Aus Wahlkampf-Patzer entwickelt sich eine hohe Anerkennung

Angela Merkels besondere Beziehung zu Salzwedel beginnt mit einem Wahlkampf-Auftritt im Februar 2011 in Baden-Württemberg. "Wer gegen Stuttgart 21 ist", den verweist Merkel nach Salzwedel - ihr Schreckbild für die "Dagegen-Republik": "Die Stadt hat einen Bahnhof, aber den Anschluss verpasst." So berichtete die Stuttgarter Zeitung über die Äußerungen der CDU-Vorsitzenden.

In Salzwedel ist man empört. Viele Bürger fühlen sich ungerecht behandelt. Oberbürgermeisterin Sabine Danicke (parteilos) lädt Merkel zum Neujahrsempfang ein. Doch die Kanzlerin lehnt ab. Wenig später kündigt sie als CDU-Vorsitzende einen Besuch an. Doch die internationale Politik kommt dazwischen. Merkel muss kurzfristig wegen einer Libyen-Konferenz in Paris ihren Auftritt absagen.

Im April 2013 ist es soweit: Die Kanzlerin besucht im Zuge ihrer Demografie-Tour Salzwedel. Und es gibt eine Entschuldigung. "Ich wollte niemanden in Salzwedel beleidigen. Heute habe ich hier gesehen, was in der Stadt an positiven Dingen bewegt wird", sagt sie. Nicht einmal ein Jahr später ist Merkel wieder da, nun doch beim Neujahrsempfang, der deswegen um zehn Wochen verschoben wurde. (pn)

Salzwedel l "Sollten mir jemals die Worte gefehlt haben, das Richtige über Salzwedel zu sagen, kann ich amtlich mitteilen, dass mir das Herz voll sein wird, wenn ich wieder einmal über Salzwedel spreche", versprach die Kanzlerin den 600 Zuhörern im Kulturhaus der Stadt. Lacher und Applaus hatte sie mit dieser Aussage auf ihrer Seite.

Und wenn ihr irgendwann einmal jemand übel genommen hatte, dass sie Salzwedel als Stadt bezeichnet hatte, die den Anschluss verpasst habe (siehe Infokasten), so war er Montag mit dem sympathischen Auftritt von Angela Merkel sicher versöhnt.

Merkel bedankte sich für Einladung nach Salzwedel


Die Kanzlerin durfte sich gleich nach ihrer Ankunft ins Goldene Buch der Stadt eintragen. Einen Seitenhieb auf Merkels einstige Wahlkampf-Rede ließ sich Oberbürgermeisterin Sabine Danicke (parteilos) nicht nehmen. "Unverständlich ist, dass wir in punkto Autobahn seit 1990 überregional politisch nur mäßig berücksichtigt wurden. Da hat es schon den Anschein, dass wir den Anschluss verpasst haben." Sie forderte einen schnellen Bau der A 14 von Magdeburg über die Altmark nach Schwerin. Die Region wolle das Alleinstellungsmerkmal "Größter autobahnfreier Raum Deutschlands" nach 25 Jahren deutscher Einheit endlich loswerden.

Merkel teilte diese Einschätzung: "Wo sich andere Städte gegen neue Verkehrswege wehren, ist Salzwedel scharf darauf, welche zu bekommen." Das will sie mit nach Berlin nehmen. Merkel erinnerte daran, dass Salzwedel mit seiner Lage in Grenznähe nicht vom Schicksal begünstigt gewesen sei, aber nach der Wende die Chance zur Veränderung ergriffen habe: "Hier hat man an alte Stärken angeknüpft und neue entdeckt."

Für den mittelständisch geprägten Standort Sachsen-Anhalt sei die Hansestadt ein gutes Beispiel. Gerade für ländliche Regionen sei es wichtig, auf den demografischen Wandel zu reagieren. Merkel erinnerte an ihren Besuch im April 2013. Damals hatte sich die Regierungschefin bei ihrer Demografie-Projekt-Reise über neue Formen der Mobilität bei der Personenverkehrsgesellschaft (PVGS) des Altmarkkreises informiert. Montagabend sagte sie dazu: "Bundesweit können wir zeigen, wie es hier gemacht wird."

Der letzte Neujahrsempfang des Jahres


Danicke hatte die Kanzlerin mehrfach zu Empfängen der Stadt eingeladen. Nach der Zusage für den diesjährigen Neujahrsempfang verschob die Verwaltung die Veranstaltung auf den 31. März - damit war es der letzte Neujahrsempfang, den die Bundeskanzlerin in diesem Jahr besuchte. Merkel hatte vor ihrer Reise in die Altmark bereits ein umfangreiches Programm absolviert. So hatte sie in der Berliner Robert-Jungk-Oberschule für die bevorstehende Europawahl geworben und den Präsidenten der westafrikanischen Republik Senegal empfangen.

Die Kanzlerin versicherte vor ihrer Abreise, "Grüße aus Salzwedel in Berlin zu verstreuen". Dabei denkt sie auch an Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, die einen Draht in die Region hat. Denn: Helga Weyhe aus Salzwedel, Deutschlands älteste Buchändlerin, ist mit von der Leyhens Schwiegermutter einst in eine Klasse gegangen.

Angela Merkel beim Salzwedeler Neujahrsemp...

Salzwedel. Bundeskanzlerin Angela Merkel war der Stargast beim Salzwedeler Neujahrsempfang.