Spätestens, seitdem an seinem Giebel ein Wandbild entsteht, ist der Klinkerbau an der Breiten Straße Stadtgespräch. Das Haus rückte auch in den Fokus von Frank Hoche. Der Museumschef recherchierte. Dabei stieß er auf eine Familie, die zum etablierten Osterburger Bürgertum zählte, bevor sich ihre Spur verliert.

Osterburg l Wenn Einwohner über das neue Wandbild am nördlichen Ende der Breiten Straße sprechen, reden sie über das Monsator-Gebäude. Monsator? Dieser Name wird dem mehr als 100 Jahre alten Haus nicht gerecht. Davon ist Frank Hoche überzeugt. "Denn die Zeit, in der dort eine Außenstelle des DDR-Haushaltsgroßgeräte-Herstellers Monsator untergebracht war, ist nur eine flüchtige Episode im Vergleich zu den mehr als fünf Jahrzehnten, in der die Familie Lies das Haus bewohnte, erzählt der Museumschef. Und fügt hinzu: "Es müsste eigentlich Lies-Haus heißen."

Nachlass half bei der Recherche

Frank Hoche hat in der Geschichte des Klinkergebäudes recherchiert. "Wegen der Bauarbeiten und dem Wandbild wurde zuletzt in der Stadt viel über das Haus gesprochen. Das weckte mein Interesse an seiner Geschichte", erzählt er über den Anstoß zu den Nachforschungen, die durch einen glücklichen Zufall erleichtert wurden. "Vor einigen Jahren erhielt unser Museum Fotoalben und Dokumente aus dem Nachlass der Familie Lies, die das Haus Breite Straße 40 über einen langen Zeitraum bewohnt hat."

Nach den Hoche zur Verfügung stehenden Quellen etablierte der Fleischermeister Fritz Lies sein Geschäft während des wirtschaftlichen Aufschwungs im ausgehenden 19. Jahrhundert und bezog in dieser Zeit das damals neu gebaute Haus. Noch vor dem Ersten Weltkrieg übernahm Sohn Adolf aber den väterlichen Betrieb. Sein Bruder Fritz Lies junior unterhielt auf der anderen Seite der Stadt (im Bereich Breite Straße 4) ein eigenes Fleischergeschäft.

Ob sich die Brüder im Alltag freundschaftlich arrangierten oder miteinander konkurrierten, ob sie die gleiche politische Ansicht vertraten oder nicht (Fritz Lies wurde 1933 mit Beginn des Dritten Reiches für die NSDAP in die Stadtverordnetenversammlung gewählt), geben die Quellen nicht her. Sie zeigen aber eine Tragödie auf, die Adolf Lies und seine Angehörigen am 31. Januar 1918 in ihrem Wohn- und Geschäftshaus ereilte. An diesem Tag verstarb die dreijährige Tochter Hanni nach kurzer, schwerer Krankheit, teilte die Familie in einer Zeitungsannonce mit.

Mündliche Überlieferungen lassen vermuten, dass dies nicht der einzige Todesfall blieb, der sich im Haus ereignete. So wurde Frank Hoche auch berichtet, dass sich ein Mitglied der Familie Lies 1945 als Angehöriger der Waffen SS in dem Gebäude das Leben genommen haben soll.

Spur verliert sich in den 50er Jahren

Die ersten Jahre nach Kriegsende und auch die DDR-Gründung haben der damals längst betagte Fleischermeister Adolf Lies und seine Familie vermutlich noch in Osterburg erlebt. In einem Album sind Fotografien aus den frühen 50ern enthalten. Einige wenige Seiten mit eingeklebten Bildern, dann bricht die Sammlung ab. "Und damit verliert sich auch die Spur der Familie", erzählt Hoche. Der Museumschef hofft aber, dass noch kein Schlussstrich gezogen werden muss. "Vielleicht findet sich unter den älteren Osterburgern jemand, der sich an die Familie erinnert und über sie berichten kann."

@066n Twitter Co.:Wissen Sie etwas über die Familie Lies und ihren Verbleib? Dann freuen wir uns auf ihren Anruf unter Tel. 03937/221821.

   

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