Folter, Flucht und Attentate - Wolfgang Welsch hat alles am eigenen Leib erfahren und mehr als einmal knapp überlebt. Seine Lebensgeschichte erzählt der heute 70-Jährige im Buch "Ich war Staatsfeind Nr. 1" - und am Sonnabend bei einer Lesung in Hötensleben.

Hötensleben l Was Wolfgang Welsch widerfahren ist, würde man vielleicht als überladene Handlung eines auf künstliche Spannung getrimmten Politthrillers bezeichnen. Wenn da nicht das Wissen um die rücksichtslosen Praktiken des DDR-Regimes gegen seine Kritiker wäre. In Welschs Fall lässt sich das ganze erschreckende Ausmaß der Skrupellosigkeit anhand von Akten und Aufzeichnungen auch bürokratisch penibel ermessen. Der Rebell hat für seine Haltung teuer bezahlt - doch er hat auch empfindlich zurückgeschlagen.

Seine schier unglaublichen Erlebnisse als Flüchtling und Fluchthelfer wird Wolfgang Welsch am Sonnabend, 15.März, in Hötensleben schildern. Der örtliche Grenzdenkmalverein hat dazu im Anschluss an seine Jahreshauptversammlung (15.30Uhr) eingeladen. Die Lesung beginnt um 18 Uhr in der Aula der Hötensleber Grundschule. "Das dürfte ein ganz besonderer Abend werden, denn Welsch hat auf üble Weise wie kaum ein anderer erfahren müssen, wozu eine Diktatur in der Lage ist", meint René Müller, zweiter Vorsitzender des Grenzdenkmalvereins. "Uns freut es sehr, dass wir diese Veranstaltung mit ihm organisieren konnten. Wir hoffen natürlich auf regen Zuspruch, denn es sind alle interessierten Gäste nicht nur aus Hötensleben dazu willkommen."

Nach misslungener "Republikflucht" erlitt Welsch in den berüchtigten DDR-Haftanstalten Bautzen und Brandenburg als politischer Gefangener schwerste körperliche und psychische Peinigungen: von der Isolationshaft in der Eiszelle über Folter und Hunger bis hin zur Scheinhinrichtung vor einem Exekutionskommando.

Bombe, Scharfschütze und Gift

Den Status des "gefährlichen Staatsfeindes" verpasste ihm die Stasi unter Erich Mielke nach seiner von der BRD durch Freikauf erwirkten Entlassung und Übersiedlung in den Westen. Bundeskanzler Willy Brandt, Amnesty International und ein mit Erich Honecker vertrauter Ostberliner Rechtsanwalt hatten in der Causa Welsch vermittelt.

Welsch baute sich nicht nur ein neues Leben auf, sondern auch ein effektives Netzwerk, mit dem er ab 1972 über einen Zeitraum von etwa zehn Jahren 220 DDR-Bürgern, meist hochqualifizierte Fachkräfte mit ihren Familien, zur Flucht verhalf. Diesem "konspirativen Tun" kam die Stasi letztlich durch die Festsetzung Welschs damaliger Ehefrau in Bulgarien auf die Schliche. In der Folge setzte die Stasi einen Agenten samt Tötungsbefehl auf Welsch an, der jahrelang als enger Freund des "Zielsubjekts" unenttarnt blieb.

Ein erstes Attentat mit einer Autobombe schlug fehl, ebenso ein Scharfschützenhinterhalt in England, dem Welsch dank seiner Tabakpfeife entrann, zu der er sich hinunterbeugte, als der Schuss fiel. Mordversuch Nummer drei war eine Vergiftung durch den Familienfreund bei einem gemeinsamen Urlaub in Israel 1981, die auch Welschs Frau und Tochter traf. Alle drei überlebten, er denkbar knapp.

All dieser für ihn damals "merkwürdigen Vorkommnisse" wurde Welsch erst durch Akteneinsicht nach der Wende vollends gewahr. René Müller dazu: "Man sieht, es erwartet uns ein dramatischer Abend."

"Ich war Staatsfeind Nr. 1" - Buchlesung mit Wolfgang Welsch am Sonnabend, 15. März, ab 18 Uhr in der Aula der Grundschule Hötensleben.