eines jeden Ausbildungstages musste jeweils der Zug, der sich in der Konvoiausbildung befand, in einer Zeit von möglichst unter einer Stunde mit Sack und Pack einen sechs Kilometer langen Fußmarsch zurück in die Unterkunft absolvieren.

"Ich habe in Altengrabow eine ganze Menge Neues dazugelernt", erklärt Stabsunteroffizier Kai Müller, der im Erzgebirge zu Hause ist. Er wünscht sich auch in Zukunft "weitere solcher Ausbildungen. Die erforderlichen Handlungen in bestimmten Situationen müssen jedem in Fleisch und Blut übergehen", sagt er. "Ohne solche Übungen sollte man nicht in den Auslandseinsatz fahren", pflichtet ihm der Gefreite Dean Gärtner aus Zeitz bei. Er erlebte selbst, wie schwer es ist, stets und ständig hochkonzentriert bei der Sache zu sein, als er in eine Sprengfalle tappte. "Ich habe den Draht echt nicht gesehen", erzählt er. Für ihn sei die Ausbildung in Altengrabow "eine ganz neue Erfahrung" gewesen, vor allem, "was dafür materiell und personell so alles in Bewegung gesetzt wurde".

Kommandeur Thomas Zimmermann zeigte sich mit den Ergebnissen seiner Männer am Ende der Woche zufrieden: "Die Motivation und die Leistungen meiner Männer waren sehr überzeugend. Für den Einsatz in Afghanistan sind wir auf dem richtigen Weg."