Ab Mitte des Jahres ist in Deutschland die Wehrpflicht ausgesetzt. Und damit endet auch die Zeit des Zivildienstes. In vielen Sozial- und Bildungseinrichtungen hatten die Zivildienstleistenden – gern auch kurz und knapp "Zivis" genannt – wichtige Aufgaben übernommen. Die Volksstimme hat in Klötzer Einrichtungen nachgefragt, was für sie das Ende des Zivildienstes bedeutet. Klares Ergebnis: Alle bezeichnen das Ende des Zivildienstes als Verlust und hoffen auf den geplanten Bundesfreiwilligendienst.

Klötze. "Oh, das ist schon eine Menge Papierkram mit dem Zivildienst", sagt Anke Landmann. Die Leiterin des Pflegedienstes im Sozialcentrum Altmark (SCA) hat vor sich die Dokumente ausgebreitet. Gemeinsam mit Andy Schmidt bereitet sie dessen Abschluss des Zivildienstes vor, bevor es zur kleinen offiziellen Verabschiedung geht (die Volksstimme berichtete). Dies allerdings ist kein Bild mit Zukunft – denn Mitte des Jahres ist aufgrund der Aussetzung der Wehrpflicht in Deutschland auch Schluss mit dem Zivildienst. Und Andy Schmidt war der vorletzte Zivi im SCA.

Andere Einrichtungen haben bereits keinen Zivi mehr. Ilona Sens ist Leiterin des Medina-Heims und erzählt: "Ich bin wirklich traurig, dass die jungen Männer jetzt nicht mehr zum Zivildienst zu uns kommen werden." Nicht allein, weil sie als zusätzliche Kraft mit angepackt haben. "Vor allem haben sie ja bei der Betreuung der Menschen in unserem Haus immer neue Eindrücke von draußen mit- gebracht und für Abwechselung gesorgt."

Doch auch wenn die Zivis gehen – dieser Aspekt ihrer Arbeit werde nicht verschwinden. Denn etliche Ehrenamtliche, die tageweise an der Betreuung mitwirken, bringen etwas von draußen mit, ebenso wie die Praktikanten und die sieben Auszubildenden.

"Aber traurig ist es schon, weil es vielen Zivildienstleistenden auch etwas gebracht hat, hier zu arbeiten", so Ilona Sens. Sie meint damit nicht allein die Erfahrung mit dem Umgang mit anderen Menschen, sondern auch mit Blick auf das Finden des eigenen Berufsweges: Ein Zivildienstleister hatte in der Einrichtung am Breitenfelder Weg Geschmack an der Arbeit gefunden, eine Ausbildung absolviert und ist heute Wohnbereichsleiter.

Als Ersatz für den Zivildienst soll der Bundesfreiwilligendienst fungieren. Ilona Sens: "Ich könnte mir gut eine solche Stelle auch bei uns vorstellen, hatte bislang dazu aber noch keine Anfrage."

Als wirklich problematisch empfindet Waltraud Zander, Geschäftsführerin des Kreisverbandes des DRK, die Situation. "Unser letzter Zivildienstleistender hat gerade aufgehört, und der Nachfolger hat abgesagt." Einsatzort für den DRK-Zivi in der Region war das Kinderheim in Apenburg. "Zu den Aufgaben gehörte dort neben Betreuung und Hausmeisterarbeit auch der Transport von Kindern, wenn diese beispielsweise für ein Wochenende nach Hause zu ihren Eltern gebracht wurden", sagt sie. Keine Lösung sei es, die Arbeit des Zivildienstes über die Stelle des Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ) im Raum Fleetmark abzudecken: "Ansonsten wären die FSJler ja nur noch mit Aufgaben betraut, die nichts mit den Menschen zu tun haben. So etwas darf nicht sein." Daher müssen jetzt auch Erzieher Aufgaben übernehmen, die an sich nicht zu ihrem Arbeitsbereich zählen. Dies sei deshalb nicht einfach, weil der Betreuungsschlüssel ohnehin eng kalkuliert ist.

"Die jungen Männer sind immer eine große Hilfe gewesen"

Ebenso wie Ilona Sens hofft die DRK-Geschäftsführerin auf den Freiwilligendienst: "Die organisatorischen Fragen werden dazu im DRK ebenso wie die des FSJ über unsere Stelle in Halle geklärt", berichtet Waltraud Zander. Akut sei für ihre Organisation der Wegfall des Zivildienstes nicht zuletzt auch deshalb, weil ab Juli zudem ein neuer FSJler gesucht wird.

Ebenfalls zentral verwaltet – in diesem Falle vom Diakonischen Werk – wird der freiwillige Einsatz für die Evangelische Familienbildungsstätte Klötze (EFA). Deren Leiterin Thekla Putzke sagt: "Unser letzter Zivildienstleistender ist bereits weg." Und das bedeutet für die EFA Einschnitte. Bislang konnten sich die Mitarbeiter und Referenten allein auf ihre Arbeit konzentrieren. Jetzt muss aber auch das Drumherum bewältigt werden: Straße fegen, Rasen mähen, Vor- und Nachbereitung von Veranstaltungen. Thekla Putzke: "Die Folge ist, dass bei uns gerade in den Ferien Kinder nur noch auf Anmeldung an Veranstaltungen teilnehmen können." Jetzt sind die Plätze begrenzt, da die Referenten und Ehrenamtler nicht mehr auf die Vor- und Nachbereitung des Zivildienstleistenden zurückgreifen können und mehr Zeit in diese Arbeit investieren müssen. "Wir werden die Lücke aber möglichst überbrücken – und würden uns über einen Erfolg des Freiwilligendienstes freuen", sagt Thekla Putzke

Doch dass das Werben um Mitarbeiter, die die Zivildienstleistenden ersetzen können, in Zukunft nicht einfach wird, leuchtet ein. Denn das bereits bestehende Freiwillige Soziale Jahr und der geplante Bundesfreiwilligendienst sind im Gegensatz zum Wehrersatzdienst ganz ohne Zwang. Zwar werden auch sie entlohnt, es gibt Zuschüsse und die Beiträge zu den Sozialversicherungen werden übernommen. Doch ob dies als Anreiz für Menschen ausreicht, die andere Pläne für ihr Leben haben als die Arbeit in einer Sozialeinrichtung, ist offen. "Wenn ich nicht hätte einen Zivildienst absolvieren müssen, dann hätte ich das auf keinen Fall gemacht – selbst wenn ich in den vergangenen Monaten viele interessante Erfahrungen gesammelt habe", bekennt Andy Schmidt wie zur Bestätigung freimütig. Der Breitenfelder war durch die Mutter eines Freundes auf die Zivildienststellte im SCA aufmerksam geworden.

Den Papierkrieg rund um den Zivildienst hat Anke Landmann übrigens gern in Kauf genommen: "Die jungen Männer sind für uns immer eine große Hilfe gewesen", sagt sie. Arbeit, die jetzt von Mitarbeitern und Ehrenamtlern zusätzlich geschultert werden muss, und für die es völlig offen ist, ob sich bei Arbeiten im Haus, beim Essenausfahren oder der Betreuung im SCA über den Bundesfreiwilligendienst Ersatz finden lässt. Dass eine solche freiwillige Arbeit gerade für junge Menschen auch im SCA eine beruflichen Perspektive bringen kann, ist für Anke Landmann keine Frage: Zwar haben bei ihr keine Zivildienstleistenden, dafür aber drei FSJlerinnen nach ihrem Dienst eine Ausbildung absolviert, wirbt sie um Freiwillige.