Der Abriss des stadtbildprägenden Gebäudes der Inneren Mission sorgt in Havelberg für heftige Diskussionen. Das Haus muss erhalten werden, auch wenn es kein Denkmal ist, so der Tenor in vielen Gesprächen. Der Kultour-Verein Elb-Havel-Winkel hat einen Offenen Brief an die Innere Mission geschrieben. Die Volksstimme fragte bei Denkmalschützern nach, wann ein Haus ein Einzeldenkmal ist.

Havelberg. Kulturdenkmale sind laut Denkmalschutzgesetz des Landes Sachsen-Anhalt "gegenständliche Zeugnisse menschlichen Lebens aus vergangener Zeit, die im öffentlichen Interesse zu erhalten sind. Öffentliches Interesse besteht, wenn diese von besonderer geschichtlicher, kulturell-künstlerischer, wissenschaftlicher, kultischer, technisch-wirtschaftlicher oder städtebaulicher Bedeutung sind". Nach diesen Kriterien werden Denkmale inventarisiert und in einer Denkmalliste erfasst. Der Altbau der Inneren Mission, der 1901 errichtet wurde (die Volksstimme berichtete), gehört nicht dazu, obwohl so mancher dies vermutet hätte.

Dagegen ist schräg gegenüber das Backsteinhaus in der Neustädter Straße 37 als Denkmal ausgewiesen - es gibt Behauptungen, das Denkmalschild sei aus Versehen dort und nicht am Altbau der Inneren Mission angebracht worden. Der villenartige Bau ist um 1830 entstanden und eines der herausragenden Werke im Stil der Heimatbewegung in Havelberg, heißt es in der Denkmalliste. Es wurde aus kulturell-historischen Gründen als erhaltenswert eingestuft, berichtet Carola Jensen von der Unteren Denkmalschutzbehörde des Landkreises Stendal auf Volksstimme-Nachfrage zu diesem Haus.

"Es gibt etliche Objekte in der Denkmalliste, wo die Bevölkerung sagt, bloß weg damit, und andere, die kein Denkmal sind, um die aber gekämpft wird", weiß sie aus ihrer Erfahrung.

Da der Altbau im Evangelischen Seniorenzentrum in der Semmelweisstraße kein Denkmal ist, stehe dem Abriss nichts im Wege. Die Abrissabsicht sei für den Besitzer lediglich anzeigepflichtig. Eine Genehmigungspflicht, wie bei Denkmalen der Fall, bestehe dafür nicht, so Carola Jensen.

Was möglicherweise der Grund dafür ist, dass der Altbau nicht auf der Denkmalliste steht, wollte die Volksstimme gestern vom Landesverwaltungsamt in Halle wissen. Eine Antwort steht noch aus.

"Ein sehr stadt- bildprägendes Gebäude"

Für Havelbergs Bürgermeister Bernd Poloski ist der Abriss des Gebäudes "grundsätzlich mehr als bedauerlich, denn es ist ein sehr stadtbildprägendes Gebäude", sagte er gestern im Gespräch mit der Volksstimme. Für ihn kam die Nachricht ebenso überraschend wie für alle Havelberger. Über die Pläne, in dem Haus einen Demenzbereich einzurichten, war er informiert, "es hat mich überrascht, mit welcher Konsequenz jetzt der Abriss umgesetzt wird".

In den Prozess, was außerhalb eines von der Stadt als Sanierungs- und Erhaltungsgebiet festgelegtem Areal (in Havelberg die Stadtinsel und der Dombereich) als Einzeldenkmal festgelegt wird, ist die Stadt nicht involviert.

"Der Abriss des Altbaus der Inneren Mission ist natürlich ein städtebaulicher Verlust, das ist gar keine Frage. Doch reicht allein der Tatbestand, dass es bedauerlich ist, nicht aus. Die Frage ist, was hätte dort reinsollen. Ist es das Ziel, auch ohne Nutzung ein Haus in die Zukunft zu führen? Auch wir als Stadt hätten keine Nutzungsmöglichkeit dafür in der Schublade", so der Bürgermeister.

Die gleiche Diskussion stehe bevor, wenn die ehemalige Berufsschule (heute Sekundarschule) in einigen Jahren leergezogen ist. "Das ist auch ein Stück Stadtgeschichte. Wir sehen heute noch nicht, wie wir das Haus nutzen sollen."

Wenn die bautechnischen Voraussetzungen nicht so gegeben sind, dass ein Haus wirtschaftlich geführt werden kann, wie es im Fall der Betreuung von Demenzkranken offensichtlich der Fall ist, scheint ein Abriss des Gebäudes unausweichlich. "Ein Thema, das im Übrigen auch bei denkmalgeschützten Häusern diskutiert werden muss. In der Langen Straße haben wir genügend Beispiele dafür. Was passiert mit den Häusern, für die kein Mensch eine Nutzung hat? Wenn ein Haus nicht abgerissen werden soll, es aber auch keine sinnvolle und wirtschaftliche Nutzung dafür gibt, wie kommt man damit zurecht, wer ist dafür zuständig", gibt der Bürgermeister zu bedenken.

Die "D8", deren Abriss schon kurz bevorstand, sei ein gutes Beispiel dafür, dass es gehen kann, einem alten Haus wieder Leben einzuhauchen. Der Verein "denkMal und Leben" engagiert sich stark dafür, hat sich selbst in die Pflicht genommen, dafür zu sorgen, dass sich das Haus wirtschaftlich trägt. Die Stadt beteiligt sich an der Förderung der Sanierung. "Allerdings müssen wir ehrlich sagen, wenn das ein Dauerzustand wäre, würden wir an die Schmerzgrenze stoßen, was finanziell vertretbar ist", so Bernd Poloski.

Der Kultour-Verein Elbe-Havel-Land hat sich gestern in der Hoffnung, den Abriss des Altbaus der Inneren Mission noch abwenden zu können, mit einem Offenen Brief an den in Brandenburg ansässigen Landesausschuss gewandt. Aus Sicht der Unterzeichner ist das Haus "ein Denkmal für beispielgebende soziale und humanitäre Arbeit der Kirche". Die Moral und das Kulturgut würden gegen einen Abriss sprechen, so Vereinsvorsitzender Günter Klam. Den genauen Wortlaut lesen Sie im unten stehenden Beitrag.