Vor 21 Jahren öffnete sich die innerdeutsche Grenze zwischen Hanum und Zasenbeck. Die Bewohner beider Nachbardörfer feierten ihr Wiedersehen nach Jahren der Trennung durch Mauer und Stacheldraht. Gestern wurde an dieses historische Ereignis mit einem Gottesdienst in der Hanumer Kirche und einem Winterfrühschoppen gedacht.

Hanum. Nachdem das 20. Jubiläum der Grenzöffnung zwischen Hanum und Zasenbeck im vergangenen Jahr noch ganz groß gefeiert wurde, ging gestern alles eine Nummer kleiner über die Bühne. "Wir haben den politischen Rahmen diesmal weggelassen und begehen den Tag in kleiner Runde. Schließlich werden es auch immer weniger, die sich an die Ereignisse 1990 erinnern können und an den Veranstaltungen teilnehmen", erläuterte Interessenvertreter Wolfgang Schulz, der zu der als Winterfrühschoppen deklarierten Feier nichtsdestotrotz zahlreiche Einwohner beider Nachbardörfer im Hanumer Saal begrüßen konnte.

Den Auftakt machte wie in den Vorjahren ein Gottesdienst in der Hanumer Kirche. Dabei erinnerte Gemeindepädagogin Steffi Hohmann an die Wendepunkte der Jahre 1989/90, die immer noch das Leben der Menschen prägen. "Bei den Leipziger Montagsdemonstrationen gingen damals unzählige Menschen auf die Straße, um gegen die Diktatur in der DDR zu protestieren. Sie hatten keine Steine in der Hand, sondern Kerzen", erzählte die Jübarerin. Zwar hätten die aufmarschierten Polizisten Anweisung gehabt, hart durchzugreifen, doch angesichts der friedlichen Masse mit ihren Lichtern hätten sie sich hilflos gefühlt. Damit sei die Spirale der Gewalt durchbrochen worden. "Böses lässt sich nicht durch Böses überwinden, das zeigt die Erfahrung", erklärte Hohmann. Stattdessen erzeuge Gewalt stets nur Gegengewalt.

Symbol des friedlichen Wandels vor 21 Jahren sei das Bild von der Rose, dem Zeichen der Liebe, auf einem Pflasterstein. "Ich hoffe, dass Sie Ja sagen zu den Erfahrungen von gestern und erkennen, dass die Liebe Mauern überwindet, dass sie Hass und Gewalt aufbricht und dass es Vergebung und die Chance für neue Anfänge gibt", rief die Gemeindepädagogin den Zuhörern in der Kirche zu. Das alljährliche Gedenken an den Tag der Grenzöffnung solle daran erinnern, dass Wendepunkte im Leben stets möglich sind und die Liebe Gottes die Menschen dabei begleitet.

Schulz: "Wollen an Tradition festhalten"

Nach dem Gottesdienst zogen die Teilnehmer zum Hanumer Saal, wo nach und nach weitere Einwohner beider Nachbardörfer eintrafen. Interessenvertreter Wolfgang Schulz begrüßte die Besucher und wies darauf hin, dass das erste Jahr als nicht mehr selbstständiger Ort hinter den Hanumern liegt. "Trotzdem wollen wir an der Tradition festhalten, uns am Jahresanfang mit den Zasenbeckern zu treffen. Auch wenn das Ganze in diesem Jahr nicht unter Tag der Grenzöffnung firmiert, sondern als Winterfrühschoppen veranstaltet wird", erklärte der langjährige Bürgermeister der Gemeinde.

Zasenbecks Ortsvorsteher Reinhold Tielbörger, der seit 15 Jahren die Erinnerungsfeiern an die historischen Ereignisse des 6. Januar 1990 begleitet, bemängelte in seinen Grußworten, dass die Jugend beider Dörfer den Veranstaltungen mehr und mehr fernbleibt. "Wahrscheinlich ist das nach 21 Jahren aber auch ein bisschen schwierig, da von den jungen Leuten damals niemand dabei war und der persönliche Bezug zur Grenzöffnung einfach fehlt", meinte der Zasenbecker.

Neue Hoffnung für Ohre-Rundwanderweg

Tielbörger hatte aber auch eine gute Nachricht mitgebracht. So komme in das lange geplante Projekt eines grenzüberschreitenden Rundwanderweges entlang der Ohre, der zwischen Hanum und Zasenbeck verlaufen soll, endlich Bewegung. "Das Otterzentrum in Hankensbüttel hat sich der Sache angenommen", berichtete der Ortsvorsteher. So sollen die auf niedersächsischer Seite im Zuge der Ohrebegradigung 1964/65 veränderten Mäander wieder in ihren ursprünglichen Zustand versetzt werden. "In der Hoffnung, dass sich dort Otter und Biber wieder heimisch fühlen", so Tielbörger.

Der sanfte Tourismus sei eine Chance für die Region, die sich in den 21 Jahren seit der Grenzöffnung wirtschaftlich nicht gerade weiterentwickelt habe. Nach wie vor gebe es für viele Jugendliche nur die Perspektive, der Heimat den Rücken zu kehren, weil Arbeitsplätze vor Ort fehlen. "Und wenn die jungen Leute einmal weg sind, kommen sie so schnell auch nicht wieder", bedauerte der Zasenbecker.

Jübarer Blaskapelle seit 1990 stets dabei

Auf der Bühne hatten derweil die Musiker der Jübarer Blaskapelle Platz genommen, die die Grenzöffnungsfeiern bereits seit Jahren begleiten. Und auch am historischen Tag selbst, dem 6. Januar 1990, als sich die Grenztore zwischen Hanum und Zasenbeck nach 28 Jahren der Trennung das erste Mal öffneten, standen die Bläser in vorderster Reihe. "Damals war es allerdings ein richtiger Wintertag mit trockenem Frost", erinnerte sich der Gladdenstedter Heinrich Herms, der die Kapelle leitet. Wie schon damals heizten die Musiker auch gestern den Besuchern mit schmissigen Klängen ein.

Bei dem ein oder anderen Glas Bier und anderen Getränken verging der Vormittag wie im Fluge. Mittags fuhr Roland Klingler mit seiner Gulaschkanone vor und versorgte die Besucher des Frühschoppens mit leckerer Erbsensuppe. Und auch danach war noch lange nicht Schluss. "Unsere Frauen haben heute ganz spontan Kuchen gebacken. Deshalb laufen Sie nach dem Mittagessen nicht gleich weg, sondern bleiben sie noch zu einer Tasse Kaffee", lud Wolfgang Schulz die Hanumer und Zasenbecker zum Verweilen ein.

   

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