An die Öffnung der innerdeutschen Grenze vor 25 Jahren erinnerten zahlreiche Menschen am Sonntag auf dem ehemaligen Todesstreifen zwischen Waddekath und Rade. Eingeladen hatte die SPD-Bundestagsfraktion.

Rade/Waddekath l Was vor mehr als einem Vierteljahrhundert noch einem Selbstmordkommando geglichen hätte, war am Sonntag eine Selbstverständlichkeit: Ein langer Zug von Menschen spazierte vom niedersächsischen Rade über den einstige Todesstreifen, vorbei am Rest einer Panzersperre zum letzten verbliebenen Mauerstück kurz vor Waddekath. Das wurde auf Initiative des ehemaligen Rader Ortsvorstehers Dieter von Campen als Mahnmal erhalten und mit Unterstützung von Landwirten und Bürgern aus dem Ort wiederhergestellt.

Vor der historischen Kulisse erinnerte Hubertus Heil, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, die zu der Veranstaltung eingeladen hatte, an die dramatischen Tage vor 25 Jahren. Der 9. November 1989 sei ein wunderbares Datum, das für Freiheit und Einheit stehe. "Nicht vom Westen wurde die Mauer eingerissen und auch nicht von Politikern, sondern von den mutigen Menschen in der DDR, die gerufen haben: `Wir sind das Volk!`", meinte Heil.

Der Mauerbau sei ein Verbrechen gewesen, das vielen Menschen das Leben gekostet und unendliches Leid über Familien gebracht habe. "Das kann man niemals politisch rechtfertigen", erklärte der SPD-Politiker, dessen Mutter aus Stralsund stammt. Der Blick seiner Familie sei schon deshalb immer nach Osten gerichtet und die Welt für ihn auch vor 1989 nicht in Helmstedt oder Wittingen zu Ende gewesen.

Stolz sein auf die friedliche Revolution

"Heute wünsche ich mir bei allen Schwierigkeiten manchmal die Freude von damals zurück", so Heil. Die Menschen im Osten könnten stolz sein auf die friedliche Revolution und den geschafften Wandel, die Westdeutschen auf die im entscheidenden Moment gezeigte Solidarität. "Heute verbindet uns mehr als uns trennt", ist sich der Peiner sicher.

Die altmärkische SPD-Bundestagsabgeordnete Marina Kermer nannte den Mauerfall ein unvorstellbares Ereignis. Ein ganzes Volk habe sich 1989 gegen einen Unrechtsstaat zur Wehr gesetzt und für Freiheit und Demokratie gekämpft.

"Die Menschen haben das schrecklichste Bauwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte zum Einsturz gebracht und Geschichte geschrieben", erklärte die Stendalerin. In den 25 Jahren seither sei einiges geschafft worden, aber auch noch vieles zu tun. So gebe es weiterhin große Unterschiede bei den Löhnen, die in den alten Bundesländern fast doppelt so hoch seien wie im Osten.

Auch nach dem Ende des Solidarpaktes 2019 dürften die neuen Bundesländer nicht abgehängt werden. Allerdings seien die Fördergelder künftig da zu verteilen, wo sie gebraucht werden, also auch in strukturschwachen Regionen des Westens. "Niedersachsen und Sachsen-Anhalt kämpfen als große Flächenländer mit ähnlichen Problemen. Die demografische Entwicklung und Abwanderung gefährden die Daseinsvorsorge besonders im ländlichen Raum", gab sie ein Beispiel.

Musikalisch umrahmt wurde die Gedenkfeier von der Schalmeienkapelle der Diesdorfer Feuerwehr und Musical-Tenor Dirk Soukup, der bei der anschließenden Zusammenkunft im Rader Gasthaus den Karat-Klassiker "Über sieben Brücken" anstimmte. Einen kleinen Einblick in die Ereignisse vor 25 Jahren gaben der Rader Herbert Manzke und Eva-Maria Heller, die seit 1985 in Waddekath wohnt.

Heller erinnerte an die Schwierigkeiten, eine Wohnung in der DDR zu bekommen. Im Diesdorfer Rathaus habe man ihr deshalb damals geraten: "Gehen Sie doch ins Grenzgebiet, da stehen die Häuser leer". Herbert Manzke trug Auszüge aus der Rader Chronik vor 25 Jahren vor.

"Am 10. November waren die ersten bei uns in Rade und in Wittingen, am 18. November gab es das erste deutsch-deutsche Straßenfest in Wittingen. Die Lebensmittelläden waren ausverkauft, die Stadt war voller Trabis und Gerald Eggert aus Dähre spielte mit seiner Band", berichtete er.

Am 28. Dezember brachen einige Rader die ersten Löcher in die Mauer. Und an Silvester 1989 gegen 14 Uhr wurde der Übergang nach Waddekath erstmals geöffnet, am 17. Februar 1990 war dann auch die Straßenverbindung zwischen beiden Nachbarorten wiederhergestellt.

   

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