Es sieht so einfach aus, ist es aber ganz und gar nicht: richtiges Gespannfahren. Sieben Frauen und Männer begaben sich jetzt eine Woche lang unter die Fittiche von Gerhard Gerich in Klötze, um sich dafür fit zu machen, künftig selbst mit Pferd und Wagen sicher unterwegs zu sein.

Klötze. Wie sich für die künftigen Gespannfahrer herausstellte, war die Wahl des Fahrlehrers goldrichtig. Beim mehrfachen Deutschen Meister und einst sogar weltbesten Geländefahrer mit dem Pony-Viererzug wähnten sie sich in besten Händen. Und nicht nur das: Die Pferde, die ihnen der Träger des goldenen Fahrabzeichens und Trainer A für das Erlernen des kleinen Einmaleins des "Kutschefahrens" zur Verfügung stellte, waren den Anfängern ebensolche idealen Partner wie Wilfried Gerber aus Riebau.

Seit einigen Jahren ist er bei Lehrgängen Gerichs rechte Hand, wobei ihm seine Berufserfahrung zugute kommt. Zuvor brachte Gerber über 20 Jahre lang Schülern das Steuern von Pkw und Lkw bei und hat sich seine Ruhe und Geduld bewahrt. Den Fahrschülern gab er damit Sicherheit, besonders in den ersten Praxisstunden, als sie höchstens eine kleine Ahnung davon hatten, wie sie am besten mit dem Gespann harmonisieren.

"Es ist selten zu früh und niemals zu spät"

Doch von vorn. Der erste Tag des Fahrlehrgangs beginnt wie künftig jeder Ausbildungstag der Woche und jede Einheit nach der Mittagspause mit einer Doppelstunde Theorie in der Sattelkammer des Schimmelhofes von Gerhard und Bärbel Gerich. Damit jeder weiß, mit wem er es zu tun hat, stellen sich die Teilnehmer der Reihe nach vor. Der Meister spricht kurz über sich selbst und schlägt für einen unkomplizierten Umgang gegenseitiges Duzen vor. Alle sind dafür und dann ist Klaudia an der Reihe. Lüdecke heißt sie, wohnt in Bützow (Mecklenburg-Vorpommern) und arbeitet in Güstrow als Diplom-Ingenieurin im Landes-, Kultur- und Umweltschutz. "Wir sind die, die die Flüsse wieder krumm machen", erklärt sie einleuchtend. Gerade hat sie eine Woche Heimaturlaub, die sie bei ihren Eltern in Kakerbeck verbringt. Und am Lehrgang nimmt sie teil, damit sie demnächst gemeinsam mit ihrem Bruder dessen Pferde anspannen kann. "Es ist selten zu früh und niemals zu spät", ist ihr Leitspruch.

Auch Kirsten Tewes aus Velpke, Meike Schulze-Wührl aus Klötze, Franz Lindemann aus Salzwedel, Arthur Lindemann aus Cloppenburg und Ernst-Eckhard Kunitz aus Lüchow wollen demnächst mit Pferd und Wagen die Umgebung ihrer Heimat erkunden. Einzige Teilnehmerin mit Wettkampf-Ambitionen ist Franziska Krebs aus Klötze. Die 14-Jährige ist die Fortgeschrittene in diesem Lehrgang. Nachdem sie im vergangenen Jahr zu den blutigen Anfängern gehörte und das Fahrabzeichen der Stufe IV erwarb, stellt sie sich nun der Anforderung der nächst höheren Stufe (III) – und ist den anderen auch schon wertvolle und Sicherheit gebende Ansprechpartnerin.

Nach den ersten Theoriestunden raucht allen der Kopf. "Mein lieber Schulli, da gehört ganz schön wat zu", sagt Arthur in norddeutschem Dialekt. Die anderen nicken zustimmend, scheinen ansonsten aber in ihren Gedanken versunken zu sein. Das mag ja was werden, wenn am Ende der Woche der Prüfungstag ansteht und sie den Preisrichtern Volker Tegge und Klaus Bundesmann nicht nur Rede und Antwort stehen, sondern auch alleine mit ihrem Beifahrer eine Dressuraufgabe fahren müssen.

"Ach, keine Bange, ihr schafft das, bis jetzt sind nur ganz wenige durchgefallen", macht Gerhard Gerich Mut und setzt den Unterricht am Fahrlehrgerät fort. Bevor er die Anfänger an die Leinen seiner Pferde lässt, sollen sie hier schon mal die Leinenhaltung verinnerlichen und sozusagen als Trockenübungen Links- und Rechtswendungen üben. Auch das ist nicht so einfach wie es aussieht und sich in der ersten Praxisstunde erweist. Deshalb stehen täglich Übungen am Fahrlehrgerät auf dem Stundenplan, damit die Handgriffe zum Leinenverkürzen oder -verlängern und für die Wendungen auch sitzen und irgendwann hoffentlich wie im Schlaf funktionieren.

Wie sich in den nächsten Tagen herausstellt, kommen aber doch alle ganz gut mit dem Lernstoff und den Anforderungen, die an sie gestellt werden, zurecht. Sie lernen die unterschiedlichen Anspannungs- arten und Geschirrteile kennen, erfahren wichtige Details zur Unfallverhütung, erfahren wie Kutschwagen ausgerüstet sein müssen, damit sie verkehrssicher sind, wie aufgeschirrt und angespannt wird, wie Pferde auf die Arbeit vor dem Wagen vorbereitet werden und wie sie hinterher zu versorgen sind. Dabei haben sie auch die neun "ethischen Grundsätze des Pferdefreundes" im Blick. Diese und alles andere, was der Fahrlehrer vermittelt, sind im "Band 5, Richtlinien für Reiten und Fahren", dem Lehrbuch für Fahren, das die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) herausgegeben hat, enthalten.

Da die Schüler zu Hause ihre Hausaufgaben machen und fleißig lernen, werden sie von Tag zu Tag sicherer – in der Theorie und dank der Pferde Latina und Leon, die den Zweispänner bilden, und der Schimmelstute Prinzessin, die einspännig geht, auch in der Praxis, die sich zweimal täglich den Theoriestunden anschließt. Als die Fahrer die Pferde schon sicher an der Hand und in der Anlehnung haben, wird auch im Straßenverkehr geübt. Franziska ist indes schon fast ein alter Hase und übt sich an ihrem ersten Kegelparcours mit Warmblütern. Mit dem Shetlandpony-Viererzug des Schimmelhofes hatte sie im Herbst schon einen vereinsinternen Wettbewerb mehrerer Gespanne gewonnen.

Mit jedem Tag, der mit vielem Wiederholen und Üben einhergeht, steigt die Sicherheit der Anfänger, aber auch die Angst vor der Prüfung. In der Theorie stehen zehn Komplexe mit je zehn Fragen zur Auswahl. Einen Komplex werden sie blind ziehen und sich dann vor dem Preisrichter beweisen müssen. Wer hier gut sein will, muss in der Beantwortung aller 100 Fragen fit sein.

"Alle haben die Prüfung bestanden"

Die praktische Prüfung beginnt schon mit dem Aufschirren und Anspannen der Pferde, und dann kommt noch die Prüfungsfahrt. Während Volker Tegge darauf bedacht ist, die Prüflinge nicht zu verunsichern, stellt Klaus Bundesmann schon mal die eine oder andere Fangfrage, auch oder gerade dann, wenn die Handgriffe zuvor richtig waren. Gut dran ist, wer seine Meinung behaupten kann und sich nicht verunsichern lässt und auch der, der seinen Fehler selbst erkennt und ihn korrigiert.

Als sich zum Schluss alle ein letztes Mal in dieser Runde in der Sattelkammer treffen, kann Gerhard Gerich verkünden: "Alle haben die Prüfung bestanden." – wenn auch mit unterschiedlichen Ergebnissen. Lehrgangsbeste ist Franziska, die im Fahren die Wertnote 7,5 und in der Theorie eine 8,0 bekam. Darauf folgten die Damen: Meike (7,0 und 8,0), Kirsten (6,9 und 8,0) und Klaudia (6,8 und 8,0) und dann die Herren

Mit dem Überreichen der Urkunden ist es jedoch noch nicht ganz getan: Bärbel und Gerhard Gerich danken ihren fleißigen Helfern Wilfried Gerber und Nicole Kunzmann, die den Neulingen beim Anspannen und während der ersten Fahrstunden half, und dann lassen die Fahrschüler die Sektkorken knallen und bedanken sich ihrerseits "für eine wirklich tolle Woche, an die wir uns noch lange erinnern werden".