144 Seiten. Erika Frost hat sie geschrieben und fühlt sich nun leichter. Sie ist Buchautorin mit 77 Jahren und kann es selbst noch nicht fassen. Die Groß Garzerin schrieb immer nachts. Da wurden die Erinnerungen lebendig - die wunderschönen und die grausamen. "Ich habe nichts ausgelassen."

GroßGarz l Ein Buch auf Rezept. Den Anstoß zur Autobiografie von Erika Frost gab ihre Hausärztin. "Schreiben sie ihre Geschichte auf", habe sie gesagt und die Groß Garzerin befolgte diesen Rat. Sie brauchte ohnehin nur noch den Stift anzusetzen, "die Erinnerungen kamen sofort, es war wunderschön". Ermutigt auch von ihrer Tochter Heide-Karina Frost und mit einer neuen schwenkbaren Tischlampe, wurde Erika Frost zur nächtlichen Schreiberin. Ein Jahr lang, "und es ist nicht ein Wort dazugedacht".

Erika Frost ist in Neu-Haarschen geboren, einem Dorf in Masuren im damaligen Ostpreußen und heutigen Polen. "Die Menschen waren dort von einer selbstverständlichen Herzlichkeit beseelt", schreibt sie. Die kleine Erika liebte das Ländliche. Die Familie aus Oma, Opa, den Eltern und noch zwei Geschwistern, habe ein schönes Leben gehabt - als Selbstversorger mit einem "Garten Eden" vorm Haus, einem Pferd namens Liese und der Kuh Emma. Auf dem Markt in Lötzen verkaufte die Familie Eier, Butter, Obst, Gemüse und Honig, die Kinder gingen gern zur Schule.

Sehnsucht nach der alten Heimat schmerzt

"Eine ungetrübte Kindheit", schreibt Erika Frost. Bis 1939. Da spricht die damals Dreijährige die Worte ihrer Mutter nach: "Mein Gott, es gibt Krieg, mein Gott!" Der Vater muss bald an die Front und im November 1944 erfährt auch die kleine Erika leibhaftig, was Krieg bedeutet. Sie wird gemeinsam mit ihrer Oma, Mutter und Schwester evakuiert. Der Russe rückt näher, die Bahnhöfe brennen schon. In der Nähe von Allenstein wird die Familie herzlich aufgenommen. Aber der Russe kommt auch dorthin: "Mutti hatte gerade die heißen Kartoffeln abgegossen, da kam der Offizier herein", erinnert sich Erika Frost. Er isst und auch seine Soldaten gieren nach der Mahlzeit. Die Mutter kann ein paar Worte Russisch - und die Familie wird unter Schutz gestellt. Zum Horror wird dieser 27. Januar 1945 trotzdem: Erika Frost muss mit ansehen, wie die Russen aus "ihrem Haus" heraus Deutsche erschießen. Sie steht mit ihrer Mutter in der Besennische, als der Krieg tobt. In derselben Nacht wird ihre Schulfreundin erschlagen. Erika Frosts Mutter muss später Massengräber mit ausheben, ständig hat die Familie das Leid der Flüchtlingstrecks vor Augen.

Erika Frost hat dieses Inferno überlebt - und nicht nur sie. Opa, Vater und Bruder finden über das Rote Kreuz nach Groß Garz, wohin das Schicksal die Familie verschlagen hat. Wirklich willkommen seien sie dort aber nicht gewesen, "wir waren die Polaken", krank, verlaust und mit Lumpen bekleidet. Fremd in einem fremden Land zu sein, dieses Gefühl sei nie ganz gewichen. Die Sehnsucht nach der alten Heimat schmerzt sehr. Aber Erika Frost hat ihren Weg gefunden, damit umzugehen. Sie schreibt es auf und sie schreibt weiter. Wieder nachts, Fortsetzung folgt.

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