Beate Mäskenthin begab sich gestern auf eine Zeitreise. Nach 41 Jahren betrat sie wieder das Haus, in dem sie ihre Kindheits- und Jugendjahre verbrachte: das Osterburger Lies-Haus.

Osterburg l Die Fliesen im Flur sind immer noch dieselben wie damals. Das gilt auch für die Innentür zum Fleischerei-Geschäft, die "meist offen war". Bei Beate Mäskenthin wurden gestern Kindheitserinnerungen wach. "War das schon immer so groß?", fragte sie beim Betreten des zur Breiten Straße und im Obergeschoss gelegenen Wohnzimmers. "Hier stand das Klavier", zeigte Mäskenthin in eine Ecke. "Ich sehe alles vor mir ..."

Bis 1970 hatte die heute in Magdeburg lebende Frau in dem Haus gewohnt, das ihr Urgroßvater Fritz Lies Ende des 19. Jahrhunderts erbaute. Über mehrere Generationen hinweg betrieb die Familie dort eine Fleischerei, die später in der HO aufging. 1973 verkaufte Mäskenthins Mutter Margarete Greiner, geb. Lies, das Haus. In den 80er Jahren war in dem Gebäude eine Außenstelle des DDR-Großgeräteherstellers "Monsator" untergebracht, nach der Wende dämmerte das zuletzt leerstehende Haus seinem Verfall entgegen. Die Situation änderte sich im vergangenen Jahr, als die Stadt ein Förderprogramm nutzte, um den markanten Bau zu sanieren.

Während dieser Arbeiten befasste sich auch Kreismuseumschef Frank Hoche näher mit dem Klinkerhaus und seinen Bewohnern. Über diese Recherchen berichtete die Volksstimme.

Beate Mäskenthin erfuhr nach einem Anruf von dem Zeitungsartikel. Die Osterburgerin Rosegret Kruppke schickte ihr die Volksstimme zu. Mäskenthin erkannte auf einem Foto ihre Mutter und erfuhr auch, dass ihr damaliges Wohnhaus nach vielen Jahren des Leerstandes durch die Kommune aufgewertet wurde. Für sie ein guter Grund, nicht nur der Biesestadt einen Besuch abzustatten, sondern auch die Räume des neusanierten Objektes zu betreten.

"Ich freue mich riesig, dass ich das Haus besichtigen darf", bedankte sich Beate Mäskenthin bei Ortsbürgermeister Klaus-Peter Gose und Bauamt-Mitarbeiter Siegfried Bartels. "Das sieht ja alles ganz anders aus", stellte die Magdeburgerin bei der Außenansicht fest. Einiges vom damaligen Gebäudekomplex, wie beispielsweise eine Tordurchfahrt, ist nicht mehr vorhanden. Dann fiel ihr Blick sofort auf das Wandbild auf. "Das sieht ja toll aus." Mäskenthin, die sich gern an ihre Osterburger Schulzeit zurück erinnert, erzählte, dass ihre Mutter oft versucht hat, das Gebäude zu veräußern. Da zur damaligen Zeit jedoch Bestrebungen seitens der Stadt bestanden, die Straße im dortigen Abschnitt zu begradigen, schlug der Verkauf vorerst fehl. Erst 1973 wechselte das Haus für 9000 Ost-Mark seinen Besitzer, wusste Beate Mäskenthin zu berichten. Ihre Mutter wohnte bis 2006 in der Biesestadt, zog anschließend in ein Pflegeheim nach Magdeburg. "Sie ist 93 Jahre, und ich habe ihr erzählt, dass ich nach Osterburg fahre. Sie hat sich mit mir darüber gefreut", sagte sie.

Fotoalben im Museum besichtigt

Bei früheren Besuchen hatte die Magdeburgerin feststellen müssen, dass ihr damaliges Zuhause mehr und mehr dem Verfall preisgegeben war. "Das tat mir in der Seele weh". Umso mehr freute sie sich über den aktuellen Zustand. "Den Dachstuhl haben wir komplett abgerissen und neu aufgebaut", sagte Architekt Guido Cierpinski, der dem Gast auch anhand von vielen Bildern Einblicke in die aufwendigen Sanierungsarbeiten, die von Juli 2013 bis Mai dieses Jahres über die Bühne gingen, gab. Vom Ergebnis war Beate Mäskenthin, die mit ihrem Ehemann Jürgen nach Osterburg reiste, sehr angetan.

Löste das Betreten der Räume Wehmut aus? "Nein", sagte die 69-Jährige. "Es ist schön, dass etwas geschaffen wurde." Dafür aber kamen die Erinnernungen. Die Magdeburgerin verriet, dass sie damals keine Wurst essen konnte. "Mit der Übernahme der Fleischerei durch die HO wurde auch in der Nacht produziert. Und das Schlafzimmer befand sich genau über dem Schlachthaus. Wir haben alles genau gehört."

Der Blick zurück endete für Beate Mäskenthin gestern aber nicht im Lies-Haus. Eine zweite Zeitreise nahm nur kurze Zeit später im Kreismuseum ihren Anfang. Dort lagerten in einem großen Karton mehrere Fotoalben der Familie Lies. Die gerührte Seniorin nutzte die Gelegenheit, um ausgiebig in den von Ende des 19. bis in die frühen 50er Jahre des 20. Jahrhunderts stammenden Erinnerungen zu stöbern.

 

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