Neuland bedeutet der Ruheforst Harbker Wald nicht nur in der Hinsicht, dass unterhalb der Turmruine im Floridatal eine alternative Begräbnis- stätte geschaffen worden ist. Es handelt sich auch um ein in Sachsen-Anhalt einzigartiges Mischkonzept, an dem privatwirtschaftliche und öffent- liche Träger beteiligt sind.

Harbke l Knapp ein Jahrzehnt hat es bis zur offiziellen An- erkennung der ewigen Ruhestätte im Harbker Wald gebraucht. 2005 war Waldeigentümer Harald Binroth aus Königslutter mit dem Projekt an die Gemeinde Harbke herangetreten. "Mit der Idee eines Naturfriedhofs habe ich mich sogar schon vor 15 Jahren befasst", erklärte Binroth im Rahmen der Einweihungsfeier am Freitag, "aber konkret wurde es dann ab Oktober 2006, als vom Gemeinderat auch ein ent- sprechender Grundsatz- beschluss gefasst wurde."

Damit setzte sich zugleich ein langwieriges Zulassungsverfahren in Gang, da man mit dem zugrunde liegenden Konzept gänzlich neues Terrain betrat: Ein Privatwald (Harbker Wald GbR mit Binroth als Geschäftsführer) sollte unter einem lizenzierten Patent (Ruheforst ist eine eingetragene Marke) über eine Kommune (Gemeinde Harbke) als Naturfriedhof betrieben werden. Zwar sind derlei alternative Bestattungsformen in Deutschland keine Neuheit mehr und hat allein die Ruheforst GmbH fast 60 Lizenznehmer im Portfolio. Doch ein solches Mischmodell war den Landesgesetzen bis dahin fremd.

"Auf unserer Seite gab es anfangs gewisse Ängste und Zweifel, ob denn ein Friedhof in unserem schönen Floridatal überhaupt vertretbar sei", blickte Harbkes Bürgermeister Werner Müller zurück. "Und als wir doch davon überzeugt waren, dass es eine gute Idee ist, kamen zahlreiche gesetzliche Klippen auf uns zu, was eben Zeit zur Klärung benötigte." Ende 2013 sei die Ziellinie erreicht worden: "Irgendwann ging es dann doch alles recht schnell. Wir haben die Satzung zur Prüfung eingereicht, die Genehmigung bekommen und die Verträge unterschrieben. Ab da ging es nur noch um die Herrichtung des Waldes und des Umfelds", so Müller.

In den vergangenen Monaten wurden die beiden vorgesehenen Flurstücke im Harbker Wald gemäß den Anforderungen der Ruheforst GmbH gestaltet. "Wir haben einen Andachtsplatz und Wege geschaffen, die Grabstätten ausgesucht und gekennzeichnet und insgesamt für die vorgeschriebene Verkehrssicherheit gesorgt, indem zum Beispiel morsches Holz entfernt wurde", legte Harald Binroth dar. Am Waldrand hin zum Schwarzkuhlenteich haben Gemeinde und Waldgesellschaft das alte Silo und einen maroden Unterstand abreißen lassen und Parkflächen aufgeschüttet, die nun Friedhofs- und Parkbe- suchern zur Verfügung stehen.

Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) sprach bei der Eröffnung von "etwas Besonderem, das heute seine Vollendung findet". An Binroth gewandt, meinte er weiter: "Sie haben durch Beharrlichkeit und Kooperation eine Möglichkeit gefunden, in einem Privatwald mit der Gemeinde Bestattungen vorzunehmen und entwickeln somit auch unsere Erinnerungskultur ein Stück weiter. Der gewählte Ort ist ein ausgesprochen guter". Binroth selbst lobte die "zielorientierte Begleitung der Verwaltung". Das Ordnungsamt Obere Aller habe die letzte Wegstrecke gekonnt geebnet.

Für Werner Müller sind "die positiven Auswirkungen bereits zu erkennen, der Schandfleck Silo ist weg, und wir haben weitere Stellplätze sogar für Busse am nördlichen Parkeingang". Noch bedeutender sei die Tatsache, dass durch die Vereinbarung zwischen den Ruheforst-Verantwort- lichen "völliger Bestandsschutz im Floridatal für die nächsten hundert Jahre besteht", betonte der Bürgermeister. So ist das Waldstück an der Turmruine bis ins Jahr 2113 einer forstlichen Nutzung weitgehend entzogen. Harald Binroth dazu: "Das heißt Verzicht auf Kahlschläge, Förderung des historischen Mischwaldes mit seiner Artenvielfalt und kein Einsatz von Chemie. Es findet eine natürliche Verjüngung statt, und auch bei Totholz erfolgen kaum Eingriffe. Das Konzept steht unter der strengen PEFC-Richtlinie und sieht die größtmögliche Erhaltung des Waldes als ökologische Nische vor."

Die Einnahmen werden übrigens ebenso wie die Verantwortlichkeiten zwischen Lizenzgeber, Eigentümer und der Gemeinde als Betreiberin geteilt.

   

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