Vienna Holz (14) aus Brome hat einen großen Traum: Sie möchte einmal Artistin werden. Dafür hat sie am Sonnabend sogar auf ihre Familienfeier zur Jugendweihe verzichtet und hat stattdessen bei einer Aufnahmeprüfung in Berlin an der Artisten-Schule ihr Können unter Beweis gestellt.

Klötze/Brome. So ein Tag der Jugendweihe ist aufregend und anstrengend. Bei Vienna Holz aus Brome beispielsweise begann dieser Tag morgens um 5.30 Uhr mit dem Aufstehen, einem Friseurtermin um 7.15 Uhr, dem Ankleiden und der anschließenden Fahrt nach Klötze, wo am Sonnabend die feierliche Jugendweihe im Altmarksaal stattfand. Und als wenn so ein Tag der Jugendweihe der Aufregung nicht schon genug ist, setzte die 14-jährige Vienna Holz dieser Aufregung noch einen drauf. Da feierte die Bromerin, deren Eltern Claudia und Andreas einmal in Altferchau lebten, jetzt aber in Brome ihre neue Heimat gefunden haben, nicht nur Jugendweihe, sondern bestand auch eine ganz besondere Aufnahmeprüfung. Nämlich die endgültige Aufnahmeprüfung an der Staatlichen Ballettschule und Schule für Artistik in Berlin. Ab 22. August wird die junge Erwachsene dort für vier Jahre lang zur Schule gehen, um ihrem Lebenstraum ein Stück näher zu kommen.

Vienna möchte nämlich einmal Artistin am Vertikaltuch werden "oder aber vielleicht nach der Schule, die ich dann als staatlich geprüfte Artistin abschließe, die Schauspielschule besuchen, um Stuntfrau zu werden", wie sie der Volksstimme erzählt.

Für ihren Lebenstraum hat sie bereits in der 6. Klasse angefangen, intensiv zu trainieren. Ausschlaggebend für das Intensivtraining war, dass Vati Andreas ihr einmal von einer Artistin erzählte, deren beeindruckende Darbietungen er bei einer Show gesehen hatte und die ihm nach der Veranstaltung von der Möglichkeit erzählt hatte, an der Schule für Artistik in Berlin eine entsprechende Ausbildung machen zu können. Vienna, die zu dieser Zeit schon das Turnen zu ihrem Hobby gemacht hatte, war von dieser Aussicht geradezu begeistert "und in mir entstand der Wunsch, selbst einmal Artistin werden zu wollen".

Im Turnverein Ehra begann ihre sportliche Karriere, heute gehören fünfmal die Woche Turn- und Krafttraining neben der Schule zu ihrem täglichen Leben. Viel Freizeit bleibt Vienna da nicht, aber das nimmt sie gelassen.

Denn dass sich die Schinderei auszahlt, konnte Vienna, die in Rühen zur Schule geht, bereits im Februar dieses Jahres erfahren. Mehr als 100 Jugendliche waren nach Berlin zur ersten Aufnahmeprüfung für die Artistenschule gekommen, um sich und ihre sportlichen Leistungen, ihre Ausstrahlung, aber auch ihren Willen zu demonstrieren. 17 der Jugendlichen befand die Jury so gut, dass sie die für eine weitere Aufnahmeprüfung am vergangenen Sonnabend erneut nach Berlin einlud.

Obwohl Vienna zu diesem Zeitpunkt schon wusste, dass sie an diesem Tag ihre Jugendweihe im Klötzer Altmarksaal erhält, entschied sie sich gegen eine Familienfeier nach der Feierstunde. Stattdessen fuhr sie sofort nach der Feierstunde noch im schicken Jugendweihekleid, die Tasche mit den Sportsachen im Kofferraum, mit Mutti und Vati nach Berlin, um die Fachleute-Jury an der Schule für Artistik nun endgültig von sich zu überzeugen. "Das einzige Zugeständnis, das wir für diesen Tag der Prüfung bekommen haben, war, dass wir ohne zu Rasen nach Berlin kommen sollten, weil die Prüfer so lange wie nötig auf Vienna warten werden", erzählt Vati Andreas.

Sechs Tage Training und Schule

Die Prüfung lief perfekt für die Schülerin. Und so wird sie ab 22. August mit einem Stipendium der Stadt und des Landes Berlin mit weiteren 11 talentierten jungen Leuten an der Berliner Schule für Artistik ausgebildet. Ihre Eltern werden lediglich die Internatskosten sowie die Kosten für die Heimfahrten und Rückfahrten nach Berlin zahlen müssen. "All die Kosten für die Ausbildung allein tragen zu müssen, wäre für uns kaum in Frage gekommen", weiß Andreas Holz und freut sich mit seiner Frau, dass Vienna die große Chance bekommt, sich ihren Lebenstraum erfüllen zu können. Dass sie dafür ihr gerade erst erwachsen gewordenes Kind ab August in einem Berliner Internat wissen und sie ihre Tochter nur noch von Sonnabendabend bis Sonntagabend sehen werden, "wird schon eine große Umstellung für uns, an die wir uns als Eltern sicher auch erst einmal gewöhnen müssen".

Angst davor, dass Vienna womöglich Heimweh bekommt oder sich aber in ihrem neuen Leben anfangs nicht zurecht finden wird, haben sie indes nicht. Und auch die selbstbewusste 14-Jährige weiß, "dass ich ein umgänglicher Typ bin, der schnell Kontakt zu anderen Leuten findet. Und all die anderen, die ja dann auch wie ich ab August neu die Schule in Berlin besuchen werden, sitzen ja wie ich emotional im gleichen Boot. Das wird uns zusammenschweißen", ist sich die angehende Artisten-Schülerin sicher. Außerdem weiß sie in Berlin ganz in ihrer Nähe dann Halbbruder Lucas Ludwig. Der ist seit vielen Jahren ein international erfolgreicher Paraolympic-Schwimmer und freut sich riesig, "seine kleine Schwester in Berlin begrüßen zu können. Er ist unheimlich stolz darauf, dass sie den Sprung an die Artistenschule geschafft hat", berichtet Vati Andreas. Dass der große Halbbruder auf die kleine Schwester in der großen Bundeshauptstadt ein waches Auge haben wird, sei selbstverständlich. Zudem sei er auch der kompetenteste Ansprechpartner dafür, was es heißt, sich sportlich für Erfolge schinden zu müssen. Derzeit bereitet er sich nämlich mit einer 30-Stunden-Trainingswoche auf die Schwimm-Europa-Meisterschaften paraolympischer Sportler in Berlin vor.

Trotzdem wird Berlin für die Bromerin eine Umstellung sein, denn dort gilt ab August eine Sechs-Tage-Schul- und Trainingswoche. Erst am Sonnabendnachmittag fährt ihr Zug nach Wolfsburg, wo sie die Eltern dann mit dem Auto abholen, damit sie in Brome noch ein wenig Nestwärme genießen und den Kontakt zu ihren bisherigen Freunden pflegen kann. Sonntagabend muss sie dann wieder zurück nach Berlin ins Internat der Artisten-Schulen. Eine Umstellung wird Berlin aber auch deshalb, weil künftig der Tagesablauf ganz anders sein wird. Nach dem Aufstehen morgens um 6 Uhr wechseln sich Training und Unterricht bis zum späten Nachmittag ab. Und auch das Internatsleben wird für die bisher von Mutti und Vati stets umsorgte Tochter eine neue Erfahrung sein. Plötzlich sind vier Mädchen in einem Zimmer untergebracht, die sich arrangieren müssen.

Große Nachfeier am 10. Juni

Eine künstlerische Vorbelastung in Sachen Artistik gibt es bei Familie Holz eigentlich nicht. Zwar steht Vati Andreas seit mehr als 25 Jahren als DJ auf der Bühne, aber weder er noch seine Frau Claudia können professionell singen, tanzen oder gar artistische Leistungen vollbringen. Zwar war Vienna schon als ganz kleines Kind auf der Bühne bei Papas Auftritten mit dabei, kennt beispielsweise alle Musiker der Salzwedeler Band Neid Klapp um Sängerin Tina Kupfer seit Jahren, aber künstlerische Gene sind ihr wahrlich nicht mit in die Wiege gelegt worden. Vielleicht war es aber das Flair von Bühnenshows, die die Bromerin veranlassten, gemeinsam mit ihrem älteren Bruder Vincent die Stelzengruppe "NabuQ" zu gründen. Bei deren Aufführungen werden Stelzenlauf, Akrobatik und Poitanz zu einem dynamischen und ausdrucksstarken Zusammenspiel vereint. Weit über die Grenzen von Brome hinaus hat sich "NabuQ" bereits einen Namen gemacht, so unter anderem vor zwei Jahren beim Altmärkischen Heimatfest in Beetzendorf, beim Sachsen-Anhalt-Tag in Weißenfels oder auch auf den Weihnachtsmärkten in Goslar und Fallersleben. Inwieweit es weitere Auftritte von "NabuQ" in Zukunft geben wird, bleibt nunmehr abzuwarten. Denn jetzt hat die Ausbildung in Berlin Vorrang. Denn die ist nun auch erst wieder ein Anfang auf dem Weg zur Verwirklichung des Lebenstraumes von Vienna Holz.

Eine Jugendweihefeier mit der Familie wird es übrigens am 10. Juni geben. Bei der wird dann auch noch der runde Geburtstag von Mutti Claudia nachgefeiert und bestimmt so manches Mal auf Tochter Vienna angestoßen, die an dem Tag, an dem sie offiziell und feierlich in die Reihen der Erwachsenen aufgenommen wurde, ihrem Lebenstraum ein Stück näher gekommen ist.

   

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