Die Reminiszenz auch unbequemer Wahrheiten ist in Hötensleben allgegenwärtig. Oft nicht unumstritten, dennoch widerstandskräftig. So auch die "Stolpersteine", die seit Mittwoch das Pflaster am Steinweg 11 zieren. Sie erinnern an ein düsteres Kapitel der Dorfgeschichte.

Hötensleben l "Man stolpert mit dem Kopf, mit den Gedanken." Künstler Gunter Demnig wies vorsorglich darauf hin, dass niemand einen Sturz zu befürchten habe, der fortan den Fußweg am Steinweg 11 benutzt. Aus dem grauen Pflaster leuchten drei Messingquadrate, ein jedes mit Namensgravur und der unverkennbaren Botschaft versehen, dass hier Menschen lebten, die einer widerwärtigen Ideologie zum Opfer fielen. Es ist eine stille und doch eindrucksvolle Erinnerung an Familie Jaeckel, deren bürgerliches Dasein im Dorf mit der verhängnisvollen Pogromnacht im November 1938 abrupt endete. Vater, Mutter und ein Sohn überlebten die folgende Deportation nach Riga beziehungsweise Auschwitz nicht.

Bürgermeister Dieter Buchwald griff in seiner Ansprache vor den rund 80 Anwesenden die überlieferten Beobachtungen eines kleinen Nachbarjungen auf, um die Gräuel jener Zeit zu verdeutlichen: "Bürger stürmten am 9.11. das Haus, nahmen aus Wohnung und Geschäft skrupellos alles mit, was nicht niet- und nagelfest war."

Mutige Hötensleber haben Familie versorgt

Noch ein Jahr habe Familie Jaeckel hier zugebracht - unter erbärmlichen Umständen, denn ihr war die Lebensgrundlage entzogen; einige mutige Hötensleber haben die Familie noch heimlich versorgt, so gut es ging, ehe sie deportiert wurde. "Es ist wichtig für uns, daran zu erinnern, Familie Jae-ckel soll nicht in Vergessenheit geraten", so Buchwald weiter, "und ich freue mich, dass heute so viele Menschen verschiedener Generationen und Lebensbereiche hier sind, die diesen Gedanken mittragen."

Nachdenken, Nichtvergessen, Hinterfragen - das waren auch die Grundmotive des tiefsinnigen Begleitprogramms gestern Vormittag im Steinweg. Schüler und Erwachsene trugen "Hutgeschichten" vor, versonnene, bewegende Episoden der Zeit, besinnlich umrahmt von Liedvorträgen des Lyrikers Michael Voß aus Wefensleben. Den nachdrücklichen Schlusspunkt setzte Gemeindepfarrer Peter Mücksch, der in seinem Wortbeitrag Ausgrenzung und Schikanierung vermeintlicher Minderheiten, heutzutage auch unter der Begrifflichkeit Mobbing bekannt, energisch geißelte, "seien es Andersgläubige, Ausländer oder Homosexuelle".

Hebräisches Gebet zum Abschluss

Mücksch betonte mit Blick auf die "Stolpersteine", dass Namen ein unweigerlich mit der Persönlichkeit verbundener Teil der Menschen sind. "Sie dürfen deshalb nicht in Vergessenheit geraten. Unsere Namen sind es, mit denen wir in der nächsten Welt gerufen werden, so ist es im jüdischen wie im christlichen Glauben." Mit einem auf Hebräisch gehaltenen Gebet beendete der evangelische Pfarrer seine Rede.

"Es ist mitnichten so, dass hier auf den Opfern buchstäblich herumgetreten wird", ging Künstler Gunter Demnig auf eine ihm oft entgegnete Kritik zu seinen Stolpersteinen ein. "Zum Lesen der Inschriften muss man stehenbleiben, sich verbeugen oder sogar niederknien. Somit ist es eine wahre Ehrerbietung." Wichtig sei ihm auch das Material Messing, weil es bei Benutzung blankpoliert werde: "Man reibt sozusagen die Erinnerung frei."

 

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