Hunderttausende Aufnahmen des Fotografen Hans Gettmann sind jetzt in den Besitz des Oschersleber Archivs übergangen. Es beherbergt damit einzigartige Bilder von Stadtansichten längst vergangener Zeiten, aber auch Privataufnahmen, etwa von Babys, Hochzeiten oder Porträtfotos.

Oschersleben l Dass das Oschersleber Stadtarchiv in der Hornhäuser Straße wahre Schätze birgt, sollte hinlänglich bekannt sein. Hier lagern teils uralte Urkunden und Dokumente, die Einblicke in die jahrhundertealte Stadtgeschichte gewähren.

Doch vor kurzem ist die Sammlung der historischen Schriftstücke um ein wahres Juwel reicher geworden. So beherbergt das Kleinod in einem Kellergewölbe nun auch das Archiv des einstigen Oschersleber Fotografen Hans Gettmann. Bis kurz nach der politischen Wende hatte er ein Geschäft schräg gegenüber in gleicher Straße. "1944 eröffnete er seinen ersten Laden am Jacobsberg zwischen Oschersleben und Neindorf in einer alten Scheune, bevor wir in die Halberstädter Straße hinter den Buchladen von Köppels zogen", erinnert sich Sohn Klaus Gettmann.

Zwischen 100000 und 200000 Aufnahmen

Über die Jahrzehnte hat sein Vater schier unzählige Aufnahmen gemacht - fein säuberlich nummeriert und archiviert. "Dazu zählen Fotos von Hochzeiten, Stadt- und Landschaftsaufnahmen sowie welche für die Kirche und auch Porträts", sagt Gettmann, der heute mit seiner Familie im brandenburgischen Caputh lebt. Bereits kurz nach dem Tod des Vaters im Jahr 1991 hatte Klaus Gettmann selbst bei der Stadt angefragt, ob sie das Fotoarchiv nicht übernehmen wolle. "Doch denen fehlte damals der Mut", ist er sich heute sicher. Um so größer sei die Freude jetzt, da die abertausenden Bilddokumente nun doch im Archiv der Bodestadt eine neue Heimat gefunden haben.

Stadtarchivar Mathias Schulte zeigt sich ebenfalls glücklich, auch wenn nun ein großer Berg jahrelanger Arbeit vor ihm liegt. "Bei dem Archiv handelt es sich um Negativ-Filme, gelagert in 35Holzkisten", sagt Schulte. Jeder Filmabschnitt ist mit einer fünfstelligen sogenannten Kontaktnummer gekennzeichnet, wobei die ersten beiden Ziffern das Jahr angeben und die drei Endziffern die fortlaufende Nummerierung des jeweiligen Films bedeuten. "So ist zu erkennen, dass das Archiv im Jahr 1946 begonnen worden ist und zunächst bis ins Jahr 1969 reicht. Dann haben wir noch Kisten aus der Mitte der 1970er Jahre", erklärt der Stadtarchivar und ergänzt: "Alles was dazwischen ist und danach kommt, fehlt uns leider." Doch immerhin: Gettmanns Nachlass beläuft sich auf Hunderte von Filmen, die er pro Jahr verbraucht hat. "Die Zahl der hier lagernden Negativ-Fotos beläuft sich auf irgendwo zwischen 100000 und 200000", schätzt der Archivar ein.

Nun sollen die Aufnahmen in den kommenden Jahren digital archiviert werden - eine Mammutaufgabe. "Das macht richtig viel Arbeit, aber ich denke, dass sie sich lohnt", betont Schulte. Denn seiner Meinung nach sind die Fotos wertvoll vor allem für die Stadt, weil sie historische Aufnahmen von Straßen, Plätzen und Häuserzeilen zeigen, so, wie sie damals noch ausgesehen haben. Interessant für ihn sind vor allem jene Bilder, die Lücken zeigen, die beispielsweise durch die Bombenangriffe des zweiten Weltkrieges hervorgerufen wurden. Aber auch Häuser sind zu sehen, die aufgrund von Baufälligkeit mittlerweile abgerissen worden sind oder die ihr äußeres Gesicht bis heute völlig verändert, also ihre historische Fassade mittlerweile verloren haben. "Bei den Gettmann-Fotos handelt es sich um Aufnahmen von Stadtquartieren, wie sie früher ausgesehen haben. Der Vergleich mit heute macht die Sammlung so interessant", hebt Mathias Schulte hervor.

Fotoarchiv wird bereits rege genutzt

So werde der neue Schatz bereits rege genutzt, beispielsweise von der Wohnungsgenossenschaft "Neues Leben". Diese feiert demnächst ihr 90-jähriges Bestehen und will aus diesem Anlass eine Chronik erstellen. "Deshalb war Vorstand Christian Reimann schon hier unten und er ist tatsächlich fündig geworden", sagt der Archivar.

Doch fündig werden könnten nicht nur städtische Unternehmen oder etwa die Abteilungen der Stadtverwaltung. Auch Privatleute könnten auf das Archiv zugreifen und sowohl Stadtaufnahmen als auch auf Privataufnahmen von Hochzeiten über den Fundus zugreifen. Erforderlich seien allerdings die Kontaktnummern, die etwa auf den originalen Aufnahmen von damals vermerkt sein müssten. "Einerseits zeigt uns das an, dass die jeweilige Person auch eine gewisse Berechtigung auf einen Zugriff hat. Andererseits wäre es schier unmöglich, in der Fülle der hier gesammelten Stücke planlos nach der entsprechenden Aufnahme zu suchen", erklärt Stadtarchivar Mathias Schulte.

Für die Reproduktion der entsprechenden Fotos werden übrigens die üblichen Kosten laut der Archivsatzung der Stadt Oschersleben erhoben.

 

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