"Wir saufen förmlich ab!", sagt Volker Dabitz aus Schelldorf an der Elbe am Mittwochabend im Tangerhütter Stadtrat gleich dreimal. Der junge Mann forderte von der Verwaltung, etwas gegen die Wassermassen in seinem Dorf zu tun. "Wir haben das Wasser bis zum Hals, und es gibt keine Lösung", sagte er. Verzweiflung schwingt da mit. Noch ist es nur Grundwasser, das in den Kellern steht und Kläranlagen zum Erliegen bringt, wenn der Hochwasserpegel der Elbe fällt, kommt Drängwasser hinzu.

Schelldorf. Gestern morgen auf dem Deich bei Schelldorf: Schneegriesel von vorne und Temperaturen von einem Grad Celsius - Horst und Helga Stengel sind mit Hund Chayenne am Schelldorfer Deich unterwegs und halten nach Sickerstellen Ausschau. So wie 51 weitere Schelldorfer, die abwechselnd zweimal am Tag als Deichwachen unterwegs sind. Doch der Deich ist gar nicht das Problem der Dorfbewohner, sagt Volker Dabitz.

Noch handle es sich in Schelldorf ausschließlich um Grund- und Oberflächenwasser. Das steht schon jetzt auf Wiesen und in Kellern, weil das Dorf so tief liegt und Wasser von Grieben und anderen Orten nach Schelldorf abläuft. Auf einer Seite Schelldorfs ist die Elbe, auf der anderen der Schelldorfer See. Und der ist im Moment das eigentliche Sorgenkind: "Randvoll" sei der, sagt Dabitz und weil ein zu DDR-Zeiten gebauter Abfluss in Richtung des Bölsdorfer Schöpfwerkes dicht gemacht wurde und der Siehlgraben in Richtung Elbe wegen des Hochwassers nicht mehr ablaufen kann, drückt das Wasser in den Ort.

Auch Rolf Müller, beide sind Mitglieder des Ortschaftsrates in Schelldorf, bestätigt diese Beobachtungen. Er ist gebürtiger Schelldorfer und hat schon viele Hochwasser miterlebt. "Wenn der Elbepegel sinkt, dann sammelt sich das Drängwasser auch noch im Schelldorfer See, da passt aber nichts mehr rein." Generell geht der Landwirt gelassen an das Thema heran: "Dass die Wiesen unter Wasser stehen, das sind wir hier gewohnt, als Kinder sind wir auch mit Trögen über die überfluteten Wiesen gepaddelt." Und doch, was jetzt an Wasser da ist, das sei deutlich mehr als sonst, weil der Herbst schon feucht war und der Winter schneereich.

Das sieht auch Tim Garlipp als Problem. Im Keller des Landwirtes, der gleich am Schelldorfer Deich wohnt, steht das Wasser zwischen 20 und 30 Zentimeter hoch. "Das ist fast so viel, wie 2002 hier im Keller stand", sagt er. Selbst 2002 sei es das erste Mal gewesen, dass seine Mutter, die 1941 noch den großen Deichbruch miterlebte, soviel Wasser im Keller gesehen habe, erzählt er. Dabei ist der Keller gerade mal gute 40 Zentimeter in die Erde hineingebaut.

"Wir haben noch keine Katastrophe!"

In vielen Häusern wird bereits gepumpt, Kläranlagen seien ausgefallen, erzählt Volker Dabitz und: "Wenn nicht bald was passiert, dann braucht auch keiner mehr zu kommen, dann sind wir nämlich ersoffen." Bei einer Beratung des Krisenstabes war er gestern Vormittag auf Einladung der Bürgermeisterin der Einheitsgemeinde Stadt Tangerhütte, Birgit Schäfer, mit dabei. Sie hatte im Rahmen der Stadtratssitzung von mehreren Vor-Ort-Terminen in Schelldorf berichtet, einer davon auf Initiative der Schelldorfer Ratsmitglieder. Als Rufe nach Katastrophenschutz im Rat laut wurden, sagte sie: "Wir haben noch keine Katastrophe!"

Auch Rita Platte, Ortsbürgermeisterin in Grieben, hatte sich in die Hochwasserdiskussion im Stadtrat eingebracht und unter anderem eine bessere Zusammenarbeit in Sachen Deichwachen gefordert. Weil Grieben einen besonders langen Deichabschnitt zu überwachen habe, sollten in der Einheitsgemeinde auch Bürger aus anderen Orten hinzugezogen werden, findet sie. Sie war gestern auch in Schelldorf, um sich ein Bild zu machen und weil sie um Unterstützung bei der Suche nach Lösungen gebeten worden war. Noch zu DDR-Zeiten habe es Evakuierungspläne für Schelldorf gegeben, wonach Menschen und Tiere nach Grieben gebracht wurden, wenn es ganz dick kam. Auch 2002 wurden ältere Schelldorfer nach Grieben evakuiert.

Aus dem Landkreis hieß es gestern Vormittag noch, es sei eine in dieser Hochwasserlage "normale Situation." Landrat Jörg Hellmuth stehe in ständigem Kontakt mit Bürgermeisterin Birgit Schäfer. Am Nachmittag waren noch einmal Vertreter des Krisenstabes vor Ort, um sich ein Bild zu machen. Ergebnis: Es ist geplant, weitere Gräben zwischen Grieben und Schelldorf zu verbauen, damit nicht mehr Wasser in den See fließt. Und: Der Einsatz von Feuerwehren der Region, die die tiefsten Stellen im Ort abpumpen sollen, ist vorgesehen. Aber: Erst wenn der Siehlgraben in Richtung Elbe wieder ablaufen kann, nachdem der Elbepegel deutlich gesunken ist, kann auch das Wasser aus dem Schelldorfer See ablaufen und das Grundwasser im Ort sinken.

   

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