Die Kunst- und Trödelmarktweiber aus Seehausen sind stets für eine Überraschung gut. Diesmal hatten sie für den Auftritt in der Seehäuser Salzkirche "Die Story-Destille" angekündigt. Aber wie die Geschichten verpackt sein würden, war bis zum Schluss das große Geheimnis.

Seehausen l Natürlich hatte die Idee dafür "Kulturattaché" Sigrid Haut. Die Mischung heiterer und nachdenklicher Texte wollte gekonnt serviert sein. Da kamen ihr Flaschen in den Sinn, und weil kurz vor dem Abend der 1. April war, erlaubte sie sich folgende Zeitungsente als Einstieg: "Taucher bargen Kulturschatz unterhalb des Seehäuser Wehres." Deckel auf! Viele Flaschen mit je einer Geschichte drin.

Vereinschefin Franka Rosenkranz öffnete ihre Pulle als erste und entführte die Zuhörer in die Geschichte über den "Weinbau in Stendal". Um die Jahrhundertwende war Wein billiger als Bier, und in der Altmark wurde praktisch kein Wein angebaut. Vergessen waren die Stendaler Luxusgesetze des 16./17. Jahrhunderts, als die Altmärker zum Landweinanbau verpflichtet wurden, weil der gewürzte Tropfen als medizinischer Morgentrunk galt.

"Ich bin die Älteste. Ich darf als nächste", tönte Dietlinde Bodenstein anschließend und entkorkte "Die erste Liebe". Sie erzählte von einem bis an den Rand mit Schweigen angefülltes Tal und leuchtend weißem Sonnenschein. "Eine Frau litt an mir, ich begann, gleichfalls zu leiden." Nur zu dumm, dass die Auserwählte eine eingebildete Herrin war.

"Heute ist der neue Mann gefragt"

Über schöne Frauen und Tipps von Promi-Ärzten berichtete Viola Runge. "In Amerika freut man sich für den Nachbarn, wenn er ein neues Auto hat. In Deutschland wird alles verrammelt. Vom Tellerwäscher zum Geschirrspüler eben", spaßte sie weiter.

Mit einem Gedicht von Joachim Ringelnatz über Frankfurt und Blumenkohl mit Bröseln schaffte Susann Schneider den Übergang zu dem Text "Heute ist der neue Mann gefragt" beziehungsweise "Ralf nippt am Yogitee". Heute sei der Jakobsweg "in", nicht "Fightclub". Die Götz Georges sterben aus.

Ralf ist nicht auf Aktienkurs, er fragt: "Kochst du auch nach Jamie Oliver?" Die Rolling Stones gehen ja auch nur auf Tour, um nicht den Müll runterbringen zu müssen. Ralf sagt: "Wenn sich eine Frau auszieht, frage ich mich, ob ich nach Koch- und Buntwäsche unterteilen soll!" Im Beautycenter bleibt nach Chilikompresse nur ein Schlusswort: "Ralf, hol` mich hier raus."

Passend dazu angelte Jeannette Alt danach "Das Lied vom blöden Ritter" heraus, bevor Zeitungsjunge Claudia Preuschoff die ganze Mischpoke aufmischte und einen Artikel aus dem Seehäuser Wochenblatt von 1930 verlas. Nämlich: "Wer den Pfennig nicht ehrt!" Es gab Ein- und Zwei-Pfennig-Stücke und auf einmal die Überlegung, Vier-Pfennig-Stücke einzuführen, weil es den Leuten zu kleinlich war, mit Pfennigen zu bezahlen. Obwohl Kupfergeld genauso gut sei wie ein Zehn-Mark-Schein. In Gasthäusern würden die zehn Prozent für die Bedienung bei 1,60 nur 16 Pfennige betragen. Aber mindestens auf 20 werde aufgerundet, weil ja keiner als kleinlich gelten wolle. "Kein Grund, den Pfennig wegwerfend zu behandeln", schloss Preuschoff ihre Ansage.

2015 gibt es wieder eine Sommertanznacht

Den Vogel schoss nach der Liebesgeschichte über eine italienische Arbeiterehe (1923) von Christiane König aber Susann Schneider mit "Als gustaf nagel in den Reichstag wollte" ab. Mit seiner christlichen Volkspartei schaffte er 6000 Stimmen, die nicht reichten.

Kurzum: Sigrid Haut hat seit Januar mit ihren Frauen ein unterhaltsames Programm geprobt, am Sonnabend die Gäste kulinarisch verwöhnt und die Lachmuskeln strapaziert. "2015 gibt es wieder die Sommertanznacht, einen Hutball", kündigte sie an.

   

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