Zu den Baumschnittarbeiten auf dem Kunrauer Friedhof erhielt die Redaktion nachfolgenden Leserbrief von Dr. Dieter Fröhlich aus Kunrau.

",Wie sieht der Friedhof in Kunrau aus...?\', fragte mich vor einigen Tagen ein Bekannter aus dem Nachbarort. Ich antwortete mit einer Gegenfrage: ,Na, wie sieht er denn aus?\' ,Ihr habt wohl Zaunpfähle verkehrt herum gepflanzt, und die sind trotzdem angewachsen und schlagen aus.\' Die Gemeinde hat eine Firma mit dem Rückschnitt der Bäume beauftragt. Die Firma mag ja fachliche Kenntnisse in der Baumpflege haben, doch der mit der Aufgabe betraute Angestellte kannte nur die Unterweisung aus dem Kettensägelehrgang. Seine Arbeit zeigt, wie man einen geraden Schnitt ausführt. Es wurden nicht nur die Äste entfernt, sondern gleich noch ein Stück vom Stamm gekürzt.

Nun ist der Mai gekommen und die Bäume wollen ausschlagen. Es ist aber kein Ast am Baum. Auch alle Vögel sind schon da und wollen ein Nest bauen. Wo das im Vorjahr zwischen den Zweigen möglich war, sind jetzt nur glatte Flächen. Im Juni wird es so weit sein, dass die Bäume neue Zweige tragen, doch dann ist es bereits zu spät für einen Nestbau. Im Juni kommen die Bienen und werden enttäuscht sein. Grüne Lindenbäume und nicht eine einzige Blüte. Die Blütenknospen entstehen nur an vorjährigen Zweigen.

Diese Bäume stehen auf dem Friedhof, aber das Leben geht trotzdem erst einmal weiter. Auf der waagerechten Schnittfläche steht nach jedem Regen Wasser. Es zieht teilweise in das Holz ein und bietet holzzerstörenden Pilzen ideale Bedingungen zum Wachstum. Damit ist das Urteil für die Hinrichtung noch nicht gesprochen, sondern aufgeschoben. So mancher Leser mag sich fragen, wo da die fachliche Kompetenz zum Baumschnitt bleibt. Nachbesserung ist nicht möglich, aber gibt es nicht auch die Möglichkeit zur Reklamation und die Rückforderung des gezahlten Rechnungsbetrages? Im Schloss gibt es eine Öko-Schule. Dort erfährt man, wie wichtig Bäume für die Menschen sind. Sie versorgen uns mit Sauerstoff und verwerten CO² aus der Luft. Vögel singen in den Bäumen und erfreuen uns. Bienen sammeln Nektar für den Honig.

Bei einem Gang über den Friedhof in den Abendstunden fällt aufmerksamen Besuchern noch mehr auf. Die Nachtigall singt noch in den Büschen, aber in weiter Ferne an der Landstrasse nach Steimke und am Feldweg nach Rappin. Die Büsche auf dem Friedhof wurden kahlgepflegt bis in eine Höhe von eineinhalb Metern. Kein Laub liegt unter den Büschen. Wo können da noch Vögel einen Käfer oder einen Wurm erhaschen? Da mag selbst in der Dunkelheit kein Igel auf Nahrungssuche gehen. Alles aufgeräumt, abgehackt... steril.

Weshalb vernichten Menschen so viel Leben in ihrer Umwelt? Nur weil das Laub im Herbst herabfällt, es dann nicht mehr schön aussieht und sogar noch Arbeitsaufwand von uns erfordert? Das Leben stellt uns manche Frage. Wir müssen, jeder muss, antworten und entscheiden, was wir unseren Kindern und Enkeln hinterlassen. So wie in Kunrau sieht es in vielen Orten aus.

Dieter Fröhlich,

Kunrau