Heute jährt sich die Öffnung der Grenze zwischen Böckwitz und Zicherie zum 25. Mal. Für viele Menschen war das ein unvergessliches Ereignis, so auch für Joachim Dürheide aus dem niedersächsischen Barwedel.

Böckwitz l Es waren bewegte und bewegende Tage - damals vor dem 18. November 1989 in Zicherie. Deutschland war immer noch in zwei Teile geteilt. Auf der einen Seite lag Zicherie und auf der anderen Böckwitz. Doch es war abzusehen: Bald fällt auch hier die trennende Grenze. Am Sonnabend, 18. November 1989, wurde sie nach dem Fall der Mauer in Berlin durch das Errichten eines Grenzübergangs durchlässig gemacht. "Das war der Anfang vom Ende der Deutschen Demokratischen Republik, kurz DDR genannt", sagt Joachim Dürheide.

"Welcher Generation ist es schon vergönnt, Weltgeschichte hautnah mitzuerleben?"

Der 66-Jährige wohnt in Barwedel (Samtgemeinde Boldecker Land) und macht deutlich: "Nach der Geburt meiner beiden Kinder war die Öffnung der unnatürlichen Grenze das einschneidendste Erlebnis in meinem bisherigen Leben." Denn: "Welcher Generation ist es schon vergönnt, Weltgeschichte hautnah mitzuerleben? Hier vereinigte sich ein geteiltes Volk auf unblutige Weise. Das, so glaube ich, hat es noch nicht gegeben."

Als bekannt wurde, dass in Böckwitz etwas geschehen würde, war Joachim Dürheide hautnah dabei und versäumte keinen Tag. Dann war es endlich soweit. Die Trabi-Karawane stand bereit, der Musikzug der Parsauer Feuerwehr ebenso. Die Musiker hatten sich auf der Grenzlinie postiert und spielten zur Begrüßung auf. Dann setzte ein unglaubliches Hupkonzert ein. Wildfremde Menschen, die sich vorher noch nie gesehen hatten, lagen sich in den Armen. "Auch mir erging es nicht anders. Spontan umarmte ich einen Mann mittleren Alters. Andere wiederum überreichten rote Rosen als Willkommensgruß. Nicht weit von mir entfernt entdeckte ich den Vorstandsvorsitzenden der VW AG, Carl Hahn, und Gifhorns Bürgermeister Manfred Birth. Von altmärkischer Seite aus erschien Jahrstedts Bürgermeister Siegfried Fest. Deutschland vereinigte sich."

Und Joachim Dürheide, der jahrelang im VW-Werk gearbeitet hat und heute für die SPD im Gifhorner Kreistag sitzt, dachte sich: "Jetzt sind wir Bundesbürger an der Reihe. Doch weit gefehlt. Hätte ich nicht noch eine gültige Einreiseerlaubnis in meiner Jackentasche gehabt, wäre ich nicht durchgelassen worden. Der eigene Bundesgrenzschutz hat uns zurückgehalten, nach Böckwitz zu gelangen. Hinterher habe ich erfahren, dass der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht um 14 Uhr seinen Besuch angesagt hatte. Erst dann war auch dem `Normalbürger` der freie Zugang gestattet. Damals war ich sehr aufgebracht darüber. Heute sage ich mir: Du hättest sonst nicht erlebt, was du erlebt hast."

"Es ist eine neue Zeit der Geschichtsschreibung angebrochen. Nutzen wir sie."

Ordnungsgemäß mit dem nötigen "Eintrittsgeld" ausgestattet und mit einem Stempel "Marienborn" im Personalausweis, durfte Joachim Dürheide die Grenze schon vorher passieren. Auf dem Weg nach Böckwitz erkannte er in einem Fußgänger den Baggerfahrer wieder, der an den Grenzöffnungsarbeiten mitgewirkt hatte. "Er nahm sich meiner wie selbstverständlich an. Aus Kunrau würde er kommen. Seinen Namen habe ich leider nicht notiert. Der Baggerfahrer nahm mich mit in die Gaststätte. Hier wurde gerade eine Passstelle für den weiter zu erwartenden Ansturm von DDR-Bürgern eingerichtet." So ergab es sich, dass Joachim Dürheide plötzlich mit Soldaten der Nationalen Volksarmee, Zollbeamten und Volkspolizisten an einem Tisch saß. "Anfangs wurde ich etwas beargwohnt. Immerhin trug ich einen Bundeswehrparka mit Hoheitszeichen der BRD.

Doch die Uniformierten hatten sich bald an mich gewöhnt, was sicherlich auch meiner Bekanntschaft mit dem Baggerfahrer aus Kunrau zu verdanken war." Es entwickelte sich ein Gespräch, bei dem auch die SED eine Rolle spielte. Und Joachim Dürheide durfte sogar ein Erinnerungsfoto machen. Ein NVA-Offizier drückte auf den Auslöser. Die für den Barwedeler interessanteste Erfahrung war allerdings die Feststellung, "dass Menschen, egal welches politische System sie beherrscht, im Innersten ihrer Seele doch gleich sind. Nur die jeweilig auferlegte Doktrin lässt sie anders sein".

Joachim Dürheide bilanziert: "Die Öffnung der Grenze zwischen Böckwitz und Zicherie wird für mich ein unvergessliches und historisches Geschichtserlebnis bleiben. Nach diesem Geschenk der Deutschen Einheit kann es für uns alte und neue Bundesbürger auch 25 Jahre danach nur heißen, Geduld, Geduld und nochmals Geduld füreinander aufzubringen. Die Grenze, die 40 Jahre lang die Spielregeln der Politik in Ost und West bestimmt hat, steht nicht mehr. Die Karten sind nun neu gemischt. Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, im November 1989 ist eine neue Zeit der Geschichtsschreibung angebrochen. Nutzen wir sie."

   

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