Viele Havelberger, die die Geschehnisse in Japan verfolgen, denken dabei auch an Sebastian Maslow. Der junge Mann lebt seit 2006 in dem Land, hat dort sein Studium beendet und schreibt jetzt seine Doktorarbeit. Er kennt Japan schon länger, verbrachte er dort doch bereits als Gymnasiast ein Austauschjahr. In Sendai ist er betroffen von dem schwersten Erdbeben Japans.

Von Andrea Schröder

Havelberg. "Mir geht es den Umständen entsprechend gut", sagt Sebastian Maslow gestern Vormittag am Volksstimme-Telefon. Der 28-Jährige saß da bei einer befreundeten Familie im japanischen Sendai am Abendbrotstisch, der Tag drei nach der Erdbebenkatastrophe neigte sich langsam dem Ende entgegen.

"Die Angst ist da, aber keine Panik."

Er war gerade aus dem Bus ausgestiegen, als am Freitag kurz vor sieben Uhr Ortszeit das heftigste Beben in Japans Geschichte die Stadt im Nordosten erschütterte und einen Tsunami ausgelöst hat. "Wenn ich zu Hause gewesen wäre, wäre es schlimmer geworden", sagt Sebastian und berichtet von seiner Wohnung in der Innenstadt, die jetzt unbewohnbar ist. Risse in den Wänden, alles liegt in den Zimmern verteilt. Er hatte Schwierigkeiten, überhaupt die Wohnungstür zu öffnen. Mittlerweile hat er ein paar Sachen herausholen können. Koffer zum Beispiel, denn eigentlich wollte der Doktorand am Mittwoch zu einer Forschungsreise nach Europa starten. Daraus wird vermutlich erstmal nichts.

"Wir sind eingeschlossen. Der Flughafen in Sendai ist zerstört. Straßen werden für Hilfstransporte benötigt. Züge verkehren nicht, Busverkehr gibt es nur eingeschränkt."

Der Havelberger, der 2006 für sein Studium der Japanologie, Politikwissenschaft und neueren Geschichte nach Japan ging und derzeit seine Doktorarbeit schreibt, hat in den vergangenen Tagen Radiosendern Interviews gegeben und für überregionale Zeitungen Augenzeugenberichte geschrieben - mit dem Handy. "Jetzt kommen erste ausländische Medienteams in die Stadt, das war bisher vom Süden her nicht möglich."

So langsam ordnet sich die Situation in der Millionenmetropole, berichtet Sebastian. Seit Samstagnacht gibt es wieder Strom. Wasser ist in der Innenstadt vorhanden, andernorts nicht. Die Gasversorgung werde auf längere Zeit unterbrochen sein. Warmes Wasser zum Duschen ist Fehlanzeige. Man müsse sparsam mit dem Vorhandenen umgehen.

Das betrifft auch die Lebensmittel. "Die Regale in den Supermärkten sind fast leer, es kommt nichts nach", erzählt er und spricht zugleich von einer beeindruckenden Ordnung, die die Japaner trotz der Katastrophe zeigen. "Die Angst ist natürlich da, aber keine Panik. Es gibt keine Rangeleien oder Szenarien, die man sich angesichts dieser Katastrophe vorstellen würde. Das öffentliche Leben funktioniert sehr gut."

Hat er Angst vor der Radioaktivität, die von den angeschlagenen Atomkraftwerken ausstrahlen könnte? Es sind nur 120 Kilometer Entfernung von Sendai zu den Atommeilern. "Man muss den Leuten vertrauen und ihren technischen Fähigkeiten. Die Kühlung mit Meerwasser soll relativ erfolgreich funktionieren. Die Evakuierungsmaßnahmen erfolgten im Umkreis von 20 Kilometern um das Kraftwerk", antwortet er. Machen könne man nichts. Auch diesbezüglich gebe es keine Panik.

Das wirkliche Ausmaß sehen die Einwohner der Stadt genauso wie die Menschen weltweit über die Bilder in Fernsehen oder Internet. "Nur drei, vier Kilometer entfernt sind in Küstennähe ganze Stadtteile verschwunden, immer wieder werden weitere Tote gefunden", berichtet Sebastian. Die Bergungstruppen sind im Einsatz. Das ganze Ausmaß ist noch nicht absehbar. "Ich persönlich schätze vorsichtig, dass mit zehn- bis fünfzehntausend Toten gerechnet werden muss."

Die Menschen in Sendai bleiben in der Innenstadt, die Küstenregionen sind gesperrt. Man versucht, Lebensmittel zu besorgen. Zum Abendbrot gab es gestern bei Sebastian Reis. "Wir versuchen, kalorienreiches Essen zu uns zu nehmen, um den Magen einmal am Tag ordentlich zu füllen und nicht so schnell wieder Hunger zu haben."

"Wart mal kurz, es bebt gerade wieder", unterbricht Sebastian das Gespräch. Nach der kurzen Pause erklärt er, dass man die Lampen beobachtet, ob sie sich vertikal oder horizontal bewegen. Vertikal ist schlimm, dann drückt das Beben von unten gegen die Häuser. Horizontal schwingen die Gebäude, das sei meist nicht so gefährlich.

"Man wartet erstmal ab, was passiert und verlässt dann geordnet das Haus. In Panik herauszustürzen, wäre schlimmer." Alle fünf bis zehn Minuten gibt es Nachbeben. "Man weiß schon gar nicht mehr, ob man selber vor lauter Spannung bebt oder ob es die Erde ist", beschreibt er seine Gefühle. Während des Telefonats bewegten sich die Lampen horizontal.

"Sag allen, dass es mir gut geht."

Ob er es schafft, in den nächsten Tagen in einen Flieger Richtung Europa steigen zu können, weiß er noch nicht. "Ich muss abwarten, wie sich das hier mit den Verkehrsmitteln entwickelt", sagt er und verabschiedet sich mit den Worten: "Sag allen, dass es mir gut geht."