Erstmals seit zwölf Jahren fuhren am Sonntag wieder Züge in den Beetzendorfer und den Bandauer Bahnhof ein. Die Sonderfahrten in Richtung Klötze und Salzwedel wurden von etlichen Einwohnern der Region genutzt, auch wenn die Bahn-Infrastruktur alles andere als optimal ist. Die Volksstimme hat sich vor Ort umgesehen.

Beetzendorf/Bandau l So viele Leute sind an einem Sonntagmorgen in Beetzendorf sonst eigentlich nicht unterwegs. Doch diesmal ist alles anders. Rund um den Bahnübergang an der Lindenstraße postieren sich gegen viertel Zehn die ersten Schaulustigen und es werden von Minute zu Minute mehr. Eisenbahnfreunde, zum Teil mit ihrer Kamera von weiter her angereist, sind darunter, aber auch Beetzendorfer Einwohner, die miterleben wollen, wie erstmals seit der Streckenstilllegung 2002 wieder ein Zug den einstigen Bahnknotenpunkt ansteuert.

9.28 Uhr weist der Fahrplan auf dem Anschlag am völlig verwahrlosten Bahnhofsgebäude als Abfahrtszeit des ersten Sonderzuges, der aus Salzwedel kommt und nach Klötze weiterfährt, aus. Mitfahren wollen nur zwei ehemalige Eisenbahner, die sich über einen schmalen Durchgang neben dem Bahnhof, vorbei an Gestrüpp und Glasscherben, auf den Bahnsteig vorgekämpft haben. "Ich will einmal nach Klötze fahren und dann gleich wieder zurück", erzählt der 86-Jährige Karl Steinfeld, der 40 Jahre bis 1991 bei der Reichsbahn gearbeitet hat und die Strecke von früher her bestens kennt. In der Tasche hat er den Volksstimme-Ausschnitt mit dem Fahrplan des Sonderzuges.

Bahnhofsgebäude bietet Bild der Verwahrlosung

Doch zunächst ist kein Zug zu sehen, obwohl die Abfahrtszeit längst ran ist. "Vielleicht fährt er ja doch nicht", mutmaßt einer der Schaulustigen. Doch diese Variante ist schnell vom Tisch. Einer der Fotografen am Bahnsteig hat den gelb-grün-weißen Regio-Shuttle mit seinen zwei Waggons, den sich die Deutsche Regionaleisenbahn für die Sonderfahrt von der Ostdeutschen Eisenbahngesellschaft ausgeliehen hat, am Altstädter Bahnhof in Salzwedel abfahren sehen und ist ihm mit dem Auto gefolgt.

"In Dambeck ist er auch bereits abgefahren, da habe ich ein Bild gemacht und bin dann gleich weiter hierher", berichtet er. Vielleicht könne der Zug doch nicht so schnell auf dem Gleis fahren wie gedacht und deshalb gerate der Fahrplan etwas durcheinander. "Da steckt schließlich ein anderes Gewicht dahinter als so ein kleiner Messwagen, mit dem die Strecke überprüft wurde." Fahr- und Zaungäste haben somit Gelegenheit, ein paar kritische Blicke auf das Bahnhofsgebäude zu werfen. Es sieht stark heruntergekommen aus, die Uhr ist zerstört, ein Stationsschild gibt es nicht, die Fenster sind verbrettert. Doch über einen offenen Seiteneingang kann man in das Innere des Gebäudes gelangen, das vor zwei Jahren von einer Privatperson für 1500 Euro ersteigert wurde. "Da drin sieht es fürchterlich aus. Es tummeln sich auch immer wieder Leute darin, oben soll sogar mal einer auf einer Matratze übernachtet haben", berichtet einer der Umstehenden.

Lieferengpässe bei der Beschilderung

Gegen 9.50 Uhr, 22 Minuten später als geplant, biegt der Zug um die Ecke. "Er kommt", ertönt der Ruf, die Kameras werden in Position gebracht. Als die beiden Wagen an der extra angebrachten Haltetafel zum Stehen kommen, steigen die beiden Ex-Eisenbahner ein und zwei Fahrgäste aus. Drinnen sind alle Sitzplätze besetzt. Ein kurzer prüfender Blick des Schaffners, dann geht es weiter, auf den Bahnübergang zu. Da die dort noch vorhandenen Schranken nicht bedient werden können und auch keine Andreaskreuze angebracht sind, muss das Zugpersonal aussteigen und mit Warnweste und Signalflagge die Überfahrt absichern. Erst dann kann die Bahn passieren.

Mit der Beschilderung der Bahnübergänge im Beetzendorfer Gemeindegebiet ist das so eine Sache. Zuständig ist der jeweilige Straßenbaulastträger. Während das Land an der Lindenstraße in Beetzendorf bereits vor einigen Wochen die Hinweisschilder aufstellen lassen hat, fehlen diese am Bandauer Bahnübergang (Kreisstraße nach Poppau), am Schwarzen Weg und am Weg von Jeeben nach Poppau ganz. Bei letzteren Übergängen ist die Gemeinde in der Pflicht. "Die Schilder sind in Auftrag gegeben, aber die Lieferfristen können nicht eingehalten werden. Deshalb sind sie noch nicht da", erklärt Bürgermeister Heinrich Schmauch auf Nachfrage der Volksstimme.

Fünf Fahrgäste stiegen früh zu

Dafür ist der Übergang am Weg von Jeeben nach Poppau mit nagelneuen Andreaskreuzen ausgestattet und auch am Bandauer Bahnhof herrscht diesbezüglich kein Mangel. "Die ganze Technik hier, einschließlich der Schrankenanlage ist 1997 erst für viel Geld erneuert worden. Fünf Jahre später war Schluss mit den Zugfahrten", weiß Bandaus Interessenvertreter und Ex-Bürgermeister Helmut Fehse. Der Poppauer steht kurz vor halb elf zusammen mit seiner Frau und drei weiteren Mitfahrern auf dem kleinen Bahnsteig und wartet auf den aus Klötze zurückkehrenden Zug. "Wir wollen mal nach Salzwedel fahren und dann wieder zurück, einmal die schöne Jeetzelandschaft wieder vom Zug aus genießen", meint Fehse.

Als es in der Ferne tutet, weiß er sofort, welchen Übergang die Bahn gerade passiert hat. "Das war der Peertzer Weg, der von Hohenhenningen durch den Busch führt", erzählt Helmut Fehse. Wenig später ist der Zug zu sehen, diesmal ist er auf die Minute pünktlich. Zwei Reisende steigen aus, wieder wird der Bahnübergang mittels Signalflagge gesichert und schon geht es um 10.39 Uhr weiter in Richtung Beetzendorf und Salzwedel. Das erste Zugpaar nach zwölf Jahren Dornröschenschlaf auf der Strecke ist Geschichte, zwei weitere sollten bis in den späten Nachmittag folgen. Zurück bleibt die Hoffnung vieler Eisenbahnfans, dass diese Sonderfahrt keine Eintagsfliege bleiben wird.

   

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