In der Debatte um den Schülertransport wurde vor einiger Zeit der Spruch "Kurze Wege für kurze Beine" geboren und auch von Politikern gern übernommen. Alte Beine sind meist zwar etwas länger, aber bei der Diskussion, die erst Ende vergangenen Jahres bei der Umstellung der Busfahrpläne im Landkreis Stendal erneut entbrannt ist, kamen sie einmal mehr zu kurz. Seit Jahren verschlechterte sich die Situation für die Senioren auf dem Land. Dabei sind auch sie auf bezahlbare und berechenbare Mobilität angewiesen, um sich ein Stück Unabhängigkeit zu bewahren.

Polkern. Auch die Senioren in Polkern fühlen sich mittlerweile wie das fünfte Rad am Bus. Die Fahrt nach Osterburg – im eigenen Pkw eigentlich nur ein Katzensprung – wird für Ruheständler ohne fahrbaren Untersatz zur logistischen Herausforderung.

Dabei können Ilse Kibach, Gisela Henning und bis zu zehn weitere potenzielle Buspassagiere im fortgeschrittenen Rentenalter über die Sorgen anderer Kommunen, die erst einmal eine Buswendeschleife bauen oder künstliche Hindernisse von den Fahrbahnen entfernen müssen, damit die Busunternehmen die Orte (wieder) anfahren, nur schmunzeln. Denn der Ort hat mit Hilfe des Dorferneuerungsprogrammes in den vergangenen Jahren neben einer neuen Dorfstraße auch eine zweite Buswendeschleife bekommen. Dazu eine schicke Fachwerkkonstruktion quasi als ortsbildprägendes Wartehäuschen.

Sage und schreibe drei Haltestellen weist der aktuelle Fahrplan von Stendalbus für das 140-Seelendorf aus. Doch Papier ist geduldig und der scheinbare Luxus angesichts der schrittweisen Streichungen im Personennahverkehr eher Makulatur. Im Fahrplan sind auf den Seiten der Linie 950 (von Seehausen über Polkern und Osterburg bis nach Stendal) in jede Richtung zwar an die zehn Bus-Stopps pro Tag vermerkt, nur können Ilse Kibach und ihre Leidensgefährten daraus wenig Nutzen ziehen. Die am meisten angefahrenen Haltestellen befinden sich nämlich am Fuß des Polkernschen Berges beziehungsweise noch einige hundert Meter weiter an der Bundesstraße 189. Viel zu weit und vor allem viel zu steil für alte Leutchen, die auf dem Rückweg vielleicht noch eine Einkaufstasche mit sich tragen müssen. Bei der Straßenbauplanung gehen Architekten von maximal sechs Prozent Steigung für mobil Beeinträchtigte aus. Am Polkernschen Berg ist der Wert an der steilsten Stelle gut und gerne doppelt so groß.

Die auf kurzem Weg erreichbare Haltestelle im Dorf wird vom normalen Linienverkehr nicht angefahren. Alternativen sind Schul- oder Rufbusse, die entweder zu einer unchristlichen Zeit fahren oder erst umständlich und gegen Aufpreis geordert werden müssen.

Dabei muten die Wünsche der Senioren am Steilhang der "Altmärkischen Höhe" bescheiden an. "Eine Busanbindung pro Woche, unabhängig von den Ferien, würde uns reichen", so Ilse Kibach. "Am liebsten donnerstags, wenn viele Behörden Sprechzeit haben. Gegen 9Uhr hin und zwischen 12 und 13 Uhr zurück", ergänzt Gisela Henning. Dabei denken die beiden Damen nicht nur an sich, sondern regen sogar eine Verbindung an, die auch die Nachbarorte Dequede und Krevese tangiert, wo die Senioren ähnliche Probleme haben.

Da sich nicht nur Landsenioren über schlechte Anbindungen beschweren, sondern auch Händler kräftige Umsatzeinbußen geltend machen, will der Landkreis jetzt zusätzlich Geld locker machen, um einen Teil der täglichen, aber schleppend angenommenen Rufbusse durch regelmäßige Marktbusse (dienstags und donnerstags) zu ersetzen. Das spezielle Haltestellenproblem für Polkern wäre damit aber nicht zwangsläufig gelöst. Dafür müsste Stendalbus auch regelmäßig Busse ins Dorf schicken und nicht in sicherer Entfernung vorbeifahren lassen.

Dem Geschäftsführer von Stendalbus, Uwe Rösler, ist das Problem inzwischen bekannt. Die Nachricht über eine mögliche Lösung steht allerdings noch aus. Vielleicht hält Ilse Kibach ja bald einen gefälligeren Fahrplan – angekündigtes Erscheinungsdatum ist der 14. Februar – in den Händen. Die Nachricht würde sich jedenfalls wie ein Lauffeuer in Polkern verbreiten. Denn die 78-jährige Seniorin sorgt nicht nur an der Bushaltestelle für Ordnung, die ihr am wenigsten nutzt. Sie ist auch kompetente Auskunftsstelle für die meisten anderen Rentner im Dorf.