Nach gut einem Jahrzehnt verlässt Eilslebens Pfarrer Martin Goetzki seine erste Dienststelle in Richtung Gardelegen. Im Gespräch mit Volksstimme-Redakteur Ronny Schoof erklärt er, wie und warum es dazu kam und gibt Einblick in die kleinen Sorgen eines Gottesmannes.

Volksstimme: Herr Goetzki, kommende Woche beginnt Ihr nächstes Berufskapitel, Sie treten Ihre neue Pfarrstelle in Gardelegen an. Sind die Koffer schon gepackt?

Martin Goetzki: Wir sind zwar fleißig am Packen, aber es sieht so aus, dass ich Eilsleben als Einwohner noch ein wenig erhalten bleibe.

Sie ziehen noch nicht um?

Die Betonung liegt auf "noch". Unsere Wohnung in Gardelegen ist schlichtweg noch nicht fertig. Ich trete den Pfarrdienst dort wie geplant an, aber der Umzug wird wohl erst einen Monat später erfolgen. So lange heißt es, die knapp hundert Kilometer zu pendeln. Das ist auch eine merkwürdige Situation: Ich bin hier noch nicht richtig weg und dort noch nicht richtig da - eine Art Hängepartie, die mir Abschied und Ankunft nicht gerade einfacher macht.

Eilsleben war Ihre erste Pfarrstelle überhaupt, und auch mit Ihren 45 Jahren kann man sie als Jungspund unter den Geistlichen bezeichnen. Dennoch ist die Amtsausübung im Pastorat für sie ein relativ später Berufseinstieg gewesen, oder?

Das kann man so sagen, denn bevor ich das Theologiestudium mit dem Ziel, in den Pfarrdienst einzutreten, aufgenommen habe, hatte ich einen ganz anderen Berufswunsch, den ich mir auch erfüllt habe - den des Musikers. Nach dem Musikstudium an der Franz-Liszt-Hochschule in Weimar war ich von 1990 bis 1993 als Geiger beziehungsweise Violinist im Staatsorchester Halle tätig. Dort wuchs dann die tiefe Überzeugung, gleichsam einer inneren Stimme, für den Pfarrer und die Theologie. Ich habe erkannt, dass die Musik die Menschen zwar fröhlich machen kann, dass der Glaube an Gott und die Botschaft der Bibel die Kraft haben, die Menschen von Grund auf zum Guten zu verändern, das heißt, die Seele des Menschen gesund und heil zu machen. Das war für mich schließlich der entscheidende Antrieb.

"Heiratsantrag an Mirjam war schlicht, nichts Spektakuläres"

Ich nehme an, Sie sind der Religion seit jeher verbunden?

Richtig, ich entstamme sozusagen einem gläubigen Hause. Meine Eltern sind überzeugte und engagierte Christen. Von daher war ich immer schon ganz nah dran am Glauben, der also Beruf und Berufung für mich werden sollte. So absolvierte ich das Erste und das Zweite Theologische Examen und dazwischen das Vikariat, den praktischen Vorbereitungsdienst, in Erfurt, ehe ich nach Eilsleben entsendet wurde.

Entsendet heißt, Sie konnten es sich nicht aussuchen?

Genau, die erste Pfarrstelle ist die so genannte Entsendungsdienststelle - und die hat mich 2003 als Nachfolger von Pfarrer Wisch hierher geführt. Was übrigens eine kleine Anekdote nebenbei ist, denn Herr Wisch ging ja nach Langendorf bei Weißenfels, und in Weißenfels hat meine Familie lange gelebt, ich bin dort aufgewachsen - in gewisser Weise also ein Platztausch, was ich ganz witzig fand.

"Meine Stimme ist nicht die beste, sie bereitet mir ab und an Probleme"

Von Weißenfels nach Eilsleben nach Gardelegen - es geht immer weiter nordwärts. Zum Ruhestand predigen Sie dann womöglich auf Rügen.

(lacht) Stimmt. Dabei ist es eigentlich die falsche Richtung. Meine Eltern leben inzwischen im Harz, und meine Frau stammt aus der Nähe von Karlsruhe.

Es ist eine große Distanz zwischen dem Oberrhein in Baden-Württemberg und der Aller in Sachsen-Anhalt. Wo lag denn der Berührungspunkt zwischen Ihnen und Ihrer Frau?

Meine Frau Mirjam habe ich 2006 während einer Skifreizeit in Österreich kennengelernt, denn wir sind beide begeisterte Skifahrer. Aber das Beste ist: Wir haben noch im selben Jahr geheiratet.

Das ging ja flott. Darf man fragen, wie ein Pfarrer einen Heiratsantrag gestaltet, wie Sie ihn vorgebracht haben?

Ach, das war ganz normal, ganz schlicht hier zuhause, nichts Spektakuläres. Ich denke, so einen Schritt geht jeder Mensch beziehungsweise jedes Paar individuell für sich, unabhängig vom Beruf oder Umfeld, eben einfach so, wie es jedem für sich gefällt.

Ruhestandspfarrer Gunther Hirschligau hat bei Ihrem Abschiedsgottesdienst in der Lorenzkirche geäußert, dass die Frau eines Pfarrers einen ganz beachtlichen Part einnimmt.

Und damit hat er auch absolut recht, denn es ist eine ganz besondere Herausforderung für eine Pfarrersfrau. Mirjam hat von Anfang an voll und ganz hinter meinem Beruf gestanden, dafür bin ich ihr sehr dankbar. Sie war hier und bleibt in Gardelegen meine rechte Hand, unterstützt meine Arbeit ehrenamtlich. Das Bemerkenswerte ist, dass auch sie zunächst einen anderen Beruf hatte, Bankkauffrau, den sie aufgegeben hat, um anderen Menschen helfen zu können. Sie hat auf Krankenschwester umgesattelt, und ich hoffe, sie wird das wieder sein, wenn die Kinder größer sind, auch wenn sie mir als Stütze im Pfarrdienst dann sicher fehlen würde.

Wie gehen Ihre Kinder mit dem bevorstehenden Umzug um?

Erstaunlich gut, sie sehen das ganz entspannt. Ich schätze, das hängt mit dem jugendlichen Elan für Neues und mit der Entdeckungslust zusammen. Sara ist sechs, David vier Jahre alt. Sie müssen sich nicht mal an einen neuen Kindergartennamen gewöhnen. Die evangelische Kita in Gardelegen heißt nämlich auch "Arche Noah".

"Nach elf Jahren hier natürlich Wurzeln geschlagen"

Mit welchen Erwartungen gehen Sie nach Gardelegen?

Da gibt es keinen speziellen Punkt. Ich freue mich allgemein auf neue Entdeckungen, Menschen und Kontakte. Ich bin gern Dorfpfarrer und froh, dass ich ein Stück weit auf dem Land bleiben kann, weil der kleine Ortsteil Ipse mit dazu gehört. Ansonsten ist der Unterschied, dass ich Stadtpfarrer bin und somit nicht mehrere Pfarrbereiche verantworte. Das war - neben dem meist üblichen Stellenwechsel nach einer gewissen Zeitspanne - übrigens auch ein Grund für die Entscheidung: Ich gehe von fünf Predigtstellen auf zwei herunter. Das sollte meiner Stimme, die manchmal nicht die beste ist und mir ab und an, insbesondere zur Weihnachtszeit mit ihren vielen Ansprachen, Probleme bereitet, ganz gut bekommen. Das klingt für außenstehende jetzt vielleicht etwas befremdlich, aber das sind eben so die kleinen Sorgen eines Pfarrers.

Wann hatten Sie Gewissheit über den Wechsel und wie kam es eigentlich dazu?

Wie schon angedeutet, es ist im Grunde kirchenüblich, dass man nach ungefähr zehn Jahren die Pfarrstelle wechselt. Es ist meist gut für alle Beteiligten. Aber es gibt natürlich auch Ausnahmen wie etwa Pfarrer Hirschligau in Ummendorf oder Pfarrer Seiler in Seehausen. Ich hielt die Zeit für etwas Neues einfach für gekommen, und die Chance war da. Es ist schwierig, das auszudrücken, ohne den Menschen hier gegenüber undankbar zu erscheinen. Ich hoffe sehr, man versteht das nicht falsch. Ich habe über unser kirchliches Amtsblatt davon erfahren, dass der Pfarrer in Gardelegen in den Ruhestand geht, die Stelle somit frei wird. Dann bin ich hingefahren, habe mir das angeguckt und recht schnell gemerkt, dass es von beiden Seiten gewollt ist. Seit Mai stand der Wechsel dann fest.

Auf der einen Seite wartet das spannende Neue, auf der anderen Seite lassen Sie hier Liebgewonnenes zurück, oder, wie Gunther Hirschligau es jüngst ausdrückte, Sie haben viel Saat gestreut, von der einiges schon aufgegangen ist und manches erst später geerntet werden kann.

Das waren sehr ehrende und berührende Worte. Ich selbst bin traurig, was den Abschied angeht, denn natürlich hat man nach elf Jahren Wurzeln geschlagen. Es schwingt viel Herz mit, viele Menschen, die mir ans Herz gewachsen sind.

Gibt es etwas ganz Profanes, Alltägliches, das sie vermissen werden?

Natürlich die Brötchen von Bäcker Müller und die Wurst von Peter`s Fleischerei hier in Eilsleben, ohne jetzt groß Reklame machen zu wollen. Außerdem ist hier vom Kindergarten bis zum Einkaufsmarkt alles sehr nah gelegen. Das wird in Gardelegen anders sein, auch die Marienkirche als meine Standortkirche wird etwas weiter weg sein.

"Matthäuspassion hat mich überzeugt, dass ich nicht Musiker sein will, sondern Prediger"

Sie selbst haben in Ihrer Abschiedspredigt gesagt, dass es - logischerweise - Höhen und Tiefen gab. Wir Zeitungsmenschen mögen es ja gern extrem. Was war denn das Höchste und das Tiefste in Ihren Augen?

Spontan würde ich sagen, das war beides gleichzeitig, als im Jahr 2005 die Eilsleber Pfarrstelle plötzlich auf der Kippe stand. Rückblickend möchte ich meinen, das war die schwierigste Situation aber letztlich auch die beste, weil ich ganz viel Zuspruch erfahren habe. Die Leute haben sich für mich, für die Pfarrstelle eingesetzt, haben darum gekämpft. Auch deshalb möchte ich an dieser Stelle noch einmal herzlich Dank sagen und darum bitten, mir die Chance und den Willen zur persönlichen Weiterentwicklung nicht nachzutragen oder den Einsatz damals als vergebene Mühe zu sehen. Denn das wäre eine Fehlbetrachtung.

Leute wie Sie, also junge, enthusiastische Pfarrer, die nachkommen, fehlen der Kirche zunehmend. Wie könnten Sie in jungen Menschen den Berufswunsch Pfarrer oder Pfarrerin wecken?

Ich war hier zwar auch für die Jugendarbeit mitverantwortlich, aber ich denke, ein solcher Einfluss überträfe meine Möglichkeiten. Man kann das schwer als Beruf empfehlen, es muss eine persönlich empfundene Berufung sein. Was ich nach eigener tiefer Auffassung dazu sagen kann: Anderen Hilfe und Beistand zu geben, ist eine wunderbare Aufgabe.. Der Ruf selbst aber muss aus dem Glauben heraus entstehen, muss von Gott kommen.

Welcher Gestalt war dieser Ruf bei Ihnen?

Musik natürlich. Sie war immer und bleibt immer meine Leidenschaft, und sie hat mich hierher gebracht. Es war die Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach. Als ich die eines Tages spielte, kam ich zu der Überzeugung, dass ich nicht Musiker sein will, sondern Prediger.

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