Der Puppendoktor Günter Geier ist noch bis heute Nachmittag bei Marktkauf in Oschersleben. Bis 16 Uhr können Puppenmuttis mit den Patienten in die Praxis kommen. Das letzte Mal, denn Geier kämpft mit einem Nachwuchsproblem.

Oschersleben (spt) l Als eine ältere Dame aus Wanzleben die Praxis des Supermarktes in der Andersleber Straße betritt, stellt Geier gleich eine Frage: "Haben sie denn einen Nachweis von der Puppenersatzkasse dabei?" Die Puppenmutti lacht und öffnet ihren Beutel. Sofort erkennt der Puppendoktor, dass es sich bei der Patientin um eine wertvolle Minerva aus dem sächsischen Nossen handelt. "Die ist etwa 70 Jahre alt, besteht aus Zelluloid und hat einen Leistenbruch", diagnostiziert Geier. "Die haben wir nach dem Krieg gegen ein Radio eingetauscht", erzählt die Puppenmutti und fragt: "Können sie den Leistenbruch operieren?" "Natürlich", antwortet der erfahrene Puppendoktor und schätzt das gute Stück auf etwa 220 Euro.

Seit genau 54 Jahren fährt der heute 74-Jährige in Städte in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz. Tausende Patientinnen und Teddys konnte er heilen: Arme und Beine wurden ihnen wieder angenäht, die Augen operiert, die Füllungen erneuert oder die Stimmen wieder in Ordnung gebracht.

Doch nun plagen ihn selbst ganz große Probleme. Aus gesundheitlichen Gründen muss der Puppendoktor in den Ruhestand gehen und kämpft zudem mit Nachwuchssorgen. "Mit der Steffi aus Chemnitz hatte ich eigentlich schon eine Nachfolgerin, die bereits vier von insgesamt sechs Monaten Praktikum hinter sich hatte. Die war ideal und ich glücklich", erzählt Günter Geier. Doch ihr Mann habe leider kein Verständnis gezeigt. Ein Puppendoktor sei eben von mittwochs bis sonntags unterwegs. "Hotels sind mein zweites Zuhause", betont der gelernte Schneider. Mittlerweile haben sich zwei große deutschlandweit erscheinende Zeitschriften eingeschaltet und helfen ihm bei der Suche nach einem Nachfolger. "Neulich war über mich ein Artikel in einer großen Leipziger Tageszeitung zu lesen. Da stand ich auf Seite 1 direkt neben Angela Merkel", berichtet der Puppendoktor stolz und zeigt eine Puppe mit etwas Patina. "Sie ist schon rund 100 Jahre alt. Schade, dass die nicht reden kann. Immerhin hat sie zwei Kriege überlebt", sinniert der Rentner, der trotzdem immer wieder weitermacht. "Ende dieses Jahres ist aber endgültig Schluss damit, ich habe es meiner Frau hoch und heilig versprochen, wieder einmal."

Als eine andere Kundin die Praxis betritt und der Puppendoktor an seiner Patientin wieder einmal einen Leistenbruch diagnostiziert, fragt die Puppenmutti: "Lohnt es sich denn noch?" Die beantwortet Geier mit einer Gegenfrage: "Wenn Sie zu einem Arzt gehen, fragen sie da auch, ob sich die Operation lohnt?" So bleibt das gute Stück bei ihm und wird bis zum nächsten Tag geheilt sein.

Interessant ist auch sein nächster Kunde. "Das hier ist mein alter Teddy, der mir bereits zu meiner Geburt geschenkt worden ist", sagt Rainer Schneider aus Oschersleben und fügt hinzu: "Er ist jetzt 74 Jahre alt und meine Tochter hat auch mit ihm gespielt. Deshalb trägt er ein Kleid." "Da hat der Teddy aber Glück gehabt. Wegen der Kleidung ist sein Fell noch ganz fantastisch. Es muss nur gereinigt werden", erklärt der Puppendoktor. Dazu empfiehlt er Polsterschaum. "Bitte kein Wasser, ansonsten könnte er anfangen zu schimmeln. Ansonsten kriegen wir den schon hin: ein bisschen nachstopfen, neue Augen rein und die Stimme justiert - der braucht eine Generalüberholung." Die Freude bei Rainer Schneider ist riesengroß, denn schon am nächsten Tag wird sein Teddy aus der Klinik entlassen.

Die Praxis des Puppendoktors im Oschersleber Marktkauf hat heute noch bis 16 Uhr geöffnet.

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