Diese Zeilen vom Niedersachsen Heinrich Thies polarisieren bis heute. "Weit ist der Weg nach Zicherie", so der Buchtitel, beleuchtet den Mikrokosmos des Doppeldorfes Zicherie/Böckwitz während der deutsch-deutschen Trennung. Thies las daraus am Sonntag im Museum in Böckwitz.

Böckwitz l Zentraler Ansatzpunkt der Lesung war das Buch "Weit ist der Weg nach Zicherie". "Ich habe es geschrieben, weil das Doppeldorf Zicherie-Böckwitz einen Mikrokosmos von Ost und West darstellt, in dem man zeigen kann, wie sich das Leben in verschiedenen Gesellschaftssystemen über 40 Jahre entwickelte", erklärte Heinrich Thies eingangs des Literaturnachmittags. "Zudem soll es zum gegenseitigen Verständnis und zum Zusammenwachsen der Menschen in beiden Orten beitragen, also um Brücken zu bauen."

Willi Schütte, der Begründer des Böckwitzer Museums, lernte den Journalisten aus Hannover vor mehr als zehn Jahren beim Schützenfest in Zicherie kennen und schlug ihm vor, ein Buch über das Doppeldorf zu schreiben. "Ich nahm den Vorschlag dankend an und freute mich über die breite Unterstützung der Bevölkerung beider Orte", sagte Thies.

Auch Zeitzeugen aus dem Doppeldorf hörten zu

Verschiedene Schicksale und kuriose Orte lernte er während seiner Recherchen kennen. So die Gaststätte Lenz, wo die Theke im Osten Deutschlands stand und die Toiletten sich im Westen befanden. Thies sprach einzelne Schicksale an.

Willi Schütte berichtete über seine eigene Flucht mit der Familie nach Suderwittingen und dass er seit der Wende täglich nach Böckwitz kommt, weil es seine Heimat ist. An der Lesung nahm auch Gertrud Dreher mit ihrem Mann teil. Bekannt wurde ihr Hochzeitsfoto, weil sie 1959 im Brautkleid und ihr Mann im Anzug von Zicherie aus ihrer Mutter in Böckwitz am schönsten Tag ihres Lebens nur zuwinken konnten. Doch darüber wollte Gertrud Dreher am Sonntag nicht reden.

Eine andere Geschichte ist die von Bauer Wernstedt. Er wurde im Zuge der Bodenreform enteignet, weil er mehr als 100 Hektar Land besaß. Die Familie floh in den Westen. Sein Sohn Rolf war übrigens während der Wende Kultusminister in Niedersachsen. Eine andere Entwicklung nahm Paul Arenkens, ein Nachbar von Willi Schütte. Die Familie Arenkens wurde aus Böckwitz zwangsausgesiedelt. Arenkens wurde nach seiner Lehre als Landwirt Schauspieler und Operettensänger. Am Metropol-Theater in Berlin hatte er ein festes Engagement und spielte auch in zahlreichen Fernsehproduktionen mit.

Nach weiteren Geschichten begann Heinrich Thies dann mit seiner Autorenlesung aus dem Buch "Weit ist der Weg nach Zicherie". Im ersten Teil widmete er sich dem ersten Opfer an der Grenze nach dem Mauerbau 1961. Der Kommunist und Journalist Kurt Lichtenstein wurde bei Recherchen für eine Reportage an der Grenze bei Zicherie/Böckwitz von Grenzpolizisten erschossen.

Zu der Autorenlesung hatte der Museumsverein eigentlich in das Backhaus des Museums eingeladen. Doch trotz des Schlossfestes in Kunrau waren so viele Interessenten aus Niedersachsen und dem Altmarkkreis Salzwedel gekommen, dass der Platz selbst in der Museumsscheune eng für die mehr als 100 Zuhörer wurde.

Im Anschluss an die Lesung hatten viele Gäste aus Ost und West, aus Zicherie und Böckwitz, persönlich betroffene wie von der Lesung gefesselte Menschen noch so manche Frage. Heinrich Thies und Willi Schütte standen ihnen gerne Rede und Antwort.

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