Nach noch nicht einmal einem Jahr droht dem Drogeriemarkt in Kusey das Aus. Zu wenig Kunden, zu wenig Einnahmen. Marktleiterin Cathleen Busse ist mit ihrem Latein am Ende. Der Mietvertrag für den Laden ist bereits gekündigt.

Kusey l Als die Schlecker-Filialen der Region, also in Klötze, Kusey und Kunrau, vor gut zwei Jahren wegen der Konzernpleite die Schotten dicht machten, herrschte in der Bevölkerung blankes Entsetzen. Wo sollten fortan denn bloß die dort angebotenen Waren erworben werden? Zumindest in Kusey keimte am 27. Mai 2013 wieder Hoffnung auf. Denn an diesem Tag öffnete dort ein Drogeriemarkt. Inhaber Volker Schwerin und Marktleiterin Cathleen Busse waren voller Zuversicht. Insbesondere deshalb, weil der Standort ideal zu sein schien. Mitten im Ort, dazu ein Parkplatz. Doch nun, kaum zwölf Monate später, ist dieser Optimusmus gewichen. Stattdessen besteht Angst um die Zukunft.

Cathleen Busse, die zuvor neun Jahre lang in einem Supermarkt in Wolfsburg-Fallersleben gearbeitet hat, war damals Feuer und Flamme. Im Fernsehen hatte sie gesehen, wie sich drei ehemalige "Schlecker-Frauen" mit einem eigenen Geschäft selbständig machten. "Das wäre auch was für mich", dachte sie sich und fasste sich ein Herz.

"Ich will nicht reich werden, aber wenigstens wieder ruhig schlafen können."

Voller Elan ging Cathleen Busse ihre neue Aufgabe an. Doch mittlerweile fällt es ihr immer schwerer, sich Tag für Tag aufzuraffen. Grund für ihre Sorgen, die Körper und Geist belasten, ist die finanzielle Lage. "Wir stehen kurz vor der Pleite", gibt sie unumwunden zu. Bei der Eröffnung des Drogeriemarktes hoffte sie vor allem auf den Durchgangsverkehr, der direkt an dem Laden vorbei führt - aber zu ihrem Leidwesen auch vorbei fährt.

Im Durchschnitt hat Cathleen Busse, die wegen der fehlenden Einnahmen Ende vergangenen Jahres einer Vollzeitkraft und mit Wirkung zu gestern auch zwei Teilzeitmitarbeiterinnen kündigen musste, nur 20 bis 30 Kunden pro Tag. Am Mittwoch waren es 24. Zumeist handelt es sich um einen treuen Stamm aus Kusey und umliegenden Dörfern wie Neuferchau, Kunrau und Jahrstedt. Allerdings, so berichtet Cathleen Busse, wird meist nur für geringe Summen eingekauft. Die Kasse klingelt nicht. "Um über die Runden zu kommen, bräuchte ich mindestens 30 bis 40 Kunden. Ich will nicht reich werden, aber wenigstens wieder ruhig schlafen können."

Die 42-Jährige, die jetzt im wahrsten Sinne des Wortes allein den Laden schmeißen muss - wochentags durchgehend von 9 bis 18 Uhr und sonnabends von 8 bis 12 Uhr - ist mit ihrem Latein allmählich am Ende. "Wir haben wirklich alles versucht, Hinweise aufgenommen, auf Wünsche reagiert." So wurde die Produktpalette von zunächst knapp 2000 auf nun 3500 Artikel erweitert, es gibt einen Fotoservice, einen Paketdienst und eine Versand-Apotheke. Doch all das scheint vergebene Liebesmüh gewesen zu sein. "Irgendwie hat nichts gefruchtet."

"Alle jammern rum, dass es auf dem Lande nichts gibt. Hinterher ist das Geschrei wieder groß."

Erfolg will sich partout nicht einstellen. "Mir fehlen einfach die Pendler und vor allem auch die Leute aus Klötze", bedauert Cathleen Busse, die selbst in der Purnitzstadt wohnt.

"Ich will mich nicht beklagen. Das habe ich mir ja selbst ausgesucht. Aber so langsam krieche ich auf dem Zahnfleisch", beschreibt Cathleen Busse ihre persönliche Situation, die nicht folgenlos bleibt. "Wir haben die Reißleine schon gezogen und den Mietvertrag vorsorglich zum 30. September gekündigt. Aber sollte sich nicht schnell was zum Guten ändern, dann werden wir wohl gezwungen sein, schon im Mai zu schließen."

"Die Kuseyer sind treu, wenngleich ich nur von ihnen auch nicht leben könnte."

Die Volksstimme hörte sich in der Bevölkerung um. Was würde die Schließung des Drogeriemarktes bedeuten? Worin liegen die Ursachen für das drohende Aus? Eine ältere Dame mittleren Alters meinte: "Alle jammern rum, dass es auf dem Lande nichts gibt. Aber wenn es etwas gibt, dann wird es nicht angenommen. Und hinterher ist das Geschrei wieder groß."

Und eine Dame älteren Jahrgangs sagte: "Ich verstehe das nicht. Da fahren die Leute kilometerweit nach Wolfsburg, Salzwedel oder Gardelegen zum Einkaufen. Ich bin froh und dankbar, dass wir hier in Kusey noch so gut versorgt sind. Wir haben einen Bäcker, einen Fleischer, den Konsum, einen Lottoladen. Wehe, wenn das eines Tages nicht mehr so ist."

"Das wäre unglaublich schade, wenn diese Einkaufsmöglichkeit wegfiele."

Die Volksstimme hörte sich außerdem in den alteingesessenen Geschäften in unmittelbarer Nachbarschaft zum Drogeriemarkt um. Gibt es dort ähnliche Probleme? Ronny Bratke, Chef der Fleischerei, verneint: "Ich kann nicht klagen, bin zufrieden. Klar, auch wir mussten uns auf die speziellen Wünsche der Kunden einstellen, bieten einen Imbiss an. Es war ein harter Kampf. Man muss flexibel sein. Und wir profitieren vom Durchgangsverkehr."

Indes sagt Torsten Spiegler, Boss der Bäckerei: "Ich kann mich auf die Stammkunden verlassen. Die Kuseyer sind ein treues Völkchen, wenngleich ich nur von ihnen auch nicht leben könnte. Ich profitiere von meinem guten Namen, von den Kunden von außerhalb. Die Lage hier an der Hauptstraße ist top. Ich bin zufrieden."

Warum der Drogeriemarkt nicht läuft, vermögen beide nicht einzuschätzen.

Ortsbürgermeister Klaus Vohs fiel aus allen Wolken, als er von dem drohenden Aus für den Drogeriemarkt erfuhr, zeigte sich im Gespräch mit der Volksstimme entsetzt und bestürzt. "Das wäre unglaublich schade, wenn diese Einkaufsmöglichkeit wegfiele. Ich wünsche dem Geschäft alles Gute. Die Bürger sind frei in ihrer Entscheidung, wo sie einkaufen. Aber manche fahren nach Brome, nach Wolfsburg. Dabei ist hier alles vor Ort. Zum Glück. Das gibt es längst nicht überall. Dafür sollten wir dankbar sein."