Altmark. Als ein namhafter Botaniker des 19. Jahrhunderts im Jahre 1873 den "Hansjochenwinkel" (nordwestliche Altmark) bereiste und die dortige Flora in Augenschein nahm, schrieb er über eine ganz bestimmte Pflanze: "die Heide oft in solchen Mengen überziehend, dass sie an manchen Stellen weiß erscheinen".

Erschreckender Rückgang einer Orchideenart

Etwa einhundert Jahre danach habe ich in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts diese dekorative Pflanze nur noch an sechs Fundorten registrieren können. Zunächst noch in 50 bis 100 Exemplaren gingen die Bestände rapide zurück, und zuletzt habe ich diese Pflanzenart mit drei Exemplaren im Jahre 1991 gefunden.

Ein erschreckender Rückgang einer Orchideenart, die für das Jahr 2011 auf der Jahrestagung der Arbeitskreise Heimischer Orchideen zur Orchidee des Jahres gekürt wurde. Es handelt sich um die Zweiblättrige oder Weiße Waldhyazinthe (Platanthera bifolia). Der deutsche Name weist auf zwei typische Merkmale hin. Einmal die meistens zwei eiförmig-länglichen Laubblätter am Grunde des relativ zarten Stängels und zum anderen die nachts stark duftenden Blüten (hyazinthenähnlich).

Die Standortwahl verrät ein breites ökologisches Spektrum. Ich fand die Weiße Waldhyazinthe in der Altmark an Waldrändern (Laub- und Nadelwald), in lichten Laub- und Nadelwäldern und auch in völlig offenen Gesellschaften, wie Magerrasen und Heideflächen.

Die Pflanze macht einen zierlichen Eindruck. Stängelblätter fehlen. Sie wird 20 bis 40 Zentimeter hoch und besitzt einen lockeren allseitswendigen 15- bis 20-blütigen Blütenstand. Die Einzelblüte ist gespornt. Der fadenförmige bis zu vier Zentimeter lange Sporn ist ein auffälliges Kennzeichen und verleiht dem gesamten Blütenstand ein typisch graziles Aussehen.

Wie alle Orchideenarten verfügt auch die Weiße Waldhyazinthe über sechs Blütenblätter, die in zwei dreizähligen Kreisen angeordnet sind. Drei davon neigen sich zu einem kleinen Häubchen zusammen, zwei stehen seitlich ab, und ein Blütenblatt ist in eine schmale längliche Lippe umgewandelt.

Die Blütezeit erstreckt sich über die Monate Mai bis Juli. Die besonders nachts stark duftenden Blüten werden von nachtaktiven Schmetterlingen (Eulen, Schwärmer) besucht und bestäubt. Die Nektaraufnahme am Grunde des Sporns wird diesen Insekten durch einen langen Saugrüssel ermöglicht.

Dabei heften sich die für Orchideen typischen Pollenpakete an den Kopf der blütenbesuchenden Insekten und werden so auf andere Blüten übertragen. Es bilden sich später massenweise staubfeine Samen, die durch den Wind weit verbreitet werden. Daher ist auch immer einmal wieder mit Neuansiedlungen auf zusagenden Böden zu rechnen. Leider ist das aber ein seltenes Ereignis geworden.

Orchideen sind sensible Umweltindikatoren

Die Weiße Waldhyazinthe gilt heute in Deutschland als schwach gefährdet. Sie bevorzugt Gebirgslagen und ist daher in den südlichen Regionen häufiger. In Bayern ist sie sogar noch ungefährdet.

In der Altmark ist der Rückgang jedoch dramatisch. Nicht immer sind die Ursachen für diesen Schwund erkennbar. Aber Verbuschung, Aufforstung und Düngereintrag dürften als Hauptursachen in Frage kommen.

Wie schon erwähnt, habe ich diese attraktive Orchideenart im Jahre 1991 das letzte Mal beobachten können. Was allerdings keineswegs bedeuten soll, dass sie in unserer Heimatlandschaft den Artentod gefunden hat. Sollte sie wieder auftreten, kann nur extensive Bewirtschaftung helfen, ihren Lebensraum zu erhalten. Positive Beispiele sind aus der südlichen Lüneburger Heide bekannt geworden, wo es gelang, den Bestand einer Waldhyazinthen-Population durch entsprechende Pflegemaßnahmen zu stabilisieren.

Orchideen sind sensible Umweltindikatoren. Sie signalisieren uns schon lange, dass wir Menschen die Umwelt belasten. Das Artensterben dürfen wir aber nicht zulassen. Einseitiges agrarisches Nutzdenken macht uns ärmer.