Das Leben auf dem Lande hat sicher seine Vorteile. Ein Nachteil ist allerdings, dass es dort meistens keinen Supermarkt gibt, wie beispielsweise in Dönitz. Dort sind die Einwohner froh, dass zwei Mal pro Woche der Bäckerwagen kommt.

Dönitz l Es ist ein grauer und verregneter Vormittag. In Dönitz, einem 43-Seelen-Dörfchen, rührt sich nicht sonderlich viel. Auf den Straßen ist kein Mensch zu sehen. Nur zwei Vögelchen zwitschern vor sich hin. Es herrscht eine idyllische Ruhe. Doch dann ist schon von Weitem ein Klingeln zu hören. Und plötzlich kehrt Leben ein. Die Haustüren gehen auf und einige Frauen schreiten sternenförmig zum Platz am Denkmal. Dort parkt Verkäuferin Ilona Schultze gerade einen Verkaufswagen der Jahrstedter Bäckerei Gieselberg ein. Sie erhebt sich von ihrem Fahrersitz und öffnet hinten eine große Luke. Just in diesem Moment steigen einem herrliche Düfte in die Nase. In der Auslage und in den Regalen liegen fein drappiert allerhand Brote, Brötchen, Kuchen und anderes Naschwerk.

Ilona Schultze wünscht den Damen vor ihr einen guten Morgen und fragt: "Na, was darf es denn sein?"

Inge Tietge braucht nicht lange zu überlegen. Ein bisschen hiervon, ein bisschen davon - und schon ist ihr Korb bis zum Rand gefüllt. Neben der 81-Jährigen stehen Helga Peters und Käthe Mertens. Auch sie haben keine Mühe, etwas Leckeres zu finden. So bleibt Zeit für einen gepflegten Schnack. Über das Wetter, über die Gesundheit, über die Familie.

Gelegenheit zum Plausch

"Wir drei sind Stammkundinnen", erzählt Käthe Mertens, die froh ist, dass zwei Mal in der Woche der Bäckerwagen in Dönitz hält. "Sonst haben wir ja hier nichts mehr", berichtet sie. Die nächsten Einkaufsmöglichkeiten befinden sich in Klötze oder Brome. Vor allem für ältere Leute, die kein Auto (mehr) haben oder dieses nicht mehr so oft nutzen wollen, ist das ein recht weiter Weg, der nur bestritten wird, wenn es unbedingt nötig ist, wie Helga Peters sagt.

Gerne hätte sie einen Laden im Ort. Aber den Konsum gibt es schon lange nicht mehr. "Der hat gleich nach der Wende dichtgemacht", erinnert sich Käthe Mertens. "Darum ist es gut, dass der Bäcker kommt", fügt die 76-Jährige hinzu. Zumal bei der Gelegenheit so schön gequatscht werden kann, wie die 74-jährige Helga Peters schmunzelnd zugibt.

Der eigentliche Einkauf ist nach wenigen Minuten beendet, aber eine ordentliche Unterhaltung muss sein. Über das Wetter, über die Gesundheit, über die Familie. An Themen mangelt es nie.

Ilona Schultze hört aufmerksam zu und lässt die Luke offen, damit ihre Kunden vor dem Regen geschützt sind. Klar, irgendwann muss sie weiter, aber Eile ist nicht geboten. "Die Zeit sollte man sich nehmen", meint sie. "Das gehört einfach dazu, wenn man auf dem Land unterwegs ist. Der Wagen ist ein beliebter Treffpunkt. Und mit einigen Kunden sind wir sogar per Du."

Vorher hat sie das meterlange Fahrzeug schon in Röwitz, Kunrau und Schwarzendamm gestoppt. Nach Dönitz ist Immekath an der Reihe. Dann geht es zurück nach Jahrstedt, wo Auslage und Regale wieder sorgsam aufgefüllt werden, bevor Zicherie und Kaiserwinkel angesteuert werden. Diese Strecke ist dienstags und freitags die gleiche, aber eigentlich nicht die Route von Ilona Schultze, sondern von ihrer Kollegin Dagmar Schulz, die aber Urlaub hatte. In der Regel ist Schultze mittwochs und sonnabends unterwegs. Dann geht es nach Steimke, wo sie aufgewachsen ist, sowie hinüber in die Samtgemeinde Brome nach Tülau und Voitze.

"Pro Woche kommen mit den beiden Touren knapp 400 Kilometer zusammen", schätzt Volker Gieselberg, Inhaber der Bäckerei, ein. 1989, so erinnert er sich, "haben wir damit angefangen. Anfangs noch mit Trabi und Hänger, später mit einem Bulli."

"Das ist eine feine Sache", meint Käthe Mertens. Nicht auszudenken, wenn die Dönitzer selbst wegen Brot und Kuchen, also Waren des täglichen Bedarfs, nach Klötze oder Brome fahren müssten.

Bis nach Niedersachsen

Dieser Auffassung sind wohl auch etliche Bürger außerhalb von Dönitz. Ihnen kommt gelegen, dass neben der Bäckerei Gieselberg beispielsweise auch die Kuseyer Bäckerei Spiegler ein breites Gebiet abdeckt, das nicht nur die Einheitsgemeinden Klötze und Gardelegen tangiert, sondern weit nach Niedersachsen reicht. Dienstags geht es nach Jahrstedt, Tiddische, Barwedel, Hoitlingen, Velstove, Brackstedt, Eischott, Brechtorf und Oebisfelde; mittwochs nach Steimke, Böckwitz, Kaiserwinkel, Croya, Bergfeld, Brome, Neuferchau, Buchhorst, Wassensdorf und Breitenrode; freitags nach Weddendorf, Mieste, Wernitz, Sachau, Zobbenitz, Potzehne und Wannefeld.