Jedes Jahres feiert die evangelische Kirchengemeinde St. Stephan die Osternacht. Sie beginnt 5 Uhr, Sonntag 5 Uhr - in diesem Fall wohl keine unchristliche Zeit, denn etwa 100 Tangermünder lockt dieses Angebot so früh am Ostersonntag in das Gotteshaus.

Tangermünde. Ostersonntag, kurz vor 5 Uhr. Noch ist es Nacht. Ein leuchtender Halbmond, umringt von vielen Sternen, steht am Himmel. Keine Autos fahren durch Tangermündes Innenstadt, kein Motorrad knattert über den Asphalt. Es herrscht noch angenehme Stille. Lediglich die Vögel zwitschern und ein Streifenwagen der Polizei fährt langsam durch die Lange Straße.

"Warum sind wir so früh heute in die Kirche gekommen?"

Das Oberlicht der Eingangstür von St. Stephan ist erhellt. Ein Zeichen dafür, dass es richtig war, am Ostersonntag so früh aus dem Bett zu steigen. In der Kirche ist zu dieser Zeit wirklich schon jemand. Und nicht nur ein oder zwei sind es, die hier nach und nach zusammenkommen. Am Ende sind es etwa 100 Männer, Frauen und sogar ganz kleine Kinder, die hier gemeinsam in den Ostersonntag starten. "Warum sind wir so früh heute schon in die Kirche gekommen?", fragt eine Stimme in das Dunkel hinein. Kein Licht brennt, keine Kerzen leuchten.

Nur Pfarrer Jürgen Weinert hält eine kleine Lampe in seiner Hand, um die Antwort auf diese Frage vorzulesen. Er erinnert mit der Ostergeschichte an die Auferstehung des Herrn und entzündet das Osterlicht.

Verbunden ist die Osternacht in St. Stephan - der erste Gottesdienst in der Kirche nach der Winterzeit - seit etlichen Jahren mit der Heiligen Taufe. Es sind Konfirmanden, Kinder, Babys, auch Erwachsene, die am Ostersonntag an das Taufbecken treten oder getragen werden. In diesem Jahr folgen fünf Täuflinge dem Pfarrer im spärlichen Licht der Osterkerze in die Taufkapelle. Es sind die Konfirmanden Paul Schüler, Felix Paehr und Patrick Reihs sowie dessen jüngere Schwester Maggy (die erst in einigen Jahren Konfirmation feiern wird) und außerdem Daniela Krüger - die einzige erwachsene Frau in dieser Runde -, die von Pfarrer Weinert getauft werden.

Auch alle anderen Gemeindemitglieder versammeln sich in der Taufkapelle. Hier wird das Licht der Osterkerze an viele kleinere Kerzen weitergereicht. Während draußen der Tag erwacht und erstes Licht durch die Kirchenfester in das große Gotteshaus fällt, wird der Platz um das Taufbecken von vielen kleinen Osterlichtern erhellt.

"Ich fühle mich in der Gemeinde gut aufgehoben"

Der Gemeinde erklären die Täuflinge vor dem Gang an das Taufbecken, weshalb sie sich zu diesem Schritt entschlossen haben. Daniela Krüger "fühlt sich in der Gemeinde gut aufgehoben". Auf Gott und Kirche sei sie "durch die Familie ihres Mannes neugierig geworden". Paul Schüler, der in wenigen Wochen Konfirmation feiern wird, sagt: "Meine Eltern haben mich nicht getauft und das war gut so. So konnte ich selbst entscheiden, ob ich es machen möchte oder nicht." Für Felix Paehr ist es wichtig, "von Gott und in die Gemeinde aufgenommen zu werden".

Mal sind es die Großeltern oder eine Tante, mal gute Freunde oder Verwandte, die den Täuflingen als Paten zur Seite stehen möchten. Bei Felix Paehr ist es bespielsweise dessen Schwester Christin, die sich dazu bereiterklärt hat.

Wie wichtig Taufpaten sind, berichtet Pfarrer Weinert am Rande der Heiligen Taufe. Eine 90-Jährige aus der Gemeinde habe niemanden mehr außer ihrem Patenkind. "Und das kümmert sich heute rührend um seine Patentante", setzte er fort.

Mit dem lodernden Osterfeuer auf dem Pfarrhof, dem gemeinsamen Osterspaziergang bei aufgehender Sonne entlang des Hafens und dem Osterfrühstück in den Räumen der Landeskirchlichen Gemeinde beginnt für die Christen der St. Stephansgemeinde der Ostersonntag völlig anders als sonst und damit auch anders als für die meisten ihrer Mitmenschen.