Die Wehrpflicht ist ausgesetzt - die letzten jungen Männer, die ihr folgen mussten, sind Anfang des Jahres zum Dienst in die Bundeswehr einberufen worden. In der 5. Kompanie des in Havelberg stationierten Panzerpionierbataillons 803 - sie hat in der Klietzer Kaserne Im Walde ihren Sitz - absolvieren derzeit 64 Rekruten ihre Allgemeine Grundausbildung. Die Volksstimme begleitete sie einen Tag lang.

Klietz/Havelberg. "Soldat sein beginnt hier!" steht im Eingangsbereich des Gebäudes der 5. Kompanie - in großen Buchstaben hoch oben an der Zwischenwand, die das Foyer von den Unterkünften der Rekruten trennt. Über Jahre hat dieser Leitsatz die jungen Männer begleitet, die hier in den ersten drei Monaten ihrer Wehrdienstzeit das Soldatenhandwerk erlernten. Ab April wird in den Block ungewohnte Ruhe einziehen, denn nach der Aussetzung der Wehrpflicht findet im Panzerpionierbataillon 803 keine Allgemeine Grundausbildung mehr statt. Ziemliche Ruhe herrscht hier auch am frühen Mittwochmorgen gegen 5.30 Uhr. Normalerweise eine halbe Stunde nach dem Wecken. Die Betten sind unbenutzt, die Unterkunftsräume verschlossen. "Fast alle sind ,ausgeflogen\'. Zum Biwak", erklärt der Planungsoffizier der 5. Kompanie, Leutnant Marco Rasch.

6 Uhr: In ein noch fast dunkles Waldstück auf dem Übungsplatz bei Schollene kommt Bewegung. Wecken und Aufstehen ist angesagt. Sofern davon überhaupt die Rede sein kann. Denn in der Nacht herrschten Temperaturen deutlich unter null Grad. "Für mich war\'s einfach zu kalt, um hier draußen schlafen zu können", sagt Michel Scharnbeck. "Lieber hab ich über Nacht am wärmenden Feuer gesessen. Nach mehrmaligem Wache liegen vor einem freien Feld am Waldrand wäre ich wohl auch im Schlafsack nicht mehr auf ,Betriebstemperatur\' gekommen."

Zusammen mit den anderen Kameraden, die in Klietz seit Anfang Januar das Soldatenhandwerk erlernen, hat der 22-jährige Havelberger einen langen Tag mit einer kurzen Nacht hinter sich gebracht. Denn am Dienstagvormittag waren die Rekruten während einer theoretischen Ausbildung völlig überraschend zu einem Einsatz alarmiert worden. Nur wenig Zeit blieb ihnen, um Sack und Pack anzulegen, ihre Waffe zu empfangen und sich zum Abmarsch ins Feld bereit zu machen. Dort erwarteten die Rekruten dann noch so einige Überraschungen. Sie mussten bis nach Mitternacht unter anderem einen Kontrollpunkt besetzen, "Aufständische" beruhigen und sich in einer Deckung gegen Angreifer verteidigen. Auch mit Waffengewalt. "Einsatzvorbereitung", nennt Leutnant Marco Rasch kurz und knapp das Schlagwort. "Bereits in der Allgemeinen Grundausbildung werden den Pionieren die ersten Grundlagen für den Einsatz im Ausland vermittelt." Vor allem sollen dabei die freiwillig Längerdienenden und die Zeitsoldaten erste Erfahrungen sammeln. "Denn sie werden mit ziemlicher Sicherheit bereits von 2012 an bis 2013 mit ins Ausland gehen", sagt der Planungsoffizier. Das Panzerpionierbataillon hat dann nämlich Kräfte für den Einsatz in Afghanistan bereitzustellen.

Gegen 6.30 Uhr bringt ein Kleintransporter in großen Kübeln Wasser für die Rekruten. Die dann bei null Grad plötzlich mit freiem Oberkörper im Wald stehen. "Morgenwäsche", schmunzelt Pionier Alexander Kelle, der bei Schönebeck zu Hause ist. "Bei den Temperaturen härtet das ab, vertreibt die Kälte aus dem Körper. Man fühlt sich nach dem Waschen wie ausgewechselt", versichert er.

Gegen 8.20 Uhr melden die Wachen, dass sich bewaffnete Angreifer dem Camp nähern. Was einen Alarm und erneut ein "Feuergefecht" nach sich zieht. Nachdem es ihr gelungen ist, den Gegner in die Flucht zu schlagen, verlegt die Truppe zu Fuß einige Kilometer weiter - eine weitere Stunde später registrieren die Rekruten mit Erleichterung, dass ein Bundeswehrbus sie zur Rückfahrt in die Kaserne abholt. Die Ausbildung im Felde ist damit erst einmal beendet.

"Mit einer großen Klappe kommt man hier nicht weit"

"Anstrengend, aber trotzdem gut. Denn man lernt was. Vor allem auch das Miteinander, die Kameradschaft. Für jeden an seiner Seite da zu sein", urteilt Manuel Scharnbeck über das Erlebte der vergangenen 24 Stunden. Der junge Havelberger hat sich freiwillig für vier Jahre zum Bund gemeldet. "Um mal eine richtige Lebenserfahrung zu machen", wie er sagt. Als gelerntem Koch sei ihm die Umstellung aber alles andere als leicht gefallen. "Früh um fünf aufzustehen, fiel mir anfangs ganz schön schwer. Vor allem, weil ich als Koch nie vor 10 Uhr zur Arbeit musste. Aber man gewöhnt sich an alles." Auch an den Ton der Ausbilder beziehungsweise Vorgesetzten: "Ich musste feststellen, dass ich mit einer großen Klappe hier nicht weit komme", grinst der Domstädter.

Was er am meisten vermisst? "Meine Freundin in Havelberg." Die Zeit von einem Wochenende zum anderen könne ihm darum nicht schnell genug vergehen.

Ebenfalls nicht weit nach Hause hat es der Sydower David Wiek. "Wehrpflicht ja oder nein - das hat für meine Einberufung überhaupt keine Rolle gespielt. Ich wäre wahrscheinlich auch, ohne dazu verpflichtet zu sein, zur Bundeswehr gegangen. Denn ich wollte schon immer mal sehen, wie es so ist, Soldat zu sein", erzählt der 20-Jährige. Heute macht er sich darüber keine Gedanken mehr: "Man kriegt hier alles gesagt, was man zu tun hat." Nach mehr als zwei Monaten Dienstzeit lässt er allerdings nichts über seinen Tischlerberuf kommen. "Der Grundwehrdienst wird eine wichtige und auch schöne Lebenserfahrung für mich, als Tischler zu arbeiten gefällt mir aber weitaus besser." Schließlich möchte er einmal Tischlermeister werden und den Betrieb des Vaters in Sydow übernehmen.

Seinem Stubenkameraden Maik Presuhn aus Wulkau geht es ähnlich. "Ich hab\' absolut nichts gegen die Bundeswehr und das Soldatsein", versichert er, "aber auch im zivilen Leben gibt es noch Berufe mit Zukunft. Zum Beispiel den des Altenpflegers - meinem Wunschberuf." Mit seinen 18 Jahren befinde er sich gerade im richtigen Alter für den Einstieg in die Ausbildung. Im Sommer soll es losgehen.

Seit der Einberufung Anfang Januar vermisste er übrigens am meisten die Privatsphäre, für die in der Allgemeinen Grundausbildung nur noch an den dienstfreien Wochenenden Zeit bleibt. Familie, Fußball spielen mit Freunden oder Angeln zum Beispiel. Und auch das Campen ist ein ganz großes Hobby des Wulkauers - allerdings bevorzugt er es nicht so wie am Mittwoch mit einer dünnen Zeltplane und einem Schlafsack auf gefrorenem Boden im Wald.

"Probleme bereitete mir auch, mich an die tägliche Hektik hier zu gewöhnen, die dann wiederum auf einen Schlag ins ganz Ruhige übergehen kann."

"Im Großen und Ganzen setzt sich der letzte Durchgang der Allgemeinen Grundausbildung aus einer recht gut motivierten Truppe zusammen. Ich wüsste wirklich keinen, von dem ich sagen könnte, er sei hier fehl am Platze", schätzt Leutnant Marco Rasch ein.

Einer, der es zum Beispiel ganz genau wissen will, ist der 20-jährige Dustyn Kallmeyer aus Hornhausen bei Oschersleben. "Ich bin als Grundwehrdienstleistender freiwillig hierher gekommen. Inzwischen habe ich mich dazu entschlossen, die Feldwebel-Laufbahn einzuschlagen und den Dienst somit auf 12 Jahre zu verlängern", berichtet der junge Mann. Seit seinem 16. Lebensjahr auf eigenen Füßen stehend, "hatte ich mehr Pech als Glück im Leben". In einer Laufbahn bei der Bundeswehr sehe er nun eine echte Perspektive. "Auch, um einen vernünftigen Beruf zu erlernen." Zuletzt arbeitete Dustyn als Lebensmitteltechniker. Um sich voll und ganz auf den neu eingeschlagenen Weg konzentrieren zu können, "habe ich mich selbst von meiner Freundin getrennt". Die Umstellung vom zivilen auf den militärischen Bereich fiel ihm nicht schwer. Am Bemerkenswertesten findet er folgendes: "Vor der Armeezeit war ich Langschläfer, jetzt bin ich sogar am Wochenende, wenn ich zu Hause bin, schon früh um halb fünf hellwach ..."

Der Nachmittag steht am Mittwoch ganz im Zeichen des Putzens. Unterbrochen wird das Waffenreinigen, Säubern, Überprüfen und Verstauen der Ausrüstung sowie die Herstellung der Ordnung in den Stuben und in den persönlichen Schränken nur von zwei Unterrichtsstunden. Schulbank drücken im ehemaligen Kinosaal der Kaserne. "Wirkung von Waffen und Kampfmitteln" sowie "Bündnis und vertragliche Pflichten" stehen dabei auf dem Plan. Beide Themenbereiche gehören schließlich zum Grundwissen eines Soldaten. Konzentration und Mitarbeit sind gefragt - auch wenn die Müdigkeit von den Strapazen der letzten Nacht im Unterrichtsraum ein besonders schlimmer Gegner ist. Und so nimmt es der das erste Thema abhandelnde Hauptfeldwebel einem Rekruten auch nicht so übel, als er ihn mit "Herr Hauptmann" anspricht. Allerdings muss der Soldat die Meldung noch einmal wiederholen, nachdem der Ausbildungsleiter auf seine Schulterstücken gedeutet hat.

Am frühen Abend ist dann noch einmal das Wasser ein begehrtes Arbeitsmittel der Soldaten. Zum Stuben- und Revierreinigen weiß jeder, für welchen Innen- oder Außenbereich er in Sachen Ordnung und Sauberkeit die Verantwortung trägt. Besen, Eimer, Wischmopp und andere Arbeitsgeräte machen die Runde. So werden Soldaten auch zu guten Hausmännern.

Viel Freizeit bis zum Zapfenstreich bleibt danach nicht.

   

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