Rüdiger Fricke aus Jahrstedt ist ein leidenschaftlicher Hobby-Paläontologe. Er liebt es, auf die Suche nach Fossilien zu gehen und diese näher zu bestimmen. Bei einer Grabung nahe Wiepke hat er jetzt einen besonderen Fund gemacht: eine vielleicht noch unbekannte Muschelart.

Jahrstedt l Eigentlich ist Rüdiger Fricke Diplom-Ingenieur im Bereich Nachrichtentechnik. Den Feierabend nutzte er früher hauptsächlich dazu, die Füße hochzulegen und die Seele baumeln zu lassen. Doch vor etwa 15 Jahren änderte ein Spaziergang mit dem ältesten Sohn seine Freizeitgestaltung rapide. Am Wegesrand lag nämlich ein Stein, der so schön und rund war, dass er ihn mit nach Hause nahm. Es stellte sich heraus, dass es sich dabei um einen See-Igel handelte, der vor Urzeiten im heutigen Sachsen-Anhalt gelebt haben muss.

Rüdiger Fricke eignete sich das nötige Fachwissen selbst an

In dem Moment war das Interesse von Rüdiger Fricke schlagartig geweckt. Er begann, sich mehr und mehr für Fossilien, die Zeugen der erdgeschichtlichen Vergangenheit sind, sowie die Paläontologie, also die nähere Erforschung dieser sogenannten Petrefakte, zu interessieren. "Ab da habe ich rund um Jahrstedt jeden Stein umgedreht", erzählt Rüdiger Fricke.

Aber das reichte ihm nicht. Er beschäftigte sich intensiv mit der Materie, wälzte Unmengen von Büchern, unterhielt sich mit Experten und eignete sich auf diese Weise ein fundiertes Fachwissen an. Alles, was ihm zwischen die Finger kam, heftete er ab oder speicherte es im Computer.

So macht er es bis heute. Mittlerweile füllen diese Aufzeichnungen ganze Regale beziehungsweise Festplatten. Für Fricke sind diese Daten ein kostbarer Schatz, auf den er jederzeit zurückgreifen kann und auch muss, um die versteinerten Lebewesen näher zu bestimmen.

Sein Hauptaugenmerk legt der 57-Jährige auf das Oligozän, eine Epoche, die vor knapp 33 Millionen Jahren begann und vor rund 23 Millionen Jahren endete. Damals, so meint Fricke, habe Deutschland größtenteils unter Wasser gelegen, die Altmark indes habe sich in Küstennähe zur ursprünglichen Nordsee befunden. Gletscher hätten das Eis mit starkem Druck verschoben und für besondere Ablagerungen aus Sand und Kies gesorgt.

Für Fricke ist das ein glücklicher Umstand, weil das die Chancen auf fossile Funde aus dem Oligozän immens erhöhe und er zum Ausüben seines Hobbys keine teuren Reisen in alle Welt unternehmen muss. "Bundesweit gibt es wohl nur noch zwei ähnlich gute Stellen: eine in Mecklenburg-Vorpommern und die andere in Nordrhein-Westfalen."

Seit gut einem Jahr ist der Jahrstedter vor allem in der Wiepker Gemarkung aktiv. Anhand seiner geologischen Schriften und nach einer sechsmonatigen Vorbereitung - "man geht nicht einfach so drauf los, man muss die Umgebung genau kennen" - war er sich "hundertprozentig" sicher, dass die Chancen, dort auf viele und seltene Fossilien zu stoßen, groß sein müssten. Und tatsächlich: Fricke war bei der Suche, die er übrigens auch im Auftrag der Uni Leipzig vornahm, der er 400 Proben zukommen ließ, hundertfach erfolgreich.

Muschel ist vielleicht noch unbekannt

Bei der Auswertung erweckte außerdem ein bestimmtes Fossil seine Aufmerksamkeit: eine Muschel, die er in keiner Publikation finden konnte und die auch den Spezialisten, denen er Fotos sandte, unbekannt war. Fricke kommt daher zu dem Schluss, dass die Existenz dieser Muschel noch nie jemand nachgewiesen habe und es sich um eine neue Art handeln könnte.

Ganz sicher könne er sich da aber nicht sein. "Dazu müsste ich beispielsweise alle Museen abklappern. So viel Zeit habe ich gar nicht."

Daher, so erklärt er, stünde es ihm auch nicht zu, der Muschel einen Namen zu geben. Dürfte er es, dann hieße sie nach dem Fundort "Nucula Wiepkerensis". Alternativ könnte sich Fricke auch mit "Nucula Koeneckerensis" anfreunden. Als Wertschätzung für Gero Könecke, dessen Arbeiten, wie "Der morphologische und sedimentäre Aufbau der Hellberge" von Fricke sehr geschätzt werden, die aber nie veröffentlicht worden seien.

Übrigens, so erläutert der Jahrstedter, sei die Paläontologie nichts für Faulenzer, sondern bedeute harte Arbeit. Allein um die sechs von ihm erwählten Mergelgruben bei Wiepke zu untersuchen, "hätte ich bis an mein Lebensende von morgens bis abends zu tun". Denn nicht nur die Buddelei, für die sich Fricke selbst Werkzeug gebastelt hat, sei ziemlich zeitintensiv. Noch dazu trage er jedes Detail, das ihm auffällt, in ein Tagebuch ein. Anschließend würden die Fossilien, die oft mit äußerster Sorgfalt von ihrem teils brüchigen Mantel aus Stein, Kies oder Sand befreit werden müssten und danach noch zu präparieren seien, exakt katalogisiert.

Das Ziel des Jahrstedters ist es, ein Buch über seine Forschungen zu schreiben

Doch warum das alles? "Es macht mir einfach Spaß", antwortet Fricke. Sein Ziel ist es, irgendwann ein Buch herauszubringen, in dem all seine Erkenntnisse zusammengefasst sind. Nicht, um Ruhm zu ernten, dies sei im Bereich der Paläontologie sowieso schwierig, sondern damit nachfolgende Generationen darauf aufbauen können.

   

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