Die fetten Jahre, als Gerätehäuser in jedem Dorf erneuert und mit moderner Technik bestückt wurden, sind vorbei. Dass nicht jede Ortsfeuerwehr gehalten werden kann, ist mittlerweile den meisten Blauröcken, deren Förderern und Kommunalpolitikern auch in der Verbandsgemeinde Seehausen klar.

Rathlseben l Trotzdem wäre das Abwickeln der ersten von 34 Wehren in der Verbandsgemeinde Seehausen gegen den Willen von Kameraden und Einwohnern eine Zäsur, die ihresgleichen sucht. In Rathsleben scheint es so weit zu sein.

Die Blauröcke des ehemaligen Kossebauer Ortsteils wurden von ihrem Dienstherren, Verbandsgemeindebürgermeister Robert Reck, am vergangenen Freitag angewiesen, ihre Tragkraftspritze TS8/8-ZL 1500) an die Brandbekämpfer in Lückstedt abzugeben. Denn dort ist eine Pumpe defekt, das Ersatzgerät leckt. Die Reparatur der am wenigsten mitgenommenen Pumpe wäre mit 3000 Euro unwirtschaftlich, weil ab etwa 10000 Euro schon eine neue haben wäre. Aber das ist ohnehin Kaffeesatzleserei denn die Verbandsgemeinde hat weder für das eine noch das andere genug Geld.

Ausbildung nicht auf erforderlichem Stand

Offenbar geht man den Weg des geringsten Widerstandes und bedient sich bei der kleinsten Wehr, orakeln die Rathslebener Blauröcke, die bei 35 Einwohnern 17 Kameraden (90 Prozent der Männer) in ihren Reihen zählen. Immerhin 11 sind aktiv, erklärt Hartwig Bretschneider, der vor Jahren mitgeholfen hat, die Wehr zu reaktivieren. Sicher auch mit dem besonderen Hintergrund, dass das heutige Straßendorf und die Kirche erst entstanden, als das alte Rundlingsdorf nord-östlich des Gotteshauses 1824 abgebrannt war und daraufhin eine Wehr gebildet wurde, die auch ohne Gründungsdatum allein mit dem auf 1846 datierten Kauf einer Handdruckspritze zu den ältesten im Land gehören dürfte.

Während die Historie eindeutig auf der Seite der Rathslebener Feuerwehr ist, sprechen Fakten und Paragraphen gegen die Blauröcke. Der Wehrleiter - und wohl auch einige Kameraden - verfügen nicht über die vorgeschriebene Ausbildung, die für den Erhalt der Wehr nötig wäre. Die mangelnde Tagesbereitschaft kann man den Rathslebenern wiederum nicht vorwerfen, da hakt es auch bei größeren Truppen. Das hohe Durchschnittsalter oder mangelnde Einsätze will "Höhe"-Bürgermeister Bernd Prange nicht gelten lassen. Denn wenig Einsätze seien auch ein Qualitätssiegel. Außerdem hält er den Rathslebenern zu Gute, dass sie ihren 45 Jahre alten Ford Transit, für den sie am Gerätehaus extra angebaut haben, ebenso liebevoll pflegen wie die TS8/8, die 1999 zusammengeschraubt wurde und nun in Lückstedt ihren Dienst versehen soll.

Von einem Abwickeln der Feuerwehr wollte Robert Reck nicht sprechen. Aber wie das mit einer Löschgruppe, als die sich die Rathslebener inzwischen auch den Kossebauer Kameraden anschließen würden, ohne Pumpe als Herzstück eines jeden Feuerwehreinsatzes funktionieren soll, weiß er auch nicht.

Der Verbandsgemeindebürgermeister beruft sich bei seiner Anweisung auf eine Empfehlung der Verbandsgemeindewehrleitung, die schon vor einem Jahr getroffen worden sei und die die Rathslebener also nicht unvorbereitet treffen dürfte. Mit dem Hinweis auf die Empfehlung will er sich nicht aus der Schusslinie nehmen, sondern bekräftigt, dass er das Votum von fachlich versierten und demokratisch gewählten Vertretern aufgrund sachlicher Tatsachen nicht zu korrigieren gedenkt, sonst könnte man sich das Gremium ja gleich sparen. Und er gibt zu bedenken, dass die Pumpe immerhin zur Absicherung des Brandschutzes in der Gemeinde "Höhe" bleibt und nicht irgend wohin versetzt wird.

Menschlich findet er das Prozedere genauso unglücklich wie Verbandsgemeindewehrleiter Michael Märten, der befürchtet, bei ähnlichen Schritten Kameraden zu verlieren, so wie auch die Rathslebener einen Austritt aus der Feuerwehr nicht ausschließen. Dass das vergleichsweise wenige Geld für eine Pumpe fehlt, sei indes kein vor Ort verschuldetes Problem, sondern Folge der momentanen Finanzpolitik.

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