Oschersleben l In der Wohnung des Inders Neel Rathod riecht es angenehm blumig und nach asiatischen Gewürzen. Es ist spartanisch eingerichtet, aber sehr sauber. Die Sonne scheint durch das Fenster in das helle Wohnzimmer. Hier wohnt der Hindu nicht alleine. Er teilt sich die 70-Quadratmeter-Wohnung mit drei Landsleuten.

"Ich bin seit zwei Jahren in Deutschland. In meiner Heimat Gujarat (Bundesstaat von Indien, Anmerkung der Redaktion) gibt es immer wieder Probleme zwischen Hindus und Moslems, die auch in Gewalt enden", berichtet Rathod. Deshalb habe er schweren Herzens seine Familie zurückgelassen, um hier in Deutschland Fuß zu fassen. Dass er nicht verheiratet und kinderlos ist, habe die Entscheidung, von dem Subkontinent zu fliehen, leichter gemacht. Über Internet nehme er ab und zu Kontakt in seine Heimat auf. Wie er im Moment hier in der Humboldstraße lebe, findet der 31-Jährige in Ordnung, wie er sagt. Auch sei er nicht angefeindet worden.

Aktuell zehn Wohnungen an Landkreis vermietet

"In dieser Wohnung wird viel gekocht. Oft sitze ich dabei, lasse mir das leckere Essen schmecken. Die Leute hier sind sehr gastfreundlich", erzählt Jo Jansen. Der Holländer hatte vor wenigen Jahren den Neubaublock in der Wasserrenne von der kommunalen Wohnungsgesellschaft Bewos erworben. "Hier ist doch alles in Ordnung", betont der Investor und wehrt sich gegen Vorurteile, die seiner Meinung nach gegenüber einer zentralen Unterbringung von Asylbewerbern und Flüchtlingen in seinem Objekt im Neubaugebiet Wasserrenne in Oschersleben herrschen.

Die Volksstimme hatte in ihrer Ausgabe vom 30. April über die Suche des Landkreises nach einer zentralen Flüchtlingsunterkunft für bis zu 200 Menschen berichtet. Sowohl Oscherslebens Bürgermeister Dieter Klenke als auch sein Nachfolger Benjamin Kanngießer (beide parteilos) hatten jedoch davor gewarnt und eine möglichst dezentrale Unterbringung gefordert, ohne jedoch den Landkreis zu kritisieren. So habe bis vor wenigen Monaten niemand mit einer derart großen Anzahl von Flüchtlingen rechnen können. "Aus Praktikabilitätsgründen muss zentral unergebracht werden", hatte beispielsweise Klenke gegenüber der Volksstimme gesagt.

Auch Bewos-Geschäftsführer Thomas Harborth sowie Stadtrat René Herbert hatten sich dementsprechend geäußert. Und mit der Ablehnung einer zentralen Unterbringung in dem Block in der Humboldstraße waren die Befragten auf einer Linie. Als Gründe wurden Vorbehalte in der Bevölkerung genannt sowie das städtebaulich ungünstige Umfeld. "Ich bin gegen eine Massentierhaltung," machte René Herbert seinen Befürchtungen Luft.

"Gegen diesen Begriff wehre ich mich", betont Jo Jansen nun und hält dagegen: "Menschen können hier sehr gut wohnen. Solch negative Berichte ziehen Unglücke wie in Tröglitz ja erst an." Er sehe nichts Negatives in der Unterbringung in seinem Block in der Humboldstraße. Aktuell vermiete er 10 Wohnungen für 30 bis 40 Asylbewerber, aber auch an Deutsche. Ginge es nach ihm, können es gern auch mehr werden. "Hier ist ein sehr gutes Miteinander. Ausländische Bewohner waren sogar schon für einen kranken Deutschen einkaufen. Die Menschen sind äußerst nett untereinander", sagt der Holländer.

Sozialbüro für Ausländer ist hier untergebracht

Auch der Landkreis sei sehr zufrieden mit der Unterbringung. Mit dessen Mitarbeitern stehe er in ständigem Kontakt, zumal die zuständigen Behörden bereits ein Sozialbüro für Ausländerfragen in dem Block eröffnet haben. Tatsächlich arbeiten hier sogenannte Integrationsbeauftragte als Ansprechpartner für die rund 120 Flüchtlinge und Asylbewerber in Oschersleben.

Jo Jansen würde seine Wohnungen auch an Deutsche vermieten. "Aber wegen der Vorurteile wollen die hier keine Wohnungen mehr haben, wenn sie wissen, hier wohnen Ausländer", schüttelt er den Kopf. So habe er dem Landkreis seine Wohnungen für die Unterbringung von Flüchtlingen angeboten. An der Ausschreibung des Landkreises für eine zentrale Unterbringung wollte er sich jedoch nie beteiligen. Im übrigen bekomme er vom Landkreis eine Miete für jede an Asylsuchende vergebene Wohnung. "Die landläufige Meinung, ich bekomme mein Geld pro untergebrachten Flüchtling, ist schlichtweg falsch", betont Jansen und führt in die nächste Wohnung.

Auf rund 60 Quadratmetern sind drei junge Männer aus Afghanistan untergebracht. Masumi Montar Hossein, Javad Salldie und Mahdi Alizaela, 20 und 21 Jahre alt, sind vor dem Krieg in Afghanistan geflohen und froh, jetzt in Deutschland in Sicherheit zu sein. Auch ihre Wohnung ist sauber, aufgeräumt und hell. Tee und ein Sitzplatz werden angeboten. "Das ist deren Mentalität. Die Leute aus Asien und Afrika sind generell sehr gastfreundlich und hilfsbereit, auch unter den vielen Nationen, die hier leben", weiß Jansen aus eigener Erfahrung. Der 21-jährige Mahdi Alizada war in seinem Heimatland ausgebildeter Mechaniker. Hier mache er sich Freunde, weil er die Fahrräder der Mitbewohner repariere. "Die stammen übrigens, wie die Möbel und Klamotten auch, aus Spenden", erklärt der holländische Investor.

Investor würde Flüchtlingen Arbeit geben

Überhaupt sei Arbeit das, was den Menschen ausmacht. "Das Gefühl, gebraucht zu werden, ist ganz wichtig für die Leute hier, egal ob sie aus Afghanistan, Syrien, Mali, Benin oder Neuguinea kommen. Und ich habe Arbeit", sagt Jansen weiter. Nun wolle er sich bei den Behören stark machen, dass die Flüchtlinge etwas arbeiten können, trotz noch ausstehender Asylbescheide.

 

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