Als der Eilsleber Tischler Wilhelm Könneke 1870 den Entschluss fasste, ein Biergeschäft als Gastgewerbe zu eröffnen, ahnte er wohl nicht, dass er damit den Grundstein für eine anderthalb Jahrhunderte währende Erfolgsgeschichte legen würde. Und auch nach 145 Jahren ist noch nicht Endstation. Ururenkel Carlo Könneke stellt die Signale im Gasthof "Zur Eisenbahn" in fünfter Generation auf freie Fahrt.

Eilsleben l Der Bau der Eisenbahnstrecke und des Bahnhofs 1869 hatte Wilhelm Könneke mit seiner Ehefrau Berta auf die Idee gebracht, und so nannte er seinen Gasthof auch "Zur Eisenbahn". Ursprünglich befand sich dieser in dem Wohnhaus rechts neben der heutigen Gastwirtschaft, einen Steinwurf weit vom Bahnhof entfernt.

Das Geschäft lief gut, was sicher auch daran lag, dass sich Eilsleben zu einem Verkehrsknotenpunkt entwickelte. Wilhelms und Bertas Sohn August entschloss sich deshalb, 1900 den Gasthof mit Saal so zu erbauen, wie man ihn heute noch kennt. August Könneke verfügte auch über ein Patent. Wie er darauf gekommen war, ist nicht überliefert, jedenfalls erfand er ein "Gerät zum Abziehen von Fußböden mit in einem Rahmen angeordneten Stahlspänen", vom Reichspatentamt 1935 anerkannt. August, einige Zeit auch als Seemann in der Welt unterwegs, war übrigens ein Freund des legendären Seeoffiziers, Kapitäns und Schriftstellers Felix Graf von Luckner.

August und seine Frau Anna waren im Gastgewerbe ebenfalls erfolgreich und vertrauten auf dessen Zukunft in Eilsleben. Sie hatten drei Söhne und eine Tochter. Auch sie verdingten sich in dieser Branche. Während zwei der Brüder an der Saale und in Tangermünde ihre Geschäfte eröffneten, blieb Augusts Sohn Gustav in Eilsleben, um den elterlichen Gasthof weiterzuführen. Mit seiner Frau Johanna, beide waren gelernte Köche, rettete er das Familienunternehmen über die Kriegsjahre hinweg, um danach unter schwierigsten Bedingungen wieder neu anzufangen.

"Könnekes", wie man im Dorf kurz sagt, hatte sich seit 1900 zu einer Lokalität entwickelt, die man als gesellschaftlichen und kulturellen Mittelpunkt von Eilsleben und Umgebung bezeichnen kann. Hier tagten und feierten Parteien aller politischen Richtungen, Gemeinderäte, Organisationen und Vereine. Im festlich geschmückten Saal, der 200 Gästen Platz bietet, gab es Sängerbälle, Bäckerbälle, Bankbälle, Feuerwehrbälle, Feiern der LPG-Bauern oder den Ball der Besten. Tausende Schüler erhielten hier zu DDR-Zeiten ihre Jugendweihe.

Keine Feinkost mehr in den Nachkriegsjahren

Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte der Theaterverein mit Aufführungen für Unterhaltung gesorgt, nach dem Krieg wurde hier die Karnevalstruppe "Die Allertaler" heimisch, spielt seit Jahrzehnten vor ausverkauftem Haus. Prominente DDR-Künstler standen bei "Könnekes" auf der Bühne. Zum Beispiel die "Vier Brummers", Hartmut Eichler, Eberhard Cohrs oder Helga Brauer. Zum Auftritt des griechischen Sängers Perikles Fotopoulos wird die Geschichte erzählt, dass der damalige Bürgermeister bei der Ankündigung dessen Auftritts den Namen vergessen hatte und dann sagte: "Begrüßen Sie mit mir den griechischen Künstler Piptus Piloptikus!".

Gustav und Johanna Könneke mussten nach dem Krieg vor allem mit Problemen aus den Versorgungslücken fertig werden. Hatte man zu Glanzzeiten großen Gesellschaften oder im Kleinen Saal und im Vereinszimmer bei Familienfeiern niveauvolle Menüs serviert - auf der Hochzeit von Marie Lambrecht und Werner Heinrichs am 30. April 1927 zum Beispiel wurde die Speisenfolge Krebssuppe, Tournedos auf Feinschmecker-Art, Aal blau mit zerlassener Butter, Gurkensalat, Rehbraten, Salat und Kompott, Eisbombe, Baumkuchen, Käseschüssel, diverse Weine und zum Abschluss Mokka aufgetischt -, musste man sich jetzt mit Bockwurst und Salat oder dem bördetypischen Pökelkamm begnügen.

Gustels Geduld mit dem verdorbenen Bier

Die DDR-Jahre gingen ins Land, die Lage verbesserte sich. Inzwischen waren auch Christine und Gustav junior, der in Eilsleben nur "Gustel" gerufen wurde, geboren. Gustav senior starb 1958. Aber Johanna zeigte sich als starke Frau, bewältigte die Bewirtschaftung des Gasthofes, zu dem auch Fremdenzimmer gehörten, 15 Jahre im Alleingang. Dann trat Gustel in die Fußstapfen seiner Vorfahren. Er wurde ebenfalls Koch, absolvierte seine Ausbildung in den namhaften Wernigeröder Hotels "Weißer Hirsch" und "Gotisches Haus". Auch im Kurhotel Blankenburg sammelte er Erfahrungen, bevor es an den heimischen Herd und hinter den Tresen im Gasthof "Zur Eisenbahn" ging.

Als er anschließend das Geschäft zunächst an der Seite von Mutter Johanna und nach der Wehrdienstzeit in vollem Umfang übernahm, nannte man die Betriebsform "Komplementär". Man blieb ein privates Unternehmen, war aber von Maßgaben des Staates abhängig. Diese Form war dann Anfang der 1970er Jahre nicht mehr so gewollt. "Da kam eines Tages Bürgermeister Wolfgang Tangermann zu uns und sagte: `Schließt einen Kommissionshandelsvertrag mit der HO (Handelsorganisation) ab, sonst seid ihr raus.`", erinnert sich Gustel Könneke später noch. Er wurde Kommissionshändler. Das hatte auch Vorteile, denn es gab zum Beispiel Zuteilungen von Technik, die im Handel nicht frei käuflich war, etwa eine geräumige Kühltruhe oder Geräte für die Erweiterung der Küche, unter anderem mit einer Kippbratpfanne.

Die Kühltruhe war eine große Errungenschaft. So konnten Gemüse wie Blumenkohl oder Spargel, die es nur zur jeweiligen Saison und häufig nur über bestimmte gute Beziehungen gab, für festliche Menüs eingefroren werden. "Wir fuhren für drei oder vier Kilogramm Champignons bis nach Neuenhofe, manchmal gab es auch Sonderzuteilungen vom Rat des Kreises", erzählte Gustel Könneke. Wer bei Könnekes feierte, oder den Party-Service schon zu DDR-Zeiten nutzen konnte, war jedenfalls immer auf der sicheren Seite, wenn es ums Essen ging.

Beim Tagesgeschäft war das nicht so. Da kehrten Eisenbahner nach getaner Arbeit ein, Reisende überbrückten Wartezeiten, es löschten LPG-Bauern ihren Durst, Sportler entspannten oder Stammgäste kippten ihr Bier mit einem Kurzen hinter. Obwohl der Bierkeller das ganze Jahr über seine Standarttemperatur hielt, wurde das Bier aus Hadmersleben vor allem im Sommer häufig beanstandet. Es kam schon nach dem Anstich als trübe Brühe aus dem Zapfhahn und verdarb den Gästen den Genuss. Gastwirt Gustel musste dann immer ihren Unwillen aushalten, bevor er sich in den Keller begab und ein neues Fass ansteckte. "Doch ich konnte nichts dafür. Es passierte, dass ich von 20 Fässern 15 wieder wegstellen musste, weil das Bier nicht genießbar war. Besonders häufig war das während der Zeit der Wasserblüte."

Nach der Wiedervereinigung Deutschlands änderte sich auch für den Familienbetrieb Könneke so gut wie alles. Das Bier musste nicht mehr beanstandet werden, Zutaten für die Küche waren kein Mangel mehr, die Preise schnellten in die Höhe. Der Hausherr und Ehefrau Anette stellten sich den Anforderungen. Die Gaststube wurde neu ausgestattet, in der Küche war jetzt Edelstahl vorherrschend. Vielseitiger nun die Menüs für Feiern, täglich gehen auch noch 30 Portionen außer Haus.

Fünfter Könneke am Start

2014 gab es wieder einen Generationenwechsel. Gustel Könneke, inzwischen 66 Jahre alt, blickt auf seine 47 Jahre in der Tradition des Hauses Könneke mit Zufriedenheit zurück. Gerne hätte er noch das halbe Jahrhundert voll gemacht, doch das Täglich-auf-den-Beinen-sein hat seinen gesundheitlichen Tribut gefordert. Aber zum Glück wurde Sohn Carlo das erforderliche Erbgut für die Weiterführung des "Gasthofes zu Eisenbahn" mitgegeben. Er bekam in seiner Ausbildung zum Koch das nötige Rüstzeug in renommierten Hotels in Baden-Württemberg und München mit, kochte im Team für die Teilnehmer des G8-Gipfels der Innenminister, für Gorbatschow und für Bundesliga-Fußballer.

Der Eilsleber Chor "Eintracht" bringt den Könnekes jede Woche ein Ständchen, denn der Gasthof ist sein Vereinslokal - und auch das schon seit über hundert Jahren.

 

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