Auch am Sonnabend blickten die Besucher im wieder voll besetzten Krumker Park-Café erwartungsvoll zum kleinen Tisch mit der Leselampe. Dort hatte die Berliner Schriftstellerin Gisela Steineckert, sicher vielen Älteren im Publikum besonders aus der DDR-Literaturszene und der Satire-Zeitschrift "Eulenspiegel" bekannt, Platz genommen.

Krumke l "Ich war sehr lange nicht mehr in dieser Gegend, irgendwann mal mit Veronika Fischer", sagte sie einleitend, und auf sich selbst bezogen: "Ihr seht eine glückliche Frau unter euch. Es war aber nicht so, dass ich ein Leben lang glücklich war." Später verriet Steineckert, warum sie nun glücklich ist: "Ich werde Urgroßmutter. Als ich das erfuhr, habe ich lange nicht mehr so geheult - vor Freude natürlich."

"Manchen Verrat möchte ich nicht missen"

Locker und zuweilen ein wenig burschikos, dabei einfühlsam, berührend, eindringlich und auch mahnend, voller Poesie und Leidenschaft las und erzählte die Berlinerin aus ihrem Leben. Sie sei ein bunter Stein, ein bunter Steineckert und so ziemlich die Letzte ihrer Weggefährtinnen wie Christa Wolf, Elfriede Brüning, Irmgard Morgner und Eva Strittmatter. Sie hatte gerade ihr 47. Buch veröffentlicht, einen Gedichtband mit dem Titel "Wenn du nicht mehr weiter weißt", der auch diesem Abend das Motto gab. Gisela Steineckert ist nicht nur in der Sichtweise auf die Dinge des Lebens sich selbst treu geblieben, sondern auch ihrem Umfeld. Seit 40 Jahren lebt sie in der "Platte" in der Leipziger Straße.

Ihre erste Schwärmerei für einen Mann, den sie rücklings fensterlnd mit "Schweinebammeln" zu beeindrucken suchte, sei gestorben, als sie sah, wie der sich in der Nase bohrte - eine Enttäuschung für die Achtjährige im Sommer 1939.

Zwischen ihren Geschichten und Gedichten griff sie kurzweilig und amüsant in ihren großen Lebenserfahrungsbehälter, beispielsweise müsse man Liebe für möglich halten und daran glauben, jedoch nicht alles könne toleriert und verziehen werden. "Lacht ein Mann über eine Frau, zeigt er sein wahres Gesicht". Oder: "Manchen Verrat möchte ich nicht missen und die Narben davon; woraus soll ich sonst Erfahrungen gewinnen, Menschen zu verstehen". Oder: "Ich muss in einer wahren Freundschaft riskieren, dass mir gesagt wird, was ich an meinem Leben ändern muss - nicht nur das Positive gehört in eine Liebe, sondern auch das, was Schmerzen bereitet." Das alte Thema um Mann und Frau und deren ganz alltägliche Begegnungen wird bei ihr nie langweilig.

"Nichts ist so, wie es uns das Kopfkino vorgaukelt"

Eine andere Geschichte, ein Gleichnis mit der Fliege, die man mit einer Handbewegung verscheuchen könne, nicht aber so die Probleme des Alltags, die hartnäckig einen Standpunkt verlangen, aus dem Weg räumen oder ihnen bequemerweise aus dem Weg gehen kann. "Nichts ist so, wie es das Kopfkino uns vorgaukelt."

Die Älteren kennen vielleicht noch das Lied, das Steineckert 1976 anlässlich des 1. Festivals des politischen Liedes in der DDR für Jürgen Walter geschrieben hatte: "Meinst du, die Russen wollen Krieg?". Viele Liedtexte oder Gedichte, die zu Liedern für Veronika Fischer, Frank Schöbel und anderen Interpreten wurden, sind aus ihrer Feder geflossen, unter anderem der "Karussell"-Hit "Als ich fortging", gesungen vom damalgen Frontmann der Rockband, Dirk Michaelis. Und die Schriftstellerin ging nicht fort, ohne auf Fragen einzugehen und ihre Bücher beim Kauf zu signieren.