Die Salzgewinnung hat in Sülldorf eine lange Geschichte. Seit dem frühen Mittelalter bestimmte sie das dörfliche Leben, mehr noch als die Landwirtschaft. Um diese Tradition fortzuführen und das Wissen um sie an künftige Generationen weiterzugeben, siedet Lutz Hellbach seit drei Jahren im Sülzetal wieder Salz.

Sülldorf l Angefangen hatte es mit einem Anruf eines älteren Salzsieders aus Schönebeck, der sich zur Ruhe setzen wollte und dem Kultur- und Heimatverein Sülldorf sein Siedehaus anbot. Vorstandsmitglied Hellbach war hoch erfreut und übernahm es samt Pfannen und diversem Zubehör. Der alte Sieder erklärte ihm vorher noch einmal, wie alles gehandhabt wird und wusste dann, dass es in gute Hände kam.

Der Aufbau des Siedehauses und die Prozedur des Siedens ist sehr aufwendig. So kommt es, dass Lutz Hellbach das Schausieden auch nicht so oft vornimmt. Mit dabei waren am Sonntag deshalb neben zahlreichen Schaulustigen auch der Bürgermeister der Einheitsgemeinde Sülzetal, Jörg Methner, die Vorsitzende des Heimatvereins, Rosemarie Pesel, Ortsbürgermeister Sascha Ritter in der Robe eines Salzgrafen und Elke Hellbach in der alten Bördetracht der Salzgräfin.

Ihr Mann Lutz musste zunächst frisches Salzwasser aus der bei Sülldorf gelegenen Solequelle holen, das er in die Siedepfanne einfüllte, die dann weit über eine Stunde lang von unten angefeuert werden muss. Man sollte man dabei stehenbleiben, damit nichts anbrennt. Mit der Zeit verdampft das Wasser durch das Erhitzen und es setzt sich das Salz ab. "Wenn ich auf Volksfesten siede, kommen als erstes die Leute, die Hunger haben, weil es dampft", schmunzelt Hellbach. Sie seien dann überrascht, dass es nichts zu essen gebe - außer Salz.

Wie Lutz Hellbach schürten schon in grauer Vorzeit die Menschen an der Sülze das Feuer, um kostbares Salz zu gewinnen. Der ursprüngliche Name des Baches "Salbeke" in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts deutet darauf hin. Daher stammt übrigens auch der Name des Magdeburger Stadtteils Salbke, an der Mündung der durch die Zuflüsse im Umfeld der Solequelle leicht salzhaltigen Sülze in die Elbe. Sülldorf kommt als "Suldorf" zuerst in Urkunden vor, als König Otto I. das zum königlichen Hof gehörige Dorf der Kirche in Magdeburg schenkte. Von der vermuteten sehr frühen Salzgewinnung berichten Urkunden nichts, aber es gibt durch Orts- und Bachbezeichnungen Hinweise, dass die hier so freigiebig sprudelnde Sole nicht ungenutzt geblieben ist.

1299 gründete sich ein genossenschaftliches Unternehmen unter der Hoheit des Bischofs Burchard von Magdeburg. Oberhalb von Sülldorf entstand ein Salinenbetrieb, der im 17. Jahrhundert "Friedrichthal" hieß, aber schon um 1425 als erzbischöfliches Lehen erwähnt wird. Der Salinenbetrieb lag in den Händen der Mitglieder der Genossenschaft, der Gewerke oder der Pfännerschaft. Die Pfänner hatten den Betrieb durch ihren finanziellen Einsatz erst möglich gemacht, woraus sie nicht wenige Vorrechte ableiteten. Pfänner galten mit der Aufnahme dieses Geschäfts ohne weiteres als adlig. So wird es verständlich, dass sich die männlichen Mitglieder der eigentlich bürgerlichen Familien auf ihren Grabsteinen auf dem Kirchhof St. Martin in Ritterrüstungen darstellen ließen.

Die durch artesischen Druck zu Tage tretende Salzquelle wurde so durch die Jahrhunderte hinweg erfolgreich genutzt. Die Einführung des Königlichen Salzregals im Jahre 1726, mit dem der König von Preußen ein Monopol in der Salzherstellung sowie im Salzvertrieb errichtete, brachte das Ende der letztlich nicht sehr produktiven Salinen im Sülzetal. Die Siedeeinrichtungen mussten zerstört werden. Noch bis ins 19. Jahrhundert war das Schöpfen der Sole an den natürlichen Quellen und ihre Nutzung in Haushalt oder Gewerbe im Interesse der Salzsteuer untersagt. An den Soleaustritten um Sülldorf waren Verbotstafeln aufgestellt und die Regierung wurde nicht müde, immer wieder strenge Verbote und Strafandrohungen zu publizieren.

Zwangloser geht es heute im Sülzetal zu. "Wir wollen sogar überregional darauf hinweisen, was es in Sülldorf gibt", meint Bürgermeister Jörg Methner. Sülldorf mit seinen knapp 370Einwohnern gehört zum neuen Tourismusprojekt "Salzige Tour" in der Magdeburger Region, das Touristen anziehen soll. "Als ich vor einem Jahr im Sülzetal Bürgermeister wurde, war ich überrascht, was das hier für ein schönes Naherholungsgebiet ist, mit seinem kleinen Teich, den Salzquellen und den Außenanlagen", schwärmt Methner.

"Salzige Tour" in der Region

Die Vergangenheit können Besucher in der Heimatstube des Kultur- und Heimatvereins erkunden, in der sich Ausstellungsstücke befinden, die von Einwohnern geschenkt oder als Leihgabe vergeben wurden. So findet man die unterschiedlichsten Utensilien aus alter Zeit ebenso wie Bilder, Puppen und historische Bördetrachten. Wie die Menschen im 19.Jahrhundert gelebt haben, lässt sich im nachgestellten Wohnzimmer, Schlafzimmer, in Küche und Arbeitsbereich nachfühlen.

Wie die Menschen heute leben, fühlt man bei den Veranstaltungen des Heimatvereins Sülldorf, wie etwa beim Tanz in den Mai, Osterfeiern oder dem Flohmarkt. Bei den alljährlichen Märchenaufführungen des Vereins im November platzt die Festhalle aus allen Nähten. "An diesem Tag kommen mehr Besucher als Sülldorf Einwohner hat. Das trägt auch zum Zusammenhalt und Zusammenwachsen der Einheitsgemeinde Sülzetal bei. Es war ja nicht einfach, die acht Dörfer zusammenzuwürfeln", sagt Methner. Ganz in diesem Sinne ist auch Salzsieder Lutz Hellbach bald wieder unterwegs. Am 9. Mai dieses Jahres veranstaltet er bei der Bahrendorfer Gartenschau im Park am Schloss Bahrendorf ein Schausieden und will seinen Ort vorstellen. Wer eher auf den Geschmack des Siedesalzes kommen will, kann direkt bei der Gemeinde Sülzetal nachfragen, die dann vermittelt.

   

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