Schallplatte, Badekappe, Daumenkino - gibt`s das alles noch? Die Volksstimme spürt in einer Serie selten gewordenen Dingen nach. Heute: Die Dauerwelle.

Stendal l Neben Neonfarben, Zauberwürfel und Walkman brachten die 80er Jahre auch frischen Wind in die Modewelt. Schulterpolster, Leggins und Schlabberpulli waren ein Muss in den Kleiderschränken, und führten zu einem neuen weiblichen Selbstverständnis. Auf dem Kopf war indes die Dauerwelle en vogue, inspiriert von Stilikonen wie Madonna oder Joan Collins.

"In den 80ern haben wir Locken gewickelt wie die Weltmeister", erinnert sich Kerstin Prause. Die 50-Jährige ist Obermeisterin der Frisör-Innung im Landkreis Stendal und weiß seit knapp 30 Jahren um die Frisurwünsche der Frauen. Dauerwellen gehören immer weniger dazu. "Der Trend geht zu glatten Haaren und kleineren Köpfen. So eine richtige Löwenmähne wollen heute die Wenigsten", sagt Prause.

In den 80er Jahren war das anders: Anni-Fried von ABBA, die "Drei Engel für Charlie" und Jennifer Grey aus "Dirty Dancing" waren mit ihrer lockigen Haarpracht Vorbild für Millionen Frauen. Die Dauerwelle erlebte ihre Hochzeit.

Tatsächlich ist die Frisur aber schon über einhundert Jahre alt. 1910 ließ sich der deutsche Frisör Karl Ludwig Nessler die Technik patentieren, bei der die Haare chemisch erweicht, gewickelt und erhitzt werden. "Am Grundprinzip hat sich bis heute kaum etwas geändert", sagt Kerstin Prause, "die Einwirkzeit des Oxidationsmittels ist kürzer, aber der unangenehme Geruch ist geblieben".

Eine Dauerwelle will gelernt sein

Rund zwei Stunden muss eine Kundin mitbringen, wenn sie eine Dauerwelle verlangt - handelt sich die damit verbundene Arbeit doch um alles andere als ein Kinderspiel. Obwohl die Nachfrage nur noch gering ist, gehört eine Dauerwelle für Auszubildende zum Grundstoff und wird im ersten Teil der Gesellenprüfung abverlangt. Sowohl theoretisch als auch praktisch.

"Auf der einen Seite sollen Lehrlinge die chemischen und physikalischen Prozesse dahinter verstehen, zum anderen muss der handwerkliche Ablauf Dutzende Male geübt werden. Drei Mal Lockenwickler draufziehen, genügt da nicht", weiß die Obermeisterin.

Doch wer sind die Menschen, die der Dauerwelle die Treue und damit den Mythos am Leben halten? Wie viele Frisörinnen in Stendal gegenüber der Volksstimme auf telefonische Anfrage bestätigen, handelt es sich vornehmlich um ältere Frauen, die sich von aktuellen Trends nicht beeinflussen lassen. Für sie steht eher der praktischen Nutzen der Dauerwelle im Vordergrund. Schließlich bleibt die Frisur mindestens drei Monate in Form und lässt auch dünnes Haar voluminös erscheinen.

Trotzdem hat auch Angela Sühs, Inhaberin des Salons "Hair Fashion", eine sinkende Nachfrage für die Dauerwelle beobachten können. "Frauen jüngeren und mittleren Alters tendieren eher zur Volumenwelle", verrät die erfahrene Frisörin.

Es gibt Alternativen zur Dauerwelle

Dabei handelt es sich um eine Alternative, die zwar nur halb so lange halte, das Haar aber deutlich weniger strapaziere und natürlicher wirke. Auch die Behandlung mit einem guten Lockenstab ermögliche einen tollen Look - allerdings höchstens für einen Tag.

Stirbt die Dauerwelle also allmählich aus? Nicht, wenn es nach vermeintlichen Styling-Experten in Frauenzeitschriften sowie Pflegeprodukt-Vertretern geht. Sie beschwören beinahe jedes Jahr aufs Neue das große Comeback der Dauerwelle, das sich in der Realität jedoch nicht bewahrheitet. "Alles nur Gerede", glaubt Innungsmeisterin Kerstin Prause zu wissen. Offenbar hat es sich so langsam ausgelockt.

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