Havelberg. "Das war wirklich eine spannende Angelegenheit", sagt Student Ramon Petzold. Der Havelberger absolvierte vor kurzem ein zweiwöchiges Praktikum im Prignitz-Museum. Dabei beschäftigte er sich mit der Apothekengeschichte in Havelberg und gestaltete auch eine Vitrine darüber, die nun in der stadtgeschichtlichen Abteilung steht. Spannend machte diese Aufgabe allein schon die Tatsache, dass er dafür im Depot des Museums stöbern konnte, in dem sich unzählige Dinge befinden, die nicht in den Ausstellungsräumen der Einrichtung zu sehen sind. "Das machte mir riesigen Spaß, und ich bin stolz darauf, nun ein weiteres Anschauungsstück für das Museum geschaffen zu haben", so Ramon Petzold.

Über seine Erkenntnisse zur Apothekengeschichte hat er auch einen Beitrag für die Volksstimme verfasst:

"Im Zuge meines Praktikums beschloss das Prignitz-Museum am Dom Havelberg ein besonderes Thema auszustellen. Unter dem Motto ,Aus dem Depot geangelt\' wurde als erstes Thema die Apothekengeschichte in Havelberg gewählt. Kaum einer weiß, dass diese bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht.

Schon kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg wurde dem ersten Apotheker bereits das Bürgerrecht und die Erlaubnis zum Praktizieren erteilt. Kurze Zeit später im Jahre 1668 baute Daniel Wilhelmy die erste Apotheke auf dem ehemaligen Grundstück des 1627 abgebrannten Rathauses. Belegt wird dies durch ein Zitat der damaligen Bürgermeister und Ratsherren: ,Wir Bürgermeister und Rathmannen der Stadt Havelberg ... bekennen, dass wir hiesigem Bürger und Apotheker Daniel Wilhelmy unsere alte Rathausstelle überlassen, dergestalt dass Er dieselbe seines belieben nach bebauen und aufs beste ... nutzen und gebrauchen möge\'.

33 Jahre später, nach dem Tod des Vaters, erbte dessen Sohn Daniel Andres die Apotheke, der sie bis 1740 weiterführte, doch im Alter von 76 Jahren an Herrn Heinrich Friedrich Schweling verkaufte.

Ab sofort können Museumsbesucher nun Fundstücke aus vergangenen Tagen betrachten und mit den Museumsmitarbeitern ein Stück der Havelberger Geschichte rekonstruieren. Ausgestellt sind unter anderem die Originalurkunde der Gründung der ersten Apotheke sowie Funde von Apothekenbedarf, wie Keramik, Schmelztiegel, aber auch Fläschchen von verschiedenen Tinkturen und vieles mehr.

Ebenfalls interessant ist ein Brief, welcher 1947 in der Wand der Apotheke gefunden wurde. Er stammt vom damaligen Apotheker Gustav Keil, welcher diesen im September 1864 schrieb und anlässlich einer Umbauaktion in der Wand vermauern ließ. Der Brief schildert allgemeine Fakten der damaligen Stadt Havelberg, wer beispielsweise die damaligen Bürgermeister waren, das Apothekenpersonal, welche Richter hier ansässig waren und welche Menschen in unmittelbarer Nachbarschaft wohnten. Auch eine Mineralwasserfabrik, welche zur Apotheke gehörte und 50000 Flaschen Sodawasser pro Jahr absetzte, findet hier ihre Erwähnung. Als besonderes Highlight sind ebenfalls die ortseigene elektrische Telegraphenstation und das Steinkohlegaswerk genannt."

Urkundentext aus dem Jahr 1864

Folgender Urkundentext aus der Havelberger Ratsapotheke wurde am 17. September 1864 von Gustav Keil geschrieben und im Jahr 1947 gefunden. Nicht mehr lesbare Stellen sind durch drei Punkte gekennzeichnet.

Im September des Jahres 1864 wurde dieses Haus, die Rats Apotheke, vom Besitzer, dem Apotheker Gustav Keil, gründlich restauriert. Zum Andenken hieran wird dieses Dokument vermauert, damit er ... dem Finder Kunde von vergangenen Tagen gab.

Neben dem Apothekengeschäft, der ... Medizinal Umsatz von ungefähr 4000 Talern macht, besteht in diesem Hause seit dem Jahr 1861 eine Mineralwasserfabrik, die jährlich 50 000 Flaschen Selters und Sodawasser absetzt.

Das jetzige Personal des Hauses ist folgendes:

1. Friedrich Gustav A. Doyl Keil, in Potsdam gebürtig am 10. März 1830, seit dem 1. Oktober 1856 Besitzer der Apotheke.

2. Dessen Ehefrau Anna Keil, ... Beavenroth

3. Bruno Keil

4. Georg Keil

5. Blara Beavenroth, Tochter der Frau Anna Keil

6. Gustav Akr, Gehilfe in der Apotheke

7. ein Stoßer

8. zwei Dienstmädchen.

In der Stadt sind fünf Ärzte: Dr. Geißler, Dr. (Lhaar), Dr. Leeger, Dr. Lakauma, Dr. O. Geehsler. Letztere sind Militärärzte bei dem hier garnisionierten II. Bataillon 4. brandenburgischen Infanterieregiment und seit dem Januar dieses Jahres mit der preußischen Armee nach Schleswig gegen die Dänen aus ... Außer diesen Ärzten befindet sich hier noch ein Wundarzt: Lindenberg und ein alter ... Schroeder, der durch hier ... einen bedeutenden Mut aus dem Lande hat.

Der Magistrat hiesiger Stadt besteht aus: Bürgermeister Steingraeber. ... Balame.

Den Ratsherrn: Abeser Brauereibesitzer, Fischer ..., Rabenau, ... Wittich Besitzer der Löwenapotheke.

Der Stadt (...) Kollegium besteht aus 24 Mitgliederen, deren Vorgesetzter G. Keil ist.

In politischer Richtung sind die Bewohner Havelbergs in zwei scharfe Parteien gesondert, doch sind die Liberalen an Größe den Reaktionären bedeutend überlegen.

Havelberg sendet seit vielen Jahren nur Liberale Wahlmänner, der Fortschrittspartei angehörend, zur Abgeordnetenwahl. Der Apotheker G. Keil macht es sich zur Ehre, einer der Hauptführer der hiesigen ... Liberalen zu sein.

Die nächsten Nachbarn dieses Hauses hier: Nr. 252 Hancke, Schneider; Nr. 253 Schulz, Fleischer; Nr. 254 Fithing, ... Nr. 255 Pancke Gastwirt; Nr. 256 ... Kupfergießer; Nr. 257 Strempel Kaufmann; Nr. 258 Randolf Konditor; Nr. 260 Duvart Sattler; Nr. 261 Harnark Goldanbieter.

Seit dem Januar 1863 wird Havelberg durch ..., die Kosten der Anlage der Gasfabrik betrugen 22 000 Taler. Die elektrische Telegraphen Station hierorts besteht seit dem Juli des Jahres.

Die hiesigen fliegenden Gerichtsdeportation bestehen aus 2 Richtern. Kinderling in Herms und 2 ..., Schulz in Kolshorn. Die ... des ... Ungnad, Superintendent, Scharlau, Prediger; auf dem vom Kuntzemüller, Superintendent, die zweite Pastorstelle gegenwärtig offen.