Seit Ende des Monats Februar stehen die Sandauer ohne Nahversorger da, die Kaufhalle schloss von einem Tag auf den anderen ihre Pforten. Vor allem die älteren Sandauer sind davon betroffen - sie stellten denn auch das Gros der Teilnehmer der Einwohnerversammlung zu diesem Thema.

Sandau. Überraschend war die Schließung für die Sandauer wohl nicht gekommen, denn bereits vor einigen Jahren hatte es eine Unterschriftensammlung gegen die beabsichtigte Schließung gegeben. Daran erinnerte Bürgermeister Henry Wagner am Mittwochabend zu Beginn der Zusammenkunft im maikühlen Schützenhaus-Saal.

Ein Gespräch, das er mit dem PUG-Kauf-Geschäftsführer in Salzwedel geführt hatte, hatte diesen nicht umgestimmt, die Halle blieb zu. Das Sandauer Geschäft sei unrentabel, hieß es als Begründung. - Eine Wiedereröffnung werde es definitiv nicht geben.

Allerdings würde die Salzwedeler Nahversorger-Firma bei Alternativen unterstützen und dem neuen Nutzer auch sehr entgegenkommen, denn ein leerstehendes Objekt verursacht letztendlich auch Kosten. Das bestätigte auch Wagners Stellvertreter Silvio Wulfänger, der ebenfalls mit dem Salzwedeler Firmenchef gesprochen hatte. Sogar ein Verkauf der nun leeren Immobilie käme infrage.

Der Bürgermeister zeigte sich erfreut, dass auch einige Jüngere den Weg in den Saal gefunden hatten: "Auch die Jüngeren kommen einmal in das Alter, wo es ihnen schwer fallen wird, übers Land zum Einkaufen zu fahren."

Mit freiwilligen Helfern wurde die Sandauer Kaufhalle in den 1970er Jahren errichtet, jetzt soll sie nach den Vorstellungen der Stadtväter auch durch das Engagement der Bürger wieder öffnen. Dass es klappt, wird in Deutschland in hunderten Orten demonstriert, worüber Axel Dosch und Wolfgang Gröll näher informierten.

Die beiden Unternehmensberater haben in anderen Bundesländern wie Schleswig-Holstein, Bayern, Mecklenburg oder Brandenburg bereits ähnliche Projekte auf den Weg gebracht. Und das sogar in Orten, die weit weniger Einwohner haben oder noch dichter an Supermärkten liegen als Sandau.

"Wer weiter denkt, kauft näher ein" lautete das Motto des Vortrages von Wolfgang Gröll. Die Modelle für solche Bürger- oder Dorfläden wurden bereits Mitte der 1990er Jahre entwickelt. Untersucht wurden privat und kommunal betriebene Läden sowie Bürgerläden. Letztere schnitten dabei am besten ab. Vorbild war die Genossenschaft, wobei wegen der relativ hohen Kosten dafür inzwischen ein neues Rechtsgebilde entwickelt wurde: die Bürgergemeinschaft.

Wie in einer Genossenschaft zahlen alle Beteiligten einen oder mehrere Anteile in einen Topf ein, im Schnitt sind es jeweils 150 Euro. Ist genug Geld beisammen, kann mit dem Aufbau des Geschäfts begonnen werden. Etliche Orte kamen dabei sogar ohne Fördermittel aus. Die schnellste Gründung eines Bürgerladens erfolgte innerhalb von sechs Wochen - ebenfalls ohne Fördergelder. Der älteste Laden-Gründer war 77 Jahre alt.

Am besten laufe der Bürgerladen dort, wo er von Laien betrieben wird, so der Referent. Die ältesten Geschäfte sind inzwischen 17 Jahre alt, etwa 90 Prozent der Neugründungen überleben. In Schleswig-Holstein klappte dies sogar in 250-Einwohner-Orten. Bürgerläden gibt es inzwischen sogar in Stadtteilen.

Erste Grundvoraussetzung ist die Bildung eines Arbeitskreises, der alles vorbereitet. Finanzierung und Rechtsform sind unter anderem zu klären. Dann wird eine Machbarkeitsstudie erstellt, wozu Sandau nun Fördermittel in Magdeburg beantragt hat.

In der praktischen Phase folgen die Auswahl und Sicherung des Objektes, Lieferantenverträge sind zu schließen und das Sortiment auszuwählen, die Ladeneinrichtung ist zu kaufen, eventuelle Investitionen sind auszulösen und Mitarbeiter einzustellen. Je nach Rechtsform muss ein ehrenamtlicher Aufsichts- oder Beirat gebildet werden und ein ebenfalls ehrenamtlicher Geschäftsführer oder Vorstand bestellt werden. Zudem ist ein Kundenrat zu bilden.

Angeboten werden sollten sowohl preiswerte Sortimente für Sozialhilfeempfänger als auch qualitativ hochwertige und regionale Produkte. Dabei können die Preise der Bürgerläden durchaus mit denen der Discounter mithalten, betonte der Referent - denn alle kaufen beim selben Großhändler ein.

Ihre Schwerpunkte setzen die Bürgerläden auf Frische und auf die Gemeinschaft. So gibt es in einigen Orten Feste, regelmäßige Kontakte zum Kindergarten oder sogar einen Kinder-Kaufmannsladen im Bürgerladen. Ergänzt werden kann das Lebensmittel-Angebot durch solche Dienstleistungen wie Post- oder Lotto-Annahme oder einen Reinigungsservice. Einbezogen werden könnten auch örtliche Versorger wie Bäcker und Fleischer, lautete ein weiterer Vorschlag.

Henry Wagner wies darauf hin, dass man sich in Sandau wohl von täglichen Öffnungszeiten verabschieden müsse, zudem könne es sein, dass in der Halle mehrere Anbieter von Waren unterkommen. Auch könnte er sich hier ein kleines Café als sozialen Treffpunkt vorstellen. Ein solcher ist auch Karin Kandner wichtig.

"Warum sollte in Sandau nicht funktionieren, was auch in anderen Orten klappt?"

Jetzt steht und fällt erst einmal alles mit der Bewilligung des Förderbescheides durch das Landwirtschaftsministerium, so der Bürgermeister. Etwa 98000 Euro sollen Machbarkeitsstudie und bauliche Veränderungen an der Kaufhalle kosten, die Stadt ist daran mit 20 Prozent beteiligt. Zwei Jahre läuft die Maßnahme.

Jörg Löffler und Helmut Schulz bezweifelten, dass es Fördergelder für ein Objekt gibt, welches der Kommune gar nicht gehört. Doch sei dies möglich, so die Berater. Die erfolgte Investition werde dann mit der Pacht oder Miete verrechnet. Ob es dann auch endlich eine Rampe für Rollstuhlfahrer gebe, wollte Rosel Warnstedt wissen. Das sei im Antrag berücksichtigt worden, so Henry Wagner. Unter anderem müsse auch der hintere Hallenbereich trockengelegt werden.

Ingo Jurig fand die Verkaufsfläche von 300 Quadratmetern zu groß, zudem gibt es Konkurrenz durch fliegende Händler. Sandau besitze trotz der Discounter in Havelberg durchaus Potenzial, fand Wolfgang Gröll. Und für einen Bürgerladen müsse ja nicht die komplette Halle genutzt werden.

"Entscheidend wird sein, wie der Großteil der Sandauer die Einkaufsstätte annehmen wird", blickte Bruno Oberstein voraus. Viele arbeiten auswärts und erledigen dort ihre Einkäufe. Auch diese Frage wird mit der Machbarkeitsstudie geklärt, ohne ein positives Votum gibt es keine Investition, erklärte Christine Maczutajtis vom Bauamt.

"Warum sollte in Sandau nicht funktionieren, was auch in anderen Orten klappt?", zeigte sich Henry Wagner optimistisch. Die Chance sollte jedenfalls nicht vertan werden - auch nach der totalen Zerstörung im letzten Krieg haben die Sandauer angepackt und vieles geschaffen. Entscheidend sei, dass möglichst alle Sandauer mitziehen und hinter diesem - und dann auch ihrem - Projekt stehen.